Abgesang auf Jenapolis

Abgesang auf Jenapolis

Das wich­tigs­te unab­hän­gi­ge Nach­rich­ten­por­tal für Jena und sei­ne Umge­bung hat sich selbst so oft ver­än­dert, bis es fak­tisch nicht mehr zu benut­zen ist. Das ist das bedau­er­li­che Fazit, das man nach erneu­ten Umge­stal­tun­gen lei­der zie­hen muss.

Gern hät­te ich die fol­gen­den Gedan­ken in einem Kom­men­tar auf Jen­a­po­lis selbst unter­ge­bracht. Aber lei­der wur­de die Kom­men­tar­funk­ti­on gesperrt und ist nur noch für der Redak­ti­on bekann­te und ange­mel­de­te Nut­zer mit Klar­na­men zugäng­lich. Die Kon­tro­ver­se zu Klar­na­men auf Jen­a­po­lis gab es schon mehr­fach, das Ergeb­nis war jedes­mal das­sel­be. Es hat kaum noch jemand kom­men­tiert und der Mei­nungs­aus­tausch kam fast voll­stän­dig zum Erlie­gen. Anony­mi­tät ist ein wich­ti­ger Aspekt der Mei­nungs­frei­heit im Inter­net, erst­recht in die­sen Tagen, wo der all­zu auf­müp­fi­ge oder gar poli­tisch inkor­rekt den­ken­de Bür­ger mit Straf­an­zei­gen, Benach­tei­li­gun­gen, Ent­las­sung oder Shit­s­torms von selbst­er­nann­ten Block­warts rech­nen muss. Mit Trans­pa­renz — wie von Jen­a­po­lis behaup­tet — hat das wenig bis gar nichts zu tun. Trans­pa­renz kann und muss man von Staat, Poli­tik und Ver­wal­tung erwar­ten dür­fen, die Sicht­bar­ma­chung der Pri­vat­sphä­re und der Zugriff dar­auf ste­hen dage­gen auf einem ande­ren Blatt.

Hin­zu kommt, dass Jen­a­po­lis ab sofort auch kei­ne Pres­se­mit­tei­lun­gen von poli­ti­schen Par­tei­en mehr publi­zie­ren wird. Die­se wer­den als "Public rela­ti­ons" abge­lehnt und zwar nach der Devi­se 'Lie­ber kei­ner als alle' — ver­mut­lich mit dem Blick auf die AfD. Weil "die Lin­ken und die ande­ren Par­tei­en immer schwe­rer damit umge­hen wol­len, ja sogar die Stra­te­gie des Tot­schwei­gens als Leit­bild der poli­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on gewählt haben", ver­öf­fent­licht man lie­ber gar nichts mehr. Dabei hat­te doch Jen­a­po­lis gera­de auch den Mut beses­sen, das brei­te Spek­trum an poli­ti­schen Posi­tio­nen unge­fil­tert zur Ver­fü­gung zu stel­len und es dem Leser über­las­sen, sich sei­ne eige­ne Mei­nung zu bil­den. Ich kann mir vor­stel­len, unter wel­chen Beschuss die Jen­a­po­lis-Redak­ti­on gera­ten ist, als zu die­sem Spek­trum auch die AfD dazu­ge­kom­men ist. Doch jetzt in vor­aus­ei­len­dem Gehor­sam dar­auf mit der Ent­fer­nung aller poli­ti­schen Ver­laut­ba­run­gen zu reagie­ren, ist mei­nes Erach­tens der fal­sche Weg. Auch die Pira­ten, denen ich bekann­ter­wei­se ange­hö­re, haben größ­te Bauch­schmer­zen, was den Rechts­po­pu­lis­mus der AfD anbe­langt. Doch von der nun selbst­auf­er­leg­ten media­len Igno­ranz gegen­über Par­tei­en sind wir  eben­so betrof­fen. Ein gutes Bei­spiel, wie Zen­sur von Extre­men auch den all­ge­mei­nen und wün­schens­wer­ten Dis­kurs ein­schränkt. Lie­be Jen­a­po­lis-Redak­ti­on, ihr wollt kein Sprach­rohr der AfD sein? Das ist ver­ständ­lich. Aber ihr drückt damit auch der kom­mu­nal­po­li­ti­schen Oppo­si­ti­on Jenas die Keh­le zu. Par­tei­en wie die Pira­ten, die Bür­ger für Jena oder selbst die Lin­ke haben es schwer, die Men­schen in der Stadt über die bekann­ten Print­me­di­en zu errei­chen. Gera­de wir haben uns in den ver­gan­ge­nen Mona­ten im Stadt­rat die aller­größ­te Mühe gege­ben, trans­pa­rent über Vor­gän­ge hin­ter den kom­mu­nal­po­li­ti­schen Kulis­sen zu berich­ten und die wich­ti­ge Kri­tik am übli­chen Durch­re­gie­ren der Koali­ti­on anhand nach­voll­zieh­ba­rer Fak­ten ins Licht der Öffent­lich­keit zu rücken. Die­ses Licht schal­tet ihr an die­ser Stel­le aus. Dar­über hin­aus haben OTZ/TLZ auf ihren Online-Platt­for­men Pay­walls ein­ge­rich­tet, sodass selbst dort rele­van­te The­men und Arti­kel nicht mehr ein­fach so für jeder­mann erreich­bar sind. Jen­a­po­lis hat in den letz­ten Jah­ren die­se Lücke vor­bild­lich — und sicher in auf­op­fe­rungs­vol­ler Arbeit — gefüllt und ver­sucht, auch den kri­ti­schen Stim­men in der Stadt Gehör zu ver­schaf­fen. Das ist jetzt lei­der Geschich­te.

Hin­zu kom­men fast stän­di­ge Umge­stal­tun­gen des Lay­outs und der Navi­ga­ti­on, die die Ori­en­tie­rung auf der Platt­form erschwe­ren. Arti­kel­lis­ten in Spal­ten füh­ren nicht sel­ten zu völ­lig ver­al­te­ten Arti­keln aus Vor­jah­ren, wäh­rend man aktu­el­le The­men (z.B. den Auf­ruf zur Teil­nah­me an der Online-Umfra­ge zum Fra­ge­bo­gen des Bür­ger­haus­halts) nur schwer oder gar nicht fin­det. Kli­cke ich die Rubrik 'Stadt­rat' an, wird als Ergeb­nis ein ein­zi­ger (!) Arti­kel ange­zeigt. Ich selbst habe in den letz­ten Jah­ren nicht weni­ge Blog­posts zu den 'Gedan­ken­split­tern' auf Jen­a­po­lis bei­getra­gen. Beim Auf­ruf die­ser Rubrik ist davon nichts mehr übrig geblie­ben. Die Rubrik ent­hält der­zeit ledig­lich noch 12 Arti­kel neue­ren Datums.

Auf dem Por­tal sind außer­dem hau­fen­wei­se Feh­ler ent­hal­ten. Bei­spiels­wei­se stim­men die Teaser-Tex­te nicht mehr mit den Über­schrif­ten über­ein. So steht unter Tho­mas Nitz­sches Arti­kel zur Autofeind­lich­keit in der Stadt irgend­was von "Bür­ger­krie­ge und Kri­sen­her­de welt­weit" oder unter dem Titel "Islam — Isla­mis­mus" fin­det sich als Fort­set­zung der Hin­weis auf den 1000. Strom­spar­check. Sor­ry, lie­be Jen­a­po­lis-Leu­te, aber ihr habt solan­ge an eurem Por­tal her­um­ge­schraubt, bis man als bis­her lei­den­schaft­li­cher Jen­a­po­lis-Leser und -Nut­zer nur noch genervt das Hand­tuch wer­fen kann.

Jen­a­po­lis war bis­her DAS Schwer­ge­wicht an unab­hän­gi­ger, brei­ter, unge­fil­ter­ter und vor allem auch kri­ti­scher Infor­ma­ti­on in Jena. Was ist davon übrig geblie­ben? Ein Sam­mel­su­ri­um von in mei­nen Augen unüber­leg­ten und unaus­ge­reif­ten Ände­run­gen, die die Benutz­bar­keit des Por­tals fast gegen Null gefah­ren haben. Die bis­her immer ange­zeig­te Spal­te der aktu­ells­ten Leser­kom­men­ta­re ist nun wie­der ver­schwun­den, die öffent­li­che Dis­kus­si­on in der Stadt wie­der ein Stück ärmer gewor­den. Ange­sichts der Tat­sa­che, dass genau die­se Stär­kung des öffent­li­chen Dis­kur­ses immer euer Anspruch war, kann ich das nur schlecht ver­ste­hen. Dass man statt­des­sen nun Face­book-Links "sam­melt", ist ein schwa­cher Trost. Wer Face­book mag, bewegt sich dort und ver­folgt dort sei­ne Freun­de und Favo­ri­ten. Wer die Daten­kra­ke nicht mag, möch­te es auch nicht hin­ter­her­ge­wor­fen bekom­men. Die Attrak­ti­vi­tät von Jen­a­po­lis hat stark gelit­ten und ich selbst weiß momen­tan nicht so recht, war­um ich dort noch vor­bei­schau­en oder gar dafür schrei­ben soll­te.

Print Friendly, PDF & Email

Kommentar zu “Abgesang auf Jenapolis

  1. Joar .. ich ... in Jena geleb­ter .. jetzt gleich 50 Jah­re ... sehe das sich nicht nur die Stadt wan­delt son­dern auch aus dem sozia­lem mit­ei­nen­der ein Grüp­chen gewor­den ist. Jeder gegen Jeden.

    Glo­bal den­ken .. Lokal Han­deln.

    Das ist die Devi­se.

    Na wenigs­tens bin Ich hier goß gewor­den ^^ ... Jena hat schon was ..

    Aber im Moment geht das der Poli­tik ab ... alles wird gleich gemacht.

    Sela­vie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.