Antifa in die Kartoffelernte

Antifa in die Kartoffelernte

"Anti­fa auf dem Land ist undog­ma­tisch."1

In mei­ner Hei­mat­stadt sind inter­es­san­te Pla­ka­te auf­ge­taucht. Die Anti­fa macht mobil. Sie möch­te ihren "kom­for­ta­blen Kiez" ver­las­sen und "die Käf­fer flu­ten". Das Auf­bran­den der Revo­lu­ti­on in der ver­ab­scheu­ungs­wür­di­gen Pro­vinz steht unter dem Slo­gan Anti­fa bleibt Land­ar­beit. Zu viel Pro­vinz möch­te man sich dabei aber nicht zumu­ten, denn für die heh­ren Zie­le demons­triert man in Gera, einer Stadt mit 114000 Ein­woh­nern. Aus­gangs­punkt ist eine Art ideo­lo­gi­scher Neid auf die Rech­te, denn deren "Akteur*innen zie­hen bewusst in die Pro­vinz, schaf­fen und stär­ken Struk­tu­ren und kön­nen den öffent­li­chen Raum, das Kli­ma eines Pro­vinz­nes­tes ent­schei­dend beein­flus­sen, oft sogar bestim­men."2 Damit man selbst das "Kli­ma eines Pro­vinz­nes­tes" beein­flusst, muss man unbe­dingt "Deu­tungs­ho­hei­ten gewin­nen".

Wenn es um den "Kampf ums Gan­ze" geht, kom­men Men­schen nur in zwei Aus­prä­gun­gen vor, als Aktivist*innen und lin­ke "Agie­ren­de" auf der einen Sei­te und Neo­na­zis auf der ande­ren Sei­te. Da die links­ra­di­ka­le Sze­ne auf dem Dorf fak­tisch nicht vor­han­den ist, sind alle ande­ren, die dort übrig blei­ben, selbst­re­dend Nazis. Soll­te jemand noch Zwei­fel an der pseu­do­in­tel­lek­tu­el­len Ver­ach­tung haben, die über die Land­be­völ­ke­rung aus­ge­kippt wird, so über­zeugt das Foto auf dem Pla­kat schnell vom Gegen­teil. Es zeigt ein paar Schwei­ne, die sich um einen dre­cki­gen Trog scha­ren. Ach­ja, das Unter­be­wusst­sein ist doch eine fei­ne Sache und Bil­der spre­chen nicht sel­ten eine deut­li­che­re Spra­che als alle Mani­fes­te zusam­men. Es ist ja nicht so, dass die Anti­fa nicht wand­lungs­fä­hig wäre. Als man AfD-Höcke in sei­nem "Scheiß Drecks­nest" Born­ha­gen einen Besuch abstat­te­te, woll­te man noch "Dorf­ge­mein­schaft zer­stö­ren" und die "Land­flucht för­dern".3 Jetzt möch­te man immer­hin "Struk­tu­ren stär­ken", wobei ... bei nähe­rem Hin­se­hen ... klar wird, dass hier kei­nes­wegs die länd­li­che Infra­struk­tur und das Zusam­men­le­ben der Land­be­woh­ner gemeint sind, son­dern die Netz­wer­ke orts­an­säs­si­ger Links­ra­di­ka­ler. Der Kon­takt zur Bevöl­ke­rung auf dem Land beschränkt sich auf Pro­vo­ka­ti­on, Demons­tra­ti­on und soge­nann­te "Straf­ex­pe­di­tio­nen". Das schafft natür­lich viel Ver­trau­en und Sym­pa­thie und erleich­tert die Über­zeu­gungs­ar­beit.

antifaIn grau­en Urzei­ten war die deut­sche Lin­ke mal die poli­ti­sche Ver­tre­tung der arbei­ten­den und nicht sel­ten mit­tel­lo­sen Bevöl­ke­rung. Man kämpf­te gegen deren Aus­beu­tung und kapi­ta­lis­ti­sche Ver­wer­tung zuguns­ten des Pro­fits. Man trat für eine grund­le­gen­de gesell­schaft­li­che Umver­tei­lung ein und pran­ger­te die Sche­re zwi­schen Arm und Reich an. Ganz im Sin­ne von Marx ging es dar­um, die­je­ni­gen, die — ohne die Pro­duk­ti­ons­mit­tel zu besit­zen — den gesell­schaft­li­chen Reich­tum erar­bei­ten, auch an die­sem teil­ha­ben zu las­sen. Das war ein sym­pa­thi­sches und löb­li­ches Unter­fan­gen und ein wich­ti­ges poli­ti­sches Anlie­gen oben­drein. Es scheint so, dass von die­ser usprüng­li­chen Lin­ken heut­zu­ta­ge nur noch ein paar arro­gan­te Schnö­sel übrig­ge­blie­ben sind, deren infan­ti­les Welt­bild von Mut­tis Porte­mon­naie und Vater Staats Stüt­ze geprägt wur­de, die nie einen Hand­schlag har­te Arbeit leis­ten muss­ten und deren ein­zi­ger Pro­test den­je­ni­gen gilt, die noch in halb­wegs funk­tio­nie­ren­den Gemein­schaf­ten leben und deren Wert für ihr eige­nes Leben aner­ken­nen. Ihr gehät­schel­tes Feind­bild ist ihre ein­zi­ge Daseins­be­rech­ti­gung. Ihr hel­den­haf­ter Kampf täuscht dar­über hin­weg, dass sie der Gesell­schaft, für deren mora­li­sches Wohl und Wehe sie angeb­lich kämp­fen, nichts zu geben haben. Neben ihrer Nutz­lo­sig­keit kul­ti­vie­ren sie vor allem eine augen­schein­li­che Feig­heit. Die­se äußert sich in bren­nen­den Autos von ambu­lan­ten Pfle­ge­diens­ten, Pflas­ter­stei­nen von Dächern auf Poli­zis­ten­köp­fe, Brand­an­schlä­gen auf Bahn­glei­se und nicht zuletzt in der tap­fe­ren Ver­wei­ge­rung, mit den Leu­ten, um die es ihnen angeb­lich geht, auch nur ein ein­zi­ges Wort zu wech­seln. Deren Nöte sind, wie man kürz­lich lesen konn­te, ja nur ein­ge­bil­det.

Es gab mal eine "Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats", die für die Hybris jugend­li­cher Dumpf­ba­cken ein sinn­vol­les Heil­mit­tel parat hat­te. Schü­ler und Stu­den­ten karr­te man dort regel­mäs­sig aufs Land und liess sie dort in der Obst- oder Kar­tof­fel­ern­te schuf­ten. Wer schon ein­mal ein paar Tage einer Ern­te­ma­schi­ne hin­ter­her gestol­pert ist, um die wert­vol­len Rest­kar­tof­feln aus dem halb­ge­fro­re­nen Boden zu klau­ben, wird sich zumin­dest über die­je­ni­gen, die uns im Schwei­ße ihres Ange­sichts unse­re Nah­rungs­mit­tel pro­du­zie­ren, nicht mehr abfäl­lig äußern. Ganz im Gegen­teil. Wobei, auch das Kle­ben von Pla­ka­ten und das Aus­den­ken von mög­lichst ver­schwur­belt-ideo­lo­gi­schem Dünn­schiss kann schweiß­trei­bend sein. Aller­dings soll­te man der selbst­er­nann­ten Volks­tod­front bei Gele­gen­heit mal erklä­ren, dass das mit Arbeit genau­so wenig zu tun hat wie Schwei­ne-Hüten mit der heu­ti­gen Land­ar­beit. Viel­leicht hilft's ja.

Daher mein Vor­schlag: Anti­fa in die Kar­tof­fel­ern­te!

P.S.: Wahl­er­geb­nis Land­tags­wahl Meck­len­burg-Vor­pom­mern für die Lin­ke MINUS 5,2 % im Ver­gleich zur letz­ten Wahl vor fünf Jah­ren

Frauen bei der Kartoffelernte auf Dikopshof bei Sechtem, 9.10.57
Frau­en bei der Kar­tof­fel­ern­te auf Dikops­hof bei Sech­tem, 9.10.57

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