Franks SchreibBlog
Provokativ • Politisch • Persönlich • Polemisch

Aufgewertete Plätze

"Die gera­de Linie ist ein Werk­zeug des Teu­fels."
(Frie­dens­reich Hun­dert­was­ser)

Im Zuge der Erneue­rung eines maro­den Abwas­ser­ka­nals in der Wag­ner­gas­se krem­pelt die Stadt Jena der­zeit auch gleich den gan­zen Johan­nis­platz mit um. Nun ist der Johan­nis­platz nicht irgend­ein Platz, son­dern ein ein­zig­ar­ti­ges und authen­ti­sches Stück Jena­er Stadt­ge­schich­te. Die Begrün­dung dafür, war­um man die­sen Platz über­haupt ver­än­dern muss, fin­det sich in der ent­spre­chen­den Beschluss­vor­la­ge des Stadt­rats: "Es bestand die Ziel­stel­lung in einer ein­heit­li­chen Platz­wir­kung mit der Möglichkeit der uni­ver­sel­len Nut­zung des öffent­li­chen Rau­mes." Nun wur­de der öffent­li­che Raum dort auch bis­her schon "uni­ver­sell" genutzt, ins­be­son­de­re durch Gas­tro­no­mie, Ein­zel­han­del und ver­schie­de­ne Ver­kehrs­teil­neh­mer, vom Fuß­gän­ger bis zum Auto­fah­rer. Was sich so ein Stadt­ar­chi­tekt unter der Wort­hül­se einer "ein­heit­li­chen Platz­wir­kung" vor­stellt, bleibt genau­so schlei­er­haft. Aber wei­ter im Text: "Die Gestalt und Auf­ent­halts­qua­li­tät sowie die Nutz­bar­keit des Plat­zes und der Wag­ner­gas­se sowohl für Ver­wei­len­de als auch für die Gas­tro­no­mie und ande­rer Gewer­be­trei­ben­der wer­den erheb­lich ver­bes­sert." Die Auf­ent­halts­qua­li­tät auf dem Johan­nis­platz scheint so schlecht nicht gewe­sen zu sein, bevöl­ker­ten doch in der schö­nen Jah­res­zeit Tau­sen­de "Ver­wei­len­de" die dor­ti­gen Bier­gär­ten und Knei­pen. Das Ziel ist zudem nicht nur eine schlich­te Ver­bes­se­rung, nein es wird sogar "erheb­lich ver­bes­sert". Wir kön­nen uns also auf einen ganz beson­de­ren Qua­li­täts­sprung freu­en. Einen ers­ten Ein­druck von der Art die­ser Ver­bes­se­rung erhielt man vor dem Bau­be­ginn, als 6 von 9 der dor­ti­gen schat­ten­spen­den­den Stadt­bäu­me gefällt wur­den. Sie stan­den der "Auf­wer­tung" im Wege.

"Grund­ele­men­te der Gestal­tung sind dem Gestal­tungs­hand­buch „For­ma­tio Jenen­sis“ als Stan­dard für die Gestal­tung des öffent­li­chen Rau­mes ent­nom­men."1 Immer wenn es um Stan­dards geht, geht es auch um Ver­ein­heit­li­chung. Eine Stan­dar­di­sie­rung auf der Basis ein­heit­li­cher Gestal­tungs­vor­ga­ben führt zwangs­läu­fig zu einem Ver­lust an Ein­zig­ar­tig­keit, Ori­gi­na­li­tät und Wie­der­erken­nungs­wert. In den Fan­ta­si­en von Stadt­ar­chi­tek­ten, die gan­ze Vier­tel lie­bend gern nach ihrem Gus­to "auf­wer­ten" wol­len, spielt Beton eine gro­ße Rol­le. Beton­plat­ten, Stütz­mau­ern aus gestrahl­tem Beton, Trep­pen­stu­fen aus Beton, vor der Beto­ni­sie­rung ist nichts sicher. Genau die­se "ver­bes­ser­te Gestalt" wird man auch in Zukunft auf dem Johan­nis­platz fin­den. Was man dage­gen nicht fin­den wird, sind unver­sie­gel­te Flä­chen. Erde ist unmo­dern, dre­ckig und bedarf der Pfle­ge. Bür­ger könn­ten auf den Gedan­ken kom­men, dass man dort etwas pflan­zen müss­te. Statt­des­sen hau­fen­wei­se Fahr­rad­an­lehn­bü­gel und begra­dig­te Flä­chen. Alles, was irgend­wie alt, buck­lig, kur­vig oder sonst­wie unvoll­kom­men his­to­risch gewach­sen ist, muss selbst­ver­ständ­lich den Seg­nun­gen der moder­nen Archi­tek­tur unter­wor­fen wer­den. Hin­zu kommt ein moder­nes "Kunst­werk", das sicher Scha­ren von Tou­ris­ten und Besu­chern anlo­cken wird. Auf dem Johan­nis­platz wird das eine Kuh/Rind/Stier/Zugtier/? sein, auf dem Ernst-Abbe-Platz waren es z. B. ein paar Schrott­hau­fen.

Nun kön­nen wir die Aus­wir­kun­gen der gön­ner­haf­ten Hand unse­res Stadt­ar­chi­tek­ten, der — end­lich! — auch den Johan­nis­platz mit einer höhe­ren Auf­ent­halts­qua­li­tät aus­stat­ten kann, bald mit unse­ren eige­nen Augen bestau­nen. Wir haben aber eben­so die Mög­lich­keit, uns ande­re schon auf­ge­wer­te­te Plät­ze Jenas anzu­schau­en. Man muss da nicht viel Wor­te machen, die Fotos spre­chen für sich. Eini­ge von ihnen mögen viel­leicht für das Auge des archi­tek­tur­be­geis­ter­ten Foto­gra­fen inter­es­sant sein, für die Men­schen sind sie es offen­sicht­lich nicht. Man braucht sich nur eine Wei­le dort auf­zu­hal­ten, um zu bemer­ken, dass Men­schen dort nicht ger­ne sind. Das Leben macht um die­se Plät­ze einen Bogen. Manch­mal wer­den sie gezwun­ge­ner­ma­ßen genutzt, weil es kei­nen ande­ren Raum gibt (Ernst-Abbe-Platz), manch­mal die­nen sie ledig­lich als Durch­gang oder Abkür­zung (Son­nen­hof, Löb­der­stra­ße). Immer sind sie voll­stän­dig ver­sie­gelt. Beton, Asphalt­flä­chen, ein­ge­fass­te Bäu­me, Beton­klöt­ze statt her­kömm­li­chen Bän­ken. Manch­mal wur­den im Zuge der Auf­wer­tung exis­tie­ren­de Grün­flä­chen sogar ent­fernt (Phyl­e­ti­sches Muse­um).

Plät­ze die­ser Art fin­det man über­all. In Stutt­gart oder Des­sau oder Bre­men oder Frank­furt oder Tokyo. Sie sind mit dem glei­chen Blick ent­wor­fen und strah­len die glei­che lang­wei­li­ge Ste­ri­li­tät aus. Die emo­tio­na­le Ver­bin­dung von Men­schen zu die­sen Plät­zen ist gleich Null. Sie sind Fremd­kör­per im urba­nen Gefü­ge und dem orga­ni­schen Leben einer Stadt ent­zo­gen. Der Wort­stamm von Auf­wer­tung ist Wert, aber wor­in der in die­sen Fäl­len bestehen soll, ist nur schwer nach­voll­zieh­bar. Es sei denn Lee­re ist ein Wert an sich. Für mich sind die­se zwangs­auf­ge­wer­te­ten Plät­ze Bei­spie­le für fehl­ge­lei­te­te, letzt­end­lich geschei­ter­te Stadt­ent­wick­lung. Eine Stadt­pla­nung, die Emo­tio­nen und Bedürf­nis­se von Men­schen außer acht lässt. Man kann sicher immer über Geschmack strei­ten, aber hier geht es nicht um die Spiel­räu­me einer varia­blen Ästhe­tik. Es geht um städ­ti­schen Lebens­raum von Men­schen. Und ganz im Gegen­satz zu allen voll­mun­di­gen Behaup­tun­gen gab es auf den so auf­ge­wer­te­ten Plät­zen kei­ne erheb­li­che Ver­bes­se­rung der Auf­ent­halts­qua­li­tät, son­dern einen Ver­lust. Einen Ver­lust, den jeder direkt spü­ren kann, der sich dort auf­hält.

 

Print Friendly, PDF & Email

  1. In die­sem Hand­buch lesen wir, dass "Eigen­art" und "Cha­rak­ter" des öffent­li­chen Rau­mes zuneh­mend "durch eine oft zu gro­ße Viel­falt an Mate­ria­lien, Aus­stat­tungs– und Gestal­tungs­ele­men­ten" gestört wird. Wer sich hier war­um und wie gestört fühlt, bleibt dahin gestellt. Des­sen­un­ge­ach­tet möch­te man sich "der Aus­for­mung öffent­li­cher Stra­ßen, Wege und Plät­ze nach ein­heit­li­chen Prin­zi­pien" ver­schrei­ben und "bau­stein­ar­tig Vor­ga­ben für Pro­file, Mate­ria­lien, Far­ben, Ver­le­ge­ar­ten und Qua­li­tä­ten" for­mu­lie­ren. Sie­he http://www.frankcebulla.info/2015/der-neue-johannisplatz []

7 Kommentare

  1. Frank-Reply
    5. April 2016 von 06:01

    Gehö­ren Sie auch zu denen, die auf jede vor­ge­tra­ge­ne Kri­tik "Dann mach es doch bes­ser" ant­wor­ten? Damit kann man natür­lich alles "erschla­gen" und zur Tages­ord­nung zurück­keh­ren.
    Natür­lich kommt es dabei nicht auf "mei­ne Ide­en" an, man braucht nur zu googeln, um zu sehen, dass sich da schon ganz ande­re Leu­te Gedan­ken zu einer men­schen­freund­li­chen, orga­ni­schen und natur­na­hen Stadt gemacht haben. Die ein­fachs­te Idee, die mir aller­dings ein­fällt, besteht dar­in, ein­fach die Bür­ger zu fra­gen, wie sie einen Platz wol­len und was ihnen dabei wich­tig ist und das nicht einem ein­zel­nen Stadt­ar­chi­tek­ten zu über­las­sen, der meint allem sei­nen Stem­pel über­prä­gen zu müs­sen.

  2. Frank-Reply
    7. April 2016 von 08:20

    Was für den einen Nöle­rei ist, ist für den ande­ren berech­tig­te Kri­tik oder ein grund­sätz­lich ande­res Ver­ständ­nis von Stadt­raum­ge­stal­tung und -ent­wick­lung. Wie die Kom­men­ta­re auf Jen­a­po­lis zei­gen — spie­gelt das nicht nur mei­ne Mei­nung wider.

  3. Lara-Reply
    12. April 2016 von 05:45

    Wann kommt denn ihr Arti­kel zu: "JENA.2030 Heu­te schon Stadt­ent­wick­lung gemacht?" ?

Hinterlassen Sie einen Kommentar