Franks SchreibBlog
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Augen zu und weiter so (Wahlkommentar Teil 2)

Kom­men wir nun zu mei­ner eige­nen Par­tei, den Pira­ten. Tho­mas Ney hat mir dazu in sei­nem Wahl­ana­ly­se-Blog­bei­trag, den ich hier aus­drück­lich zur Lek­tü­re emp­feh­le, schon eini­ge Arbeit abge­nom­men. 130000 Wäh­ler hat­ten der Pira­ten­par­tei 2011 in Ber­lin ihre (Zweit-)Stimme gege­ben und mit 8,9 % dem poli­ti­schen New­co­mer ein tri­um­pha­les Ergeb­nis ver­schafft. 15 Man­dats­trä­ger zogen als Frak­ti­on ins Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­haus ein. Am Wahl­sonn­tag sind von den knapp 9 % auf ein­mal nur noch 1,7 % übrig geblie­ben. Der Wahl­kampf war auf vol­len Tou­ren gefah­ren wor­den, zwi­schen­zeit­lich waren Pro­gno­sen mit 3 % auf­ge­taucht, sodass man die Hoff­nung heg­te, doch noch die 5%-Hürde über­sprin­gen zu kön­nen. Es gab viel Enga­ge­ment der Mit­glie­der und Unter­stüt­zung ande­rer Lan­des­ver­bän­de. Trotz des gespal­te­nen Ver­hält­nis­ses vie­ler Par­tei­mit­glie­der zum Ber­li­ner Lan­des­ver­band rich­te­ten sich vie­le Augen und Hoff­nun­gen auf die Haupt­stadt. Ange­sichts des kürz­li­chen Par­tei­ju­bi­lä­ums "10 Jah­re Pira­ten­par­tei" pfleg­ten vie­le Akti­ve eine Mischung aus trot­zi­gen Durch­hal­te­pa­ro­len und nost­al­gisch gepräg­ter Begeis­te­rung, bei der man noch ein­mal alte Bil­der und Erfol­ge über die sozia­len Netz­wer­ke ver­brei­te­te. Übrig geblie­ben ist davon nichts. Es ist außer­or­dent­lich wich­tig, das ein­mal unver­blümt und in aller Scho­nungs­lo­sig­keit zu sagen. Bis auf eini­ge Außen­sei­ter (Mit­glie­der und sym­pa­thi­sie­ren­des Umfeld) wählt die Pira­ten nie­mand mehr.

Wohin sind nun die Wäh­ler der Pira­ten ent­schwun­den und war­um? Die ein­schlä­gi­gen Gra­fi­ken im Netz sehen so aus1:

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Kein ein­zi­ger Stamm­wäh­ler irgend­ei­ner ande­ren Par­tei hat sich für die Pira­ten ument­schie­den. Es gibt nur eine Rich­tung und die zeigt von den Pira­ten weg. Wenn man mal von den "Ande­ren" absieht, gab es die größ­ten Wäh­ler­be­we­gun­gen zu den Lin­ken, zu den Grü­nen und zur AfD. Die Inter­pre­ta­ti­on ist sehr ein­fach. Die­je­ni­gen, die die Pira­ten bis­her als Aus­druck ihres poli­ti­schen Pro­tests gegen die Eta­blier­ten ange­se­hen haben, gaben nun der AfD ihre Stim­me. Der ande­re Teil woll­te wohl nicht so recht ein­se­hen, wozu eine lin­ke Par­tei mit Inter­netaf­fi­ni­tät gebraucht wird, gibt es doch die lin­ken Ori­gi­na­le (und deren längst pro­fi­lier­te Netz­po­li­ti­ker).

Schau­en wir uns noch die berüch­tig­ten und poten­ti­ell so mäch­ti­gen Nicht­wäh­ler an:

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Es gibt nur zwei Par­tei­en, von denen sich Wäh­ler ent­täuscht zurück­ge­zo­gen haben, die Grü­nen (mit einem leich­ten Ver­lust) und die Pira­ten, von denen sich fast 14 % der eins­ti­gen Wäh­ler­schaft ins Nicht­wäh­ler­da­sein ver­ab­schie­de­ten. Alle ande­ren Par­tei­en haben es ver­mocht, Nicht­wäh­ler zu akti­vie­ren und an die Urnen zurück zu holen, die AfD sogar spek­ta­ku­lä­re 69000.

Was mich als lang­jäh­ri­ges Par­tei­mit­glied der Pira­ten am meis­ten ver­blüfft, ist die Tat­sa­che, dass auch hier — wie bei den Eta­blier­ten — Augen zu und wei­ter so die Devi­se der Wahl ist. Ange­sichts einer sol­chen desas­trö­sen Wäh­ler­flucht kann es nur zwei Alter­na­ti­ven geben. Die ers­te wäre eigent­lich logisch: Akzep­tanz der gemach­ten Feh­ler und drin­gen­de Kor­rek­tur mit allen Kon­se­quen­zen, auch Rück­trit­ten. Eine Par­tei als sol­che macht nur Sinn, wenn man Poli­tik gestal­ten will und dies kann man in einer par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie nicht ohne Wäh­ler. Auch die zwei­te Alter­na­ti­ve ist logisch: Das Pro­jekt "Pira­ten" been­den und die Par­tei auf­lö­sen. Die Ber­lin­wahl ist der deut­lichs­te Fin­ger­zeig, dass es dazwi­schen nichts gibt. Wer das nicht begrei­fen will, wird es im kom­men­den Jahr in der Bun­des­tags­wahl erneut vor Augen geführt bekom­men.

Im ers­ten Teil mei­nes Wahl­kom­men­tars habe ich ver­sucht zu zei­gen, wie stark die poli­ti­schen Lager aus­ein­an­der drif­ten und dass die völ­lig ideo­lo­gi­sier­te Poli­tik der lin­ken Par­tei­en immer mehr mode­ra­te Wäh­ler, die sich bis­her in der Mit­te des poli­ti­schen Spek­trums ange­sie­delt sahen, nach rechts­au­ßen drängt. In der — gesell­schaft­lich so wich­ti­gen, weil aus­glei­chen­den — Mit­te bleibt eine poli­ti­sche Lee­re zurück, an einer Stel­le, die man klas­si­scher­wei­se als sozi­al­li­be­ral anse­hen kann. Die­se Lee­re, die vor ziem­lich lan­ger Zeit teil­wei­se von der FDP, teil­wei­se auch von der SPD aus­ge­füllt wur­de, schreit nach einer poli­ti­schen Kraft, die es der­zeit nicht gibt, aber sehr wohl geben könn­te. Und die ange­sichts der fort­schrei­ten­den poli­ti­schen Radi­ka­li­sie­rung wich­ti­ger denn je wäre. Nicht links, nicht rechts, son­dern vorn war mal eine wich­ti­ges Kern-State­ment der frü­hen Pira­ten­par­tei, bis eine klei­ne lau­te Min­der­heit der Mei­nung war, lin­ker als die Links­par­tei sein zu wol­len und die gro­ße lei­se Mehr­heit die­se gewäh­ren ließ. Wür­de man das Pro­gramm von allen links­bi­zar­ren Aus­wüch­sen befrei­en, blie­ben genau die sozi­al­li­be­ra­len Kern­for­de­run­gen zurück, die es schon immer gab: sozia­le Sicher­heit, gesell­schaft­li­che Teil­ha­be, Bür­ger­rech­te und Bür­ger­be­tei­li­gung, direk­te Demo­kra­tie, Frei­heit des Ein­zel­nen und Schutz vor dem Zugriff des Staa­tes, Daten­schutz und Pri­vat­sphä­re — gepaart mit Angriffs­lust gegen die kor­rum­pier­te Poli­tik der Eta­blier­ten.

Die drin­gend not­wen­di­ge Kehrt­wen­de, die auch Tho­mas Ney in sei­nem Bei­trag for­dert, hät­te es aller­spä­tes­tens auf dem letz­ten Bun­des­par­tei­tag in Würz­burg geben müs­sen, pas­siert ist das Gegen­teil. Die Par­tei ist vom Bun­des­vor­stand her eher links domi­niert, es bleibt wei­ter­hin bei der Wei­ge­rung, real­po­li­tisch zu den­ken und zu han­deln und albern-uto­pi­sche Grund­satz­be­schlüs­se jen­seits jeg­li­cher Ver­wirk­lich­bar­keit fin­den wei­ter­hin die Zustim­mung. Es wird wei­ter­hin so getan, als wären 300 anwe­sen­de Mit­glie­der auf einem Par­tei­tag ein Beweis für Basis­de­mo­kra­tie und die wich­tigs­te aller Fra­gen, für wen man eigent­lich Poli­tik machen will, bleibt wei­ter­hin unbe­ant­wor­tet. Wenn man ehr­lich wäre, müss­te man kon­sta­tie­ren, dass nicht mal die devot umwor­be­nen Anti­fan­ten, Refu­gee-Wel­co­mer, Netz­fe­mi­nis­tIn­nen oder Gen­der-Akti­vis­tIn­nen Pira­ten wäh­len. Selbst­dar­stel­ler, Anti-Deut­sche und Gewalt­re­la­ti­vie­rer lan­den immer noch in Ämtern und Kan­di­da­tu­ren. Die Zuwäch­se der Links­par­tei in der AGH-Wahl, die größ­ten­teils von ehe­ma­li­gen Pira­ten­wäh­lern gespeist wur­den, zei­gen jedoch, dass es kei­ner wei­te­ren lin­ken oder gar links­ra­di­ka­len Par­tei bedarf.

Ähn­lich wie bei den Eta­blier­ten sehe ich auch in der Pira­ten­par­tei kei­ner­lei Poten­ti­al zur Ein­sicht, Ände­rung oder einem Neu­be­ginn. Die für jeden offen­sicht­li­chen Feh­ler blei­ben unkor­ri­giert. Die Behaup­tung, Pira­ten wären wei­ter­hin für die poli­ti­sche Land­schaft wich­tig, stimmt. Sie stimmt für die vie­len kom­mu­nal­po­li­ti­schen Man­dats­trä­ger, die täg­lich für die Idea­le der eins­ti­gen Pira­ten­par­tei arbei­ten. Sie wür­de stim­men, wenn die jet­zi­ge Par­tei die his­to­ri­sche Chan­ce erken­nen und anneh­men wür­de, die sich aus dem aktu­el­len Feh­len einer libe­ra­len poli­ti­schen Kraft in Deutsch­land ergibt. Statt­des­sen hängt man wei­ter abstru­sen Ide­en an und läuft radi­ka­len Min­der­hei­ten hin­ter­her, statt ernst­haf­te Poli­tik für die gro­ße Mehr­heit der Leu­te zu machen. So leid es mir tut, aber auch hier sehe ich nichts, was auf eine Kurs­kor­rek­tur hin­deu­ten wür­de. Scha­de.

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  1. Quel­le: Tages­schau, sie­he https://wahl.tagesschau.de/wahlen/2016–09-18-LT-DE-BE/analyse-wanderung.shtml []

2 Kommentare

  1. 7. Januar 2017 von 22:08

    Ein wirk­lich sehr inter­es­san­ter Arti­kel, der mir mal wie­der die Augen der Poli­tik geöff­net hat...

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