Franks SchreibBlog
Provokativ • Politisch • Persönlich • Polemisch

Jeder, der hin und wie­der etwas von mir liest, wird mit­be­kom­men haben, dass ich lang­jäh­ri­ger Ein­woh­ner der #Licht­stadt Jena bin, die ange­sichts der über­bor­den­den Pro­ble­me im Land mitt­ler­wei­le einem neu­en Tal der Ahnungs­lo­sen gleicht.1 Neu­lich ist mir am frü­hen Mor­gen auf dem Innen­hof mei­ner Arbeits­stät­te ein Obdach­lo­ser auf­ge­fal­len, der hier offen­bar genäch­tigt hat­te und gera­de sei­ne Hab­se­lig­kei­ten auf ein Fahr­rad pack­te. Ich erin­ner­te mich wie­der dar­an, als ich das Inter­view mit unse­rem Ober­bür­ger­meis­ter Albrecht Schrö­ter im Radio (anläss­lich des Gauck-Besuchs in Jena) hör­te, der mein­te, selbst Obdach­lo­sig­keit wäre in unse­rer Stadt kein Pro­blem und für die in Fra­ge kom­men­den Per­so­nen wür­den ja aus­rei­chend Schlaf­ge­le­gen­hei­ten bereit ste­hen. Man sieht halt immer nur das, was man sehen will.2 Wäh­rend regel­mäs­si­ger Auf­ent­hal­te in Ber­lin in den letz­ten Jah­ren muss­te ich lei­der beob­ach­ten, dass Obdach­lo­se in unse­rer Haupt­stadt kei­nes­wegs eine Sel­ten­heit sind. Am letz­ten Wochen­en­de sah ich einen Obdach­lo­sen unter der Auto­bahn­brü­cke Schö­ne­feld-Nord, der bei klir­ren­der Käl­te dicht neben einer viel­be­fah­re­nen Stra­ße in einem Zelt haust. Zu ande­ren Jah­res­zei­ten stol­pert man am Kiehl-, Wei­gand- oder May­bach­ufer und am Land­wehr­ka­nal alle paar Meter über einen "Nicht­seß­haf­ten". Die meis­ten bie­ten kei­nen schö­nen Anblick und mit Roman­tik einer Über­nach­tung unterm Ster­nen­zelt hat das Gan­ze auch nichts zu tun. Selbst in unmit­tel­ba­rer Nähe des Regie­rungs­vier­tels reiht sich an der Spree Zelt an Zelt, ohne dass neben­an jemand Bauch­schmer­zen bei die­sem Anblick bekom­men wür­de. Auch hat man noch nie unse­re Bun­des­kanz­le­rin gese­hen, die dort ein Sel­fie mit Obdach­lo­sen gemacht und "Wir schaf­fen das!" ver­kün­det hät­te.

Etwa 80 % der Obdach­lo­sen in Deutsch­land sind Män­ner. Wenn man dazu etwas recher­chiert, so tau­chen immer wie­der die glei­chen Schick­sa­le auf. Job­ver­lust, Schei­dung, Ver­lust der Fami­lie und der Kin­der, Unter­halts­kla­gen, Über­schul­dung, Alko­hol- und Dro­gen­ab­hän­gig­keit, Weg­fall der Grund­si­che­rung nach wie­der­hol­ter Ver­let­zung der damit ver­bun­de­nen Pflich­ten, der Räu­mungs­kla­ge folgt der Raus­schmiss — es gibt vie­le klei­ne und gro­ße Kata­stro­phen, die in die Obdach­lo­sig­keit füh­ren und nie­mand soll­te sich ein­bil­den, dass ihm das nie­mals pas­sie­ren könn­te. Viel­leicht abge­se­hen vom gut­si­tu­ier­ten grü­nen und lin­ken Bil­dungs­bür­ger­tum, die mit Papas Auto zum Stu­di­um, ins hip­pe Start­up-Büro oder in die Redak­ti­on einer bun­ten und tole­ran­ten Wochen­zei­tung mit stark abneh­men­der Leser­schaft fah­ren. Die Sor­gen und Nöte von Män­nern haben in unse­rer Gesell­schaft kei­ne Lob­by, erst­recht wenn die­se Män­ner weiß, nicht mehr die Jüngs­ten und Ver­sa­ger in der Leis­tungs­ge­sell­schaft sind. Laut Wiki­pe­dia ist die Zahl der Obdach­lo­sen in Deutsch­land in kei­ner Bun­des­sta­tis­tik erfasst. Sie wird je nach Quel­le3 auf 250000 bis 330000 geschätzt, wovon ca. 20000 dau­er­haft "auf der Stra­ße" leben. Unter den Obdach­lo­sen gibt es auch 5000–7000 Stra­ßen­kin­der. Seit 2008 steigt die Zahl der "Woh­nungs­lo­sen" kon­ti­nu­ier­lich Jahr für Jahr wei­ter an.4

Seit­dem die deut­schen Gut­men­schen, die selbst­ge­recht immer auf der rich­ti­gen Sei­te des Lebens ste­hen, ihr Herz für aus­län­di­sche, vor­zugs­wei­se mus­li­mi­sche "Schutz­su­chen­de" ent­deck­ten, haben sie ver­ges­sen, dass auch deut­sche Obdach­lo­se per se Schutz­su­chen­de sind. Wobei das nicht ganz kor­rekt for­mu­liert ist, denn ver­ges­sen kann man nur etwas, wor­an man schon ein­mal gedacht hat. Es wäre aller­dings nicht rich­tig zu sagen, dass über­haupt nichts für Obdach­lo­se getan wird. Die Obdach­lo­sen­hil­fe liegt nach deut­schem Ord­nungs­recht in kom­mu­na­ler Hand oder wird von Wohl­fahrts- und Sozi­al­ver­bän­den über­nom­men. Die finan­zi­el­le Situa­ti­on von Kom­mu­nen und sozia­len Trä­gern in Deutsch­land dürf­te all­ge­mein bekannt sein. Wie so oft über­neh­men Ehren­amt­li­che Auf­ga­ben, für die sich der Staat kaum mehr inter­es­siert. Es ist eben­so leicht nach­zu­voll­zie­hen, dass die dies­be­züg­li­chen Pro­ble­me in einer 100000-Ein­woh­ner-Kom­mu­ne mit denen in Groß­städ­ten und Bal­lungs­zen­tren kaum zu ver­glei­chen sind. Kom­mu­nen müs­sen Woh­nungs­lo­sen im Sin­ne einer Min­dest­not­ver­sor­gung wenigs­tens ein vor­über­ge­hen­des men­schen­wür­di­ges Obdach zur Ver­fü­gung stel­len. Wie die Zahl dau­er­haft "auf der Stra­ße" Leben­der zeigt, deckt sich die Behör­den­per­spek­ti­ve nur unvoll­stän­dig mit der Rea­li­tät. Jeman­dem zu hel­fen funk­tio­niert umso schlech­ter, je län­ger der­je­ni­ge schon obdach­los ist.

 

 

Men­schen, die durch das sozia­le Ras­ter der Wohl­stands­ge­sell­schaft gefal­len sind, haben mit Pro­ble­men zu kämp­fen, die im gesell­schaft­li­chen Bewusst­sein kaum einen Wider­hall fin­den. Dabei ist stän­di­ge Geld­not nur das eine. Man­gel­er­näh­rung, schlech­te Hygie­ne, Krank­hei­ten, Gewalt und Kri­mi­na­li­tät, Ein­sam­keit, Cha­rak­ter­ver­än­de­run­gen und psy­chi­sche Pro­ble­me, man­geln­de Gesund­heits­ver­sor­gung, das Ertra­gen von extre­men Wit­te­rungs­be­din­gun­gen bis hin zum Risi­ko im Win­ter zu erfrie­ren, da kommt eini­ges zusam­men. Die in der media­len #Auf­schrei-Welt immer wie­der bemüh­ten Schlag­wor­te wie Anti­dis­kri­mi­nie­rung, Min­der­hei­ten­schutz, Inklu­si­on, Teil­ha­be und Inte­gra­ti­on schei­nen für alle mög­li­chen und unmög­li­chen Rand­grup­pen zu gel­ten, nur nicht für Obdach­lo­se. Wer heu­te von sozia­lem Enga­ge­ment spricht, meint eher soet­was wie Uni­sex-Toi­let­ten, Frau­en­quo­te, Refu­gees­Wel­co­me, LGBT-Rech­te oder schreibt sei­ne Dis­ser­ta­ti­on in Gen­der­stu­dys. Der her­un­ter­ge­kom­me­ne Pen­ner mit sei­nen Tüten und Decken gleich um die Ecke der eige­nen Haus­tür kommt in die­sem rosa­ro­ten Welt­bild nicht vor.

Obdach­lo­sig­keit ist nur ein Aspekt einer gras­sie­ren­den Armut, die ange­sichts des Reich­tums die­ser Gesell­schaft nach wie vor eine Schan­de ist. Bei den unge­trübt hohen Steu­er­ein­nah­men der letz­ten Jah­re flie­ßen Mil­li­ar­den­be­trä­ge in alle mög­li­chen und unmög­li­chen Kanä­le. Von oben nach unten ver­si­ckert in der staat­li­chen Ver­tei­lungs­ma­schi­ne­rie das Geld in den Taschen von Poli­ti­kern, Par­tei­funk­tio­nä­ren und Beam­ten Töp­fen, die durch pri­vi­le­gier­te Grup­pen aller Art ange­zapft wer­den, bei den Armen kommt so gut wie nichts davon an. Immer wenn von Inte­gra­ti­on die Rede ist, sind sie nicht gemeint. Sie sind ja nur "die­je­ni­gen, die schon immer hier waren". Mit hohem pro­pa­gan­dis­ti­schem Auf­wand wird die Gesell­schaft dar­auf ein­ge­schwo­ren, sich um die neu­en Ein­wan­de­rer zu küm­mern, unab­hän­gig davon, ob die­se vor Ver­fol­gung und Krieg flüch­ten müs­sen oder mit der Erwar­tungs­hal­tung hier­her kom­men, der Staat wür­de ganz selbst­ver­ständ­lich für ihren Wohl­stand sor­gen. Zuschüs­se, Sub­ven­tio­nen und Aus­ga­ben für Son­der­pro­gram­me fal­len ganz selbst­ver­ständ­lich aus Allahs Him­mel und dem Pack, das die­ses Geld erar­bei­tet, wird das all­zu kri­ti­sche Maul ver­bo­ten. Inte­gra­ti­ons- und Bil­dungs­an­ge­bo­te, sozia­le Absi­che­rung, Gesund­heits­ver­sor­gung, Unter­künf­te, die aus dem Boden gestampft wer­den bis hin zur Bereit­stel­lung von bezahl­ba­rem Wohn­raum — davon kön­nen die wirk­lich Armen die­ser Repu­blik nur träu­men und die Obdach­lo­sen erst­recht. Die gesamt­ge­sell­schaft­li­che Anstren­gung, die man meint auf­brin­gen zu müs­sen, um einen merk­wür­dig ein­sei­tig aus­ge­such­ten Teil der Welt zu ret­ten, wür­de auch not­lei­den­den Men­schen im eige­nen Land gut­tun, denen kei­ner Ted­dys vor­bei­bringt und für deren spi­ri­tu­el­le Bedürf­nis­se kei­ne neu­en Got­tes­häu­ser gebaut wer­den. Dass dies nicht geschieht, liegt viel­leicht am Unwil­len, am Sys­tem grund­le­gend etwas zu ändern. Dafür müss­te man ja die eige­nen Pri­vi­le­gi­en und Pfrün­de abbau­en. Ent­wur­zel­te und per­spek­tiv­lo­se Migran­ten als leicht mani­pu­lier­ba­res und bil­li­ges Arbeits­vieh stär­ken dage­gen das Sys­tem eher noch. Wenn in #Kalt­land Arme und Obdach­lo­se die poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger unbe­ein­druckt las­sen, zeigt dies ziem­lich gut, dass es bei der Bewäl­ti­gung der nicht von unge­fähr kom­men­den Flücht­lings­kri­se nicht um Nächs­ten­lie­be und ein gutes Gewis­sen geht, son­dern ledig­lich — wie über­all sonst auch — um Kal­kül.

 

Bild­quel­le: Foto­lia

Print Friendly, PDF & Email

  1. neu des­we­gen, weil "Tal der Ahnungs­lo­sen" zu DDR-Zei­ten jene Gebie­te Ost­deutsch­lands bezeich­ne­te, wo man nicht oder nur schlecht West­fern­se­hen emp­fan­gen konn­te und daher "ahnungs­los" in der Fil­ter­bub­ble des real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus leben muss­te. []
  2. Mit einem gerin­ge­ren Hang zur Selbst­be­weih­räu­che­rung könn­te man in Jena bei­spiels­wei­se sehen, dass eini­ge der neu gebau­ten Flücht­lings­un­ter­künf­te mitt­ler­wei­le wie­der leer ste­hen. Dort könn­ten unter ein­wand­frei­en hygie­ni­schen Bedin­gun­gen eigent­lich auch Obdach­lo­se zumin­dest eine Zeit lang einen men­schen­wür­di­gen Unter­schlupf fin­den. []
  3. Schät­zun­gen von Wohl­fahrts­ver­bän­den bzw. Armuts­be­richt der Bun­des­re­gie­rung []
  4. sie­he www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Indikatoren/Armut/Wohnungslosigkeit/A08-Indikator-Wohnungslosigkeit.html []

6 Kommentare

  1. L.Bagusch-Reply
    4. Dezember 2016 von 08:38

    Die Obdach­lo­sen tun mir jeden Win­ter leid, denn ein­ge ster­ben wegen Unter­küh­lung und das jedes Jahr und es wird immer schlim­mer Dank dem aso­zia­len Hartz4 Dreck.
    Ich selbst bin auch Arbeits­los und bezie­he schon seit gut 3 Jah­ren kei­ne Hartz4 mehr und kämp­fe mich mit Spen­den so durchs Leben.
    Ich will mich nicht ver­skla­ven und drang­sa­lie­ren las­sen von den aso­zia­len Job-Cen­ter Scher­gen.
    2 Beru­fe habe ich gelernt und hab mit 52 Jah­ren kei­ne Chan­ce da eine tarif­lich gere­gel­te Arbeits­stel­le zufin­den.
    Und von Zeit­ar­beits­fir­men las­se ich mich auch nicht ver­skla­ven und somit aus­beu­ten um für einen Hun­ger­lohn jeden Tag mehr als 10 Stun­den zuar­bei­ten.

  2. Peter Romaker-Reply
    4. Dezember 2016 von 09:59

    Das Tal der Ahnungs­lo­sen ist jetzt über­all, und sie wol­len auch gar kei­ne Ahnung haben. Die Men­schen die frei­wil­lig auf der Stras­se über­le­ben, müss­ten Orden bekom­men denn sie wer­den nicht kri­mi­nell und lie­gen nie­man­dem auf der Tasche. Statt­des­sen wer­den sie getö­tet und müs­sen erfrie­ren und das schert nie­man­den. Doch ein paar die sich abmü­hen, wo der Staat ver­sagt und selbst zur Toe­tungs­ma­schi­ne mutiert ist...

  3. L.Bagusch-Reply
    4. Dezember 2016 von 12:12

    @Peter Roma­ker

    Wohl Wahr was Sie da schrei­ben !
    Unter den Men­schen die auf der Stra­ße leben müs­sen und es ein­ge sogar wol­len, geht von die­sen Leu­ten so gut wie kei­ne Kri­mi­na­li­tät aus. Die sind sel­ber Fäl­le von Kri­mi­na­li­tät, denn es wer­den hier in der BRiD Obdach­lo­se bru­tal Ver­prü­gelt und Miß­han­delt, aber sowas berich­ten die Medi­en nicht so ger­ne. Es könn­te ja Mit­leid und Nächs­ten­lie­be bei den Mit­men­schen wecken.

  4. Michael-Reply
    9. Dezember 2016 von 13:33

    Ich bin auch der Mei­nung, dass den Obdach­lo­sen in Deutsch­land viel zu wenig gehol­fen wird. Ich hof­fe das die­ses Vie­deo die Men­schen ani­miert den Obdach­lo­sen zu hel­fen auch wenn es nur eine Klei­nig­keit ist! https://www.youtube.com/watch?v=3qTTBfDlR7U

  5. 21. Dezember 2016 von 13:23

    Ich hof­fe nur das kei­ner in die­se Situa­ti­on gerät. Das ist bestimmt sehr schlimm.

    Lg Anna

Hinterlassen Sie einen Kommentar