Franks SchreibBlog
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Am letz­ten Wochen­en­de ver­brach­te ich einen wun­der­schö­nen spät­som­mer­li­chen Tag an einem klei­nen Natur­see am süd­li­chen Rand von Ber­lin. Der Ton­see (eigent­lich Gro­ßer Ton­teich — sie­he Kom­men­tar unten) in der Nähe von Bes­ten­see (es gibt hier meh­re­re Seen, wie man sich schon den­ken kann) liegt idyl­lisch in ein Wald­stück ein­ge­bet­tet und an sei­nem Ufer befin­det sich ein Cam­ping­platz, des­sen Name schon sagt, wor­um es hier vor­ran­gig geht: FKK Natur­cam­ping Ton­see. Das Wet­ter war herr­lich, das Was­ser klar und frisch, die Men­schen zwar zahl­reich, aber ent­spannt und ange­nehm. Das nudis­ti­sche Frei­zeit­ver­gnü­gen sub­sum­miert an die­sem schö­nen Ort alle Sor­ten von Men­schen. Hier trifft man vom Klein­kind, das gera­de im Was­ser plan­schen kann bis zu nicht mehr ganz so rüs­ti­gen Senio­ren alles an, was man so in die Spe­zi­es Mensch ein­ord­nen könn­te. Natür­lich auch vie­le Fami­li­en, puber­tie­ren­de Jugend­li­che, Schlan­ke, Nor­ma­le und Dicke, hüb­sche und ... ähm ... weni­ger hüb­sche Men­schen, Kin­der mit dunk­ler Haut, dazwi­schen auch eine Asia­tin. Alle wie Gott sie schuf, wie man so schön sagt. Direkt vor uns lagern zwei schwu­le Män­ner, von denen der eine sich einen ordent­li­chen Joint gönnt. Ein paar Meter ent­fernt lässt sich ein Biker-Pär­chen mit groß­flä­chi­gen Täto­wie­run­gen auf der Haut nie­der. Älte­re Damen spre­chen die Kin­der an und ein gewis­ses vor­lau­tes Klein­kind resü­miert ver­nehm­lich, dass wohl alle Män­ner hier Pul­ler­män­ner und alle Frau­en Pul­ler­schne­cken haben, was wohl­wol­len­des Lachen in sei­ner Umge­bung her­vor­ruft.

Kurz­um, man hat das Gefühl, hier ist die Welt in Ord­nung, die Men­schen kön­nen sich trotz ihrer Unter­schied­lich­keit gut lei­den und es gibt kei­nen Grund dar­an etwas zu ändern. Viel­leicht liegt das auch dar­an, dass sich die Bade­gäs­te in der Natur und so ganz ohne Klei­der frei und unbe­küm­mert füh­len kön­nen und das zu schät­zen wis­sen. Das Anders­sein des Ande­ren wird tole­riert in dem Wis­sen, dass man mit sei­nem eige­nen Anders­sein eben­so tole­riert wird. Und natür­lich hat Nackt­heit auch etwas Aus­glei­chen­des, denn hier liegt der Mana­ger neben dem Arbeits­lo­sen und die Haus­frau neben der Beam­tin und der Mon­ta­ge­ar­bei­ter neben dem Pro­gram­mie­rer und eigent­lich inter­es­siert das gera­de mal nie­man­den. Man erfreut sich an der Viel­falt des Mensch­seins, an der vie­len nack­ten Haut, an einer natür­li­chen, völ­lig unauf­dring­li­chen Ero­tik, am Wind im rascheln­den Laub der Bäu­me, am küh­len Nass.

Dank Inter­net kann man her­aus­fin­den, dass es hin und wie­der vor­kommt, dass dort Men­schen auf­tau­chen, die unbe­dingt tex­til baden wol­len. Für die­se Zwe­cke gibt es eine unmiss­ver­ständ­li­che Platz­ord­nung und einen Platz­wart, der gele­gent­lich als Wach­hund bezeich­net wird und offen­bar mal mehr, mal weni­ger vehe­ment klar macht, dass es sich hier um ein FKK-Gelän­de han­delt. Mit ande­ren Wor­ten, wer die Regeln hier nicht akzep­tiert, kann ja wie­der gehen. Es mag sein, dass eini­ge die­ser Leu­te dann ihre Bade­be­klei­dung able­gen und sich in die FKK-Gemein­de naht­los ein­fü­gen. Im Netz fin­det man aber vor allem die Ver­tre­ter jener Gat­tung der immer­fort Belei­dig­ten, die das als Zumu­tung emp­fin­den und sich laut­hals beschwe­ren. Wie kann es sein, dass sie gera­de hier nicht tex­til baden kön­nen? Kom­men­ta­re in diver­sen Inter­net­fo­ren zei­gen, dass man dann schnell aus­fäl­lig wird und sich wut­er­füllt äußert. Eigent­lich ist die Auf­re­gung schwer ver­ständ­lich, denn natür­lich gibt es nicht weni­ge Natur­se­en, an denen man auch beklei­det baden kann (oder muss). Was man dabei aller­dings nicht beach­tet, ist die Tat­sa­che, dass man es — wie in vie­len ande­ren Berei­chen unse­rer Gesell­schaft — zuneh­mend mit einer Sor­te ver­hät­schel­ter Typen mit labi­lem psy­chi­schem Gewand zu tun hat, die nicht ver­kraf­ten kön­nen, dass all­ge­mei­ne Regeln und Gege­ben­hei­ten nicht stän­dig an ihre per­sön­li­chen Befind­lich­kei­ten ange­passt wer­den. Und wenn dies nicht geschieht und die Mehr­heit eher die umge­kehr­te Anpas­sung vor­aus­setzt oder gar ein­for­dert, dann ist das Geschrei groß, man könn­te auch #Auf­schrei dazu sagen. Man fühlt sich dis­kri­mi­niert, aus­ge­grenzt, als eine benach­tei­lig­te Min­der­heit, deren berech­tig­te Inter­es­sen von der Mehr­heit nicht wahr­ge­nom­men, akzep­tiert und sofort umge­setzt wer­den. Belei­digt­sein ist en vogue, Empört­sein erst­recht. Die sozia­len Netz­wer­ke sind voll von die­sen wenig ange­neh­men Zeit­ge­nos­sIn­nen.

Die psy­chi­sche Ver­fas­sung der ewig Dis­kri­mi­nier­ten erin­nert mich an eine Klein­kind­psy­che in einem erwach­se­nen Kör­per. Man stampft mit dem Fuß auf, schreit Ich will das aber jetzt! und wenn man es nicht bekommt, bricht man in Trä­nen und Wut­an­fäl­le aus. Die­se merk­wür­di­ge cha­rak­ter­li­che Schwä­che scheint sich mitt­ler­wei­le wie eine Seu­che aus­zu­brei­ten. Man trifft sie bei Netz­fe­mi­nis­tin­nen, poli­ti­schen Akti­vis­ten, Ver­tre­tern diver­ser Min­der­hei­ten und Rand­grup­pen genau­so an wie bei Vega­nern, Kli­ma­schüt­zern, Öko-Tus­sen, Reform­päd­ago­gen und Gender-"Wissenschaftlern". Ganz per­fi­de wird es dann, wenn man die eige­ne Ner­vig­keit sogar reflek­tiert und bewusst ein­setzt, sprich pro­vo­ziert. Das eige­ne Auf­tre­ten wird dann zu einer stän­di­gen Pro­vo­ka­ti­on der Umge­bung und sobald man die nöti­ge Ableh­nung her­vor­ge­ru­fen hat, hat man auch den Beweis des eige­nen Dis­kri­mi­niert­seins und der Teu­fels­kreis­lauf beginnt von vorn.

Am See hat­te ich genug Zeit dar­über nach­zu­den­ken, dass man einen Gut­teil der gegen­wär­ti­gen Pro­ble­me mit einer bestimm­ten Art von Ein­wan­de­rern und ihrer Reli­gi­on auch unter die­sem Blick­win­kel betrach­ten kann. Natür­lich gab es am Ton­see kei­ne irgend­wie erkenn­ba­ren Mus­li­me, erst­recht kei­ne Bur­kas oder Bur­ki­nis. Der­zeit gibt es Ver­su­che, z.B. in Frank­reich, Men­schen aus die­sem uns sehr frem­den Kul­tur­kreis von der Bade­kul­tur an west­li­chen Strän­den aus­zu­schlie­ßen. Dies wird — der all­ge­mei­nen poli­ti­schen Kor­rekt­heit geschul­det — natür­lich medi­al hef­tig kri­ti­siert, weil es angeb­lich dis­kri­mi­nie­rend ist. Aber ist es das wirk­lich? Ist es nicht eher wie bei den dick­köp­fi­gen Tex­til­ba­dern am Ton­see, die nicht ein­se­hen wol­len, dass sie hier ein­fach fehl am Platz sind? Nicht weil sie böse wären oder man sie nicht mag oder sie dis­kri­mi­nie­ren will, son­dern weil die gel­ten­den Regeln über einen gro­ßen Zeit­raum hin­weg zu einem har­mo­ni­schen Gleich­ge­wicht der Inter­es­sen geführt haben und man die Stö­rung die­ses Gleich­ge­wichts nicht tole­rie­ren möch­te — und ja, auch kei­nes­wegs tole­rie­ren muss. Die Ableh­nung, die oft Bur­ka- und Bur­ki­ni­trä­ge­rin­nen ent­ge­gen­schlägt, ist kei­ne Fol­ge eines irgend­wie teuf­li­schen Ras­sis­mus, der ande­re nicht so sein las­sen kann wie sie sind. Sie ist wohl eher eine völ­lig natür­li­che Reak­ti­on auf die Stö­rung eines als gut und rich­tig emp­fun­de­nen Wer­te­gleich­ge­wichts, erst­recht wenn die­se Stö­rung bewusst als Pro­vo­ka­ti­on ein­ge­setzt wird, um die Über­le­gen­heit der wah­ren Reli­gi­on und ihres ein­zi­gen Got­tes gegen­über den Ungläu­bi­gen und ihrer ver­werf­li­chen Unmo­ral zu demons­trie­ren.

Die­se Erkennt­nis mag nicht über­ra­schend sein, aber sie führt zu einer gewis­sen Ent­span­nung. Der Wach­hund ist kein Ras­sist, nur weil er kei­ne Tex­til­ba­der am FKK-Strand dul­det. Die Deut­schen mit ihrer frei­zü­gi­gen Kör­per­kul­tur sind kei­ne Ras­sis­ten oder Nazis, nur weil wie auch immer Ver­hüll­te, die völ­lig über­se­xua­li­siert mit ihren Kör­pern ein Pro­blem haben, mei­nen, sie müss­ten die­se Frei­heit jetzt in Fra­ge stel­len oder gar aggres­siv her­aus­for­dern. Es mag Men­schen geben, die das als Into­le­ranz anse­hen. Ich wür­de eher sagen, es ist eine gesun­de Abwehr gegen­über einer Gefähr­dung des gesell­schaft­li­chen Kon­sen­ses, der sich über eine sehr lan­ge Zeit hin­weg her­aus­ge­bil­det hat. Oder weni­ger all­ge­mein aus­ge­drückt: hier wer­den bewusst oder unbe­wusst die säku­la­ren Frei­hei­ten ver­tei­digt, die über vie­le Jahr­hun­der­te mit Blut und Trä­nen erkämpft wer­den muss­ten. Es gibt kei­nen Grund, die­sen Kon­sens, den die aller­meis­ten Men­schen so und nicht anders haben wol­len, über Bord zu wer­fen, nur weil jemand, der damit nicht klar kommt oder kom­men will, meint sei­nen Wil­len der Mehr­heit über­hel­fen zu wol­len. Und es gibt auf die­sem wun­der­schö­nen Pla­ne­ten hau­fen­wei­se Strän­de, an denen Bur­kas und Bur­ki­nis die Norm dar­stel­len. Jeder, der meint, sei­ner Reli­gi­on die­ses Opfer brin­gen zu müs­sen, kann dort baden. Ich kom­me ja auch nicht auf den Gedan­ken, am Roten Meer unter Mus­li­men nackt baden zu wol­len. Und — das darf man schliess­lich auch nicht ver­ges­sen — es gibt jeder­zeit die Mög­lich­keit, sich in ver­schie­de­nen Abstu­fun­gen an den gesell­schaft­li­chen Kon­sens der­je­ni­gen, unter denen man leben will, anzu­pas­sen. Das ist wohl das, was man gemein­hin unter Inte­gra­ti­on ver­steht.

 

Sie­he auch:

Titel­fo­to: Gro­ßer Ton­teich (F. Cebul­la)

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4 Kommentare

  1. Silvio Kramer-Reply
    1. September 2016 von 07:04

    Ich ver­ste­he die gan­ze Bur­ka-Dis­kus­si­on nicht (damit mei­ne ich die poli­ti­sche Dis­kus­si­on, nicht Frank's Bei­trag). Mei­ner Mei­nung nach dient sie nur dazu Wäh­ler­stim­men vom rech­ten Rand zu fischen. Ist aber schon ganz schön wider­lich ande­re Par­tei­en rechts zu über­ho­len, weil man sei­ne Fäl­le davon schwim­men sieht.

    Wenn die­se Bur­ka-Dis­kus­si­on hin­ge­gen erst gemeint wäre, wäre ich dabei.
    Ich kann mich noch sehr gut an die Dis­kus­si­on zum Ver­bot von Kreu­zen an Schu­len erin­nern. Aller­dings wur­de damals nicht jeder der "Ver­bie­ten­den" als Nazi hin­ge­stellt. Die Dis­kus­si­on war (größ­ten­teils) sach­lich und die Kir­che muss­te ein­ge­ste­hen, dass sie wie­der ein klei­nes Stück ihres Ein­flus­ses auf die Gesell­schaft ver­lo­ren hat (zwar lei­der nur in Ein­zel­fäl­len, aber immer­hin).
    Damals wur­de gesagt, dass das Kreuz die nega­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit (also das Recht auf Nicht-Behel­ligt­wer­den durch reli­giö­se Sym­bo­le) des Ein­zel­nen ver­letzt, die Burka(Kopftuch usw.) tun dies aber nicht — Das soll logisch sein?

    @Arne Petrich: Sie brau­chen mei­nen Bei­trag nicht zu kom­men­tie­ren, ich wer­de AUF KEINEN FALL die AfD wäh­len, auch wenn Sie mich noch so sehr über­zeu­gen wol­len, dass sich mei­ne Ein­stel­lung 100%ig mit der AfD deckt. Sie kön­nen mich nicht über­re­den.

  2. Frank11-Reply
    2. September 2016 von 11:47

    Lie­ber Sil­vio Kra­mer,
    der Kom­men­ta­tor, der sich hier gele­gent­lich ver­brei­tet, ist weder Arne Petrich, noch Heidrun Jän­chen, noch Heinz oder sonst­wer. Es ist ein Troll, der meint mich oder ande­re Kom­men­ta­to­ren aus der Ruhe brin­gen zu kön­nen, indem er sub­stanz­lo­se, aber ner­vi­ge Kom­men­ta­re schreibt. Ich set­ze ihn regel­mäs­sig auf die Block­lis­te des Blogs und lösche die Kom­men­ta­re.

  3. Valerii Boldychev-Reply
    30. Mai 2017 von 13:49

    Der Name Ton­see in Ihrem Bei­trag ist falsch.
    In der Nähe von Bes­ten­see lie­gen zwei Seen: Gro­ßer und Klei­ner Ton­teich. Und zwi­schen die­sen Seen befin­det sich ein FKK-Strand, nicht am Ton­see.
    Ja, es gibt ein Ton­see (genau­er Pät­zer Ton­see). Er liegt etwa 1 km süd­li­cher von dem Gro­ßen und dem Klei­nen Ton­teich. Das Titel­fo­to ist am Pät­zer Ton­see gemacht.

    Benut­zen Sie bit­te die ande­ren Sei­ten, z.B.
    https://www.berliner-stadtplan.com/Kleiner-Tonteich-15741-Bestensee_a74282
    http://badestellen-brandenburg.de/beach/fkk-camping-bestensee.html

    • Frank11-Reply
      25. September 2017 von 12:10

      Lie­ber Herr Bol­dy­chev,
      es hat eine Wei­le gedau­ert, bis ich Gele­gen­heit hat­te, mich direkt vor Ort noch­mal über die Gege­ben­hei­ten zu infor­mie­ren. Sie haben voll­kom­men recht. Der Arti­kel bezieht sich auf den Gro­ßen Ton­teich. Aller­dings nennt sich der Cam­ping­platz tat­säch­lich "Cam­ping Ton­see FKK", wie das Foto zeigt. Ver­mut­lich liegt das dar­an, dass der Gro­ße Ton­teich auch als Kör­bis­kru­ger Ton­see bekannt ist.

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