Franks SchreibBlog
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„Politische Sprache ist dazu geschaffen, Lügen wahrhaft und Mord respektabel klingen zu lassen.“ (George Orwell)

Eines der in letzter Zeit am meisten gebrauchten und verbrauchten medialen Schlagworte ist Vielfalt. Als Mensch, der in einem sozialistischen Einheitspartei-System aufgewachsen ist, kam ich zum ersten Mal nach der Wende mit der Vielfalt westdeutscher Medien und den darin vermittelten politischen Überzeugungen und Lebensentwürfen in Berührung. Der Buch- und Zeitschriftenmarkt erschien mir im Vergleich zur gleichgeschalteten Presse der DDR wie ein sonniges Paradies, durch das man nach Belieben streifen und süße Früchte von den Bäumen pflücken konnte. Ich las zu dieser Zeit querbeet alles was mir in die Finger kam, hauptsächlich Sachbücher über Politik, Philosophie, Religion, Esoterik, Geschichte, Verschwörungstheorien, aber auch den Spiegel, den Stern, die Süddeutsche oder die Zeit. Schon als Jugendlicher hatten mich die offensichtlichen Missstände auf diesem Planeten in eine misanthrope Verzweiflung gestürzt und so war es kein Wunder, dass ich mich nach dem Untergang des real existierenden Sozialismus im politischen Spektrum trotzdem sehr weit links verortete.

Ich bin mir nicht sicher, ob es heutzutage noch auffällt, wie grundlegend sich „die Linken“ der Gegenwart von denen der 90iger-Jahre und zuvor unterscheiden und wie krass sich ihr Weltbild, ihre Ziele, ihre Ausdrucksweise, ihre Aktionen und Publikationen seitdem verändert haben. In meinem damaligen Freundeskreis haben wir ganz selbstverständlich über Revolution und soziale Befreiung diskutiert. Die Tatsache, dass Menschen immer noch zu Zehntausenden verhungerten, erschien uns unerträglich, genauso unerträglich übrigens wie die Umweltzerstörung und das Abholzen der Regenwälder. Ebenso heißblütig diskutierten wir aber auch über Bewußtseinserweiterung, die Wirkung bestimmter halluzinogener Drogen, freie Liebe, Tauschwährungen oder Bioregionalismus. Die ehemaligen Ossis holten quasi die 68iger im Schnellverfahren nach. Im nachhinein muss ich sagen, was für eine tolle Zeit! Nichts schien unmöglich, der Zusammenbruch des Kapitalismus stand sozusagen unmittelbar vor der Tür, man musste die Zeichen nur richtig deuten. Kult-Bücher wie „Global brutal“ von Michael Chossudovsky machten die Runde; Aktivisten von Attac, Greenpeace oder Sea Shepherd waren unsere Helden im Kampf gegen die drohende Globalisierung und die menschenverachtenden Zumutungen des Weltkapitals. Auch Namen wie Jean Ziegler, John Pilger, Noam Chomsky oder Alfred McCoy sind in diesen Kontext einzuordnen. Es war ganz selbstverständlich, dass man für die Freiheit Tibets kämpfte, für die Rechte von Amazonas-Eingeborenen eintrat oder sich über Freihandelszonen in Südostasien informierte, in denen ganze Völker der imperialistischen Ausbeutung zugunsten der Profitoptimierung zum Fraß vorgeworfen wurden.

Die Linken der damaligen Zeit waren ganz klar globalisierungskritisch. Für Vielfalt zu kämpfen bedeutete, sich für unterschiedliche Völker, Identitäten, Nationen und Traditionen einzusetzen, alles Begriffe, die man heute kaum noch wagt in den Mund zu nehmen, um nicht in einer der vielen Nazi-Schubladen zu landen. Zentralismus war negativ und totalitär konnotiert, das Regionale und kulturell Eigenständige ganz klar zu bevorzugen. Die Rohstoffkriege der USA und die fortschreitende McDonaldisierung authentischer Kulturen, die Gewissenlosigkeit multinational agierender Konzerne, die Verbrechen von Todesschwadronen gegen Maya-Bauern in San Salvador, die Entrechtung der australischen Aborigines – alles vermittelte die gleichen bedrohlichen Omen. Der Kapitalismus unterwarf sich die letzten freien Völker wie die Heerscharen von Mordor Mittelerde unterworfen hatten. Wenn man als links denkender politischer Mensch etwas verhindern musste, dann diese rücksichtslose Globalisierung, der das Schicksal von Menschen und deren angestammte Lebensweise völlig gleichgültig ist. Im genauen Gegensatz dazu wurde Vielfalt als ein positives Stemmen gegen die Gleichmacherei der kapitalistischen Verwertungslogik verstanden. Seine Geschichte, seine Kultur, seine Identität zu bewahren war ein Akt des Widerstands.

Im völligen Gegensatz dazu bedeutet Vielfalt heute alles und nichts. Bunt ist keine Farbe. Der Begriff ist zu einer ideologischen Kampfphrase verkommen. Minderheiten-Aktivisten benutzen ihn als Moralkeule, um eine ganze Gesellschaft dazu zu zwingen, ihren spezifischen Interessen in vollem Umfang Genüge zu tun. Religiöse Fanatiker schreien vehement nach Vielfalt, um säkulare Errungenschaften und die Freiheit des Einzelnen zu ihren Gunsten zurückzudrängen. Anti-Deutsche, No-Borders- und RefugeeWelcome-Aktivisten nehmen Vielfalt als Vorwand, um gewachsene Strukturen, Gemeinschaften und Nationen zu verteufeln und zu zerstören. Thanks Bomber Harris. Alles was noch eine eigene Identität hat, ist reaktionär und daher überflüssig. Störenfriede sind zugunsten eines neuen, ideologisch geformten Menschen umzuerziehen oder auszumerzen. In dieser Hinsicht haben sich die Linken jedenfalls nicht geändert und träumen immer noch die totalitären Fantasien eines Stalin, Mao oder Pol Pot. Ausdruck des heutigen Verständnisses von Vielfalt ist nicht mehr das Bewahren, das Ursprüngliche und Authentische, sondern die Nivellierung von Unterschieden um jeden Preis, das Formlose und Beliebige, die Auflösung, die Dekonstruktion. So sind die beiden Geschlechter als soziale Konstrukte zu begreifen und deren Polarisierung – notfalls gewaltsam – aufzuheben. Die Familie ist ein Überbleibsel patriarchaler Strukturen und durch „vielfältige“ Lebensentwürfe zu ersetzen. Sexuelle Vorlieben und Bedürfnisse sind keine Sache der Privatheit und eines einzelnen Menschen, sondern queer von allen zu akzeptieren und zu übernehmen. Sexuelle Vielfalt impliziert nicht mehr das ganz natürliche Spektrum menschlicher Geschlechtslust, die es schon immer gegeben hat, sondern bedeutet Schulkinder auch gegen den Willen der Eltern in Analverkehr und lesbischem Sex zu instruieren, um dem neuen Menschen angeblich überall drohende Homo- und Transphobie auszutreiben wie in einem exorzistischen Ritus. Diversity als neue Religion. Der Kreuzberger Kiez oder Duisburg-Marxloh als Modell für die ganze Welt. Multikulti-Pudding mit aromatisiertem Einheitsgeschmack.

Nirgendwo wird dieses ideologisierte Verständnis von Vielfalt deutlicher als in der sogenannten Flüchtlingskrise, die in Wirklichkeit eine absichtlich forcierte Massenmigration ist. Die Bilder von entwurzelten jungen Männern, denen kaum noch anzusehen ist, aus welchen – oft kaum miteinander kompatiblen – Kulturen sie entstammen, alle mit den gleichen Samsung-Handys in der Hand und vom westlichen Wohlstandsparadies träumend, sprechen eine deutliche Sprache. Was sich ein Volk mit seiner ganz spezifischen Geschichte über viele Jahrhunderte erkämpft, erarbeitet und gestaltet hat, spielt keine Rolle mehr und ist im Strom der alles hinwegraffenden Globalisierung bedeutungslos geworden. Dies gilt in gleicher Weise für die Völker, die zerstreut werden wie für die Völker, die diese Verstreuten „integrieren“ sollen. Nun gibt es nur noch „diejenigen, die schon länger hier leben“ und die, „die neu dazugekommen sind“, wie es unsere Kanzlerin in einwandfrei politisch korrektem Neusprech ausgedrückt hat. Hat man Völker, Kulturen und Traditionen genügend durch den Fleischwolf gedreht, bleiben nur noch miteinander um Arbeit und Privilegien konkurrierende Herdentiere übrig, die man beliebig austauschen kann, wenn sie zu hohe Ansprüche stellen. Wer seiner Wurzeln, seiner Würde, seiner Familie und Herkunft beraubt ist, lässt sich leichter manipulieren und ist auch empfänglicher für politische und religiöse Heilslehren und Extremismen jeglicher Art.

Unter diesem Blickwinkel ähnelt die moderne Linke tatsächlich mehr einer Religion als einer politischen Weltanschauung. Sie ist zum willfährigen Spießgesellen der Globalisierung geworden. Globalisierung bedeutet für sie nicht – im besten Sinne verstanden – sich weltweiten Herausforderungen und Problemen gemeinsam und zum Wohle aller zu stellen, sondern ist nur ein strategisch nützlicher Weg, den eigenen hegemonialen Machtanspruch durchzusetzen. Für heutige Linke ist die Globalisierung Ziel und Segen zugleich, die es zu befördern gilt. Der fortschreitende Prozess der Globalisierung produziert am laufenden Band ent-werte-te Vertriebene, die nur noch neu geprägt und konditioniert werden müssen. Sie sind für alles offen. Für die neue Shopping Mall oder den nächsten Krieg. Das Ziel linker Politik ist heute nicht mehr die Befreiung der ausgebeuteten und verarmten Massen, die den gesellschaftlichen Reichtum erarbeiten, sondern deren möglichst effiziente Manipulation zum Zwecke der eigenen Machterweiterung. Vielleicht haben wir an dieser Stelle auch die Ursache dafür gefunden, warum aus einstiger linker „Religion ist Opium fürs Volk“-Aufklärung auf einmal unverhohlene Bewunderung und Förderung einer so repressiven Religion wie dem Islam geworden ist. Dem neuen Menschenmaterial sieht man gern einiges nach, selbst Raub, Totschlag und Vergewaltigung. Den Alteingesessenen, naturgemäß zu sperrig für die Propaganda der neuen Weltordnung, sieht man nichts nach. Sie sind das Pack, die Modernisierungsverlierer, der rassistische Mob, der für Hatespeech und Fakenews ohne Gnade verurteilt werden muss. Bist du weiß, alt, männlich und heterosexuell, dann wirst du für ein Dirndl-Kompliment von der geifernden Meute zerfetzt. Gehörst du zu den Zwangsglobalisierten, dann kannst du auch deine Frau mit einem Strick um den Hals am Auto durch die Straßen fast zu Tode schleifen – die eben noch Sexismus! schreiende Meute macht sich dann lediglich darum Sorgen, wie deine Tat der falschen politischen Seite in die Hände spielen könnte. Scheinheiligkeit und Doppelmoral, wohin man sieht. Man kann gar nicht soviel fressen, wie man kotzen möchte.

Seitdem mir das alles immer klarer wurde, bin ich langsam aber sicher der linken Seite des politischen Spektrums verloren gegangen. Die Vielfalt, die uns linke Pseudo-Intellektuelle heute schmackhaft machen wollen, ist nur eine Scheinvielfalt. Wer sich dieser Einfalt nicht anschliessen mag, wird verächtlich gemacht, diskreditiert, bekämpft, verleumdet und wahrscheinlich irgendwann wieder eliminiert. Natürlich geschieht dies alles unter dem Banner der Toleranz, Religionsfreiheit und Anti-Diskriminierung. Neusprech und Doppeldenk, ganz im Orwellschen Sinn.

Das Auge erfreut sich an vielen verschiedenen Farben, wenn man diese klar voneinander abgrenzen kann. Kontraste gelten gemeinhin als reizvoll und anziehend. Einzelne Farben können miteinander harmonieren oder auch nicht. Wer ihre Gesetze zu verstehen vermag, ist in der Lage Kunstwerke zu erschaffen. Wer alles miteinander verrührt, erhält nur eine einzige Farbe und die ist BRAUN.

 

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