Franks SchreibBlog
Provokativ • Politisch • Persönlich • Polemisch

Wer sich eingehender für Whisky interessiert, stolpert in Deutschland unweigerlich irgendwann über The Whisky Store und die Person von Horst Lüning. Er ist mittlerweile so eine Art Youtube-Geheimtipp und produziert in unterhaltsamer Art und Weise Videos am laufenden Band, in denen er vor allem hochwertige Whiskys verkostet, aber auch Wissenswertes über Herstellung, Brennereien und den weltweiten Whisky-Markt vermittelt. Den Youtube-Kanal von The Whisky Store mit rund 1400 Videos verfolgen knapp 26000 Abonnenten. Für einen Mann Jahrgang 1957 und einen erfolgreichen Unternehmer obendrein mag das schon erstaunlich genug sein, aber Horst Lüning hat noch weitere Überraschungen parat. Auf seinem persönlichen Youtube-Kanal veröffentlicht er nämlich einen weiteren Video-Blog, den er Unternehmerblog oder kurz Unterblog nennt. Dort hinterfragt er „alles, was mir in die Quere kommt“ und spricht über eine beachtliche Bandbreite von Themen aus Wirtschaft, Politik, Naturwissenschaft, Technik und Gesellschaft. Obwohl er als promovierter Maschinenbauingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik sicher einiges an Wissen mitbringt, tut er dies nicht als selbsternannter Experte, sondern eher mit einer unübersehbaren Portion an gesundem Menschenverstand und so, wie ihm der Schnabel gerade gewachsen ist. Der Unterblog hat mittlerweile über 6 Mio. Videoaufrufe generiert. Regierung, Staat, Parteien und Politik bekommen da ordentlich ihr Fett weg. Horst Lüning hat nach eigenen Angaben aufgehört fernzusehen und lehnt ebenso jede Einladung ins Fernsehen ab. Jemand, der 2013 die Domain whisky.com für 3,1 Mio $ gekauft hat, muss niemandem nach dem Munde reden. Und so beackert er die Roten, Gelben, Grünen und Schwarzen mit bodenständigem Humor und einer Spur Verachtung und landet – wie ich erstaunt entdeckte – auch irgendwann bei der Piratenpartei.

Nun kann man vielleicht nicht gerade behaupten, dass Horst Lüning repräsentativ für das deutsche Wahlvolk wäre, aber er besitzt einen schlauen und unbestechlichen Blick auf die Dinge und gehört mit Sicherheit weder zum politischen noch zum medialen Establishment. Was denkt so ein Mensch über die Piraten? Das interessierte mich als Pirat natürlich brennend, also schenkte ich mir einen Whisky ein und sah mir das Video an. Wenn man genau zuhört, kann man eine Menge lernen. Mir fiel als Erstes auf, dass für einen technik- und IT-affinen Menschen wie Horst Lüning das ganze Digitale-Gesellschaft-Gedöns der Piraten nicht der Rede wert ist. Die sogenannten Kernthemen wie freies Internet, Informationsfreiheit, digitale Teilhabe u.ä., für die sich die Piraten stark machen und kompetent halten, erwähnt er mit keiner Silbe. Stattdessen bringt er die Piraten mit (innerparteilicher) Basisdemokratie, Bürgerbeteiligung und Volksentscheiden in Verbindung und scheint genau das auch für neu und beachtenswert in der deutschen Parteienlandschaft zu halten. Alle Parteimitglieder zu fragen und mitbestimmen zu lassen (statt von Parteigremien und -vorständen die politische Linie vorzugeben) führt ihn mit gewissermaßen zwingender Logik dazu, die Vorzüge der direkten Demokratie herauszustellen, bei der alle Bürger zu einem bestimmten Thema befragt werden (kommunal oder bundesweit) und im Idealfall sogar darüber entscheiden können.

Das Video ist von 2013, als der Hype der Piraten bereits zu bröckeln begann. Man kann trotzdem die klare Erwartungshaltung an eine neue Partei heraushören. Wie wäre es, wenn es endlich mal eine politische Kraft gäbe, die sich für das Volk und seine Interessen einsetzt und ernstgemeinte Mitbestimmung – etwa nach Schweizer Vorbild – einführen möchte? Wie wäre es, wenn es ausnahmsweise mal nicht um Machtspielchen, Pöstchen, parlamentarische Mehrheiten und den eigenen Geldbeutel ginge? War es nicht genau diese Erwartungshaltung politikerenttäuschter Bürger, die die Piraten damals mit nach oben getragen hat? Wenn man das bereit ist zu akzeptieren, dann muss man allerdings auch fragen, was die Piraten daraus gemacht haben. Es gibt sicher sehr viele Piraten, ich schließe mich da mit ein, die auf kommunalpolitischer Ebene genau für diese Ideale der Bürgerbeteiligung streiten. Aber von der Bundesebene der Partei gab es diesbezüglich kaum beachtenswerte Initiativen. Der Traum von der Basisdemokratie scheiterte ebenso. Noch immer treffen sich ein paar Hundert Mitglieder zu Bundesparteitagen und entscheiden dort, losgelöst vom Rest der Basis, über die Parteilinie. Dort streitet man dann lieber über Provokationen wie aufgehängte Antifa-Fahnen oder dividiert sich in ideologische Strömungen auseinander, die sich spinnefeind sind. Weltraumfahrstühle, Gendergaga, Bombergate, Deutschlandhasser und Refugees-über-alles tun ihr Übriges, um den ganz normalen Bürgern eines deutlich vor Augen zu führen: Piraten sind auch nur wie die anderen, die machen keine Politik für uns, sondern versuchen nur die eigenen ideologischen Ziele in den öffentlichen Diskurs zu injizieren. Piraten waren zwar mal die mit den Fragen, aber gelernt wirklich auch zuzuhören haben die nie. Stattdessen wissen sie alles besser, insbesondere wer auf der richtigen Seite steht und wer ein Nazi ist. Und was für alle das Richtige und Beste zu sein hat. Große Teile der Piraten haben schon ein Problem mit dem Begriff Volk, wie könnten sie dann Politik für dieses Volk machen afd_plakatwollen? Und wie bei allen Linken herrscht da die uneingestandene Abneigung vor der direkten Demokratie, wenn nur die Mehrheit entscheidet und die Ergebnisse nicht so ausfallen könnten, wie es die eigene ideologische Agenda vorschreibt. Dann wird mit der üblichen Arroganz auf dem vermeintlich dummen Volk herumgehackt, das wieder mal nicht begriffen hat, was es zu denken, zu wählen und zu meinen hat.

Und da dieses dumme Volk gar nicht dumm ist, schickt es die neue Partei dorthin zurück, wo sie hergekommen ist, in die Bedeutungslosigkeit. Genau da, wo wir als Piraten jetzt sind. Und die Erwartungshaltung wird auf eine neue Partei übertragen. Eine Partei, die auf ihren Plakaten den bundesweiten Volksentscheid fordert. Könnte ja sein, dass es jetzt jemanden gibt, der es ernstmeint.

 

 

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Ein Kommentar

  1. 27. August 2017 von 11:03

    Ich finde Horst Lüning auch super. Seine Videos schaue ich mindestens einmal pro Woche.

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