Franks SchreibBlog
Provokativ • Politisch • Persönlich • Polemisch

In der DDR war die Presse frei und unabhängig. Zumindest sollte der gemeine Normalbürger das glauben, wenn er Tageszeitungen wie „Freies Wort“, „Freie Presse“, „Der Demokrat“ oder die „Freiheit“ las. Dass es damit nicht weit her war, konnte man schon daran sehen, dass – zumindet im überregionalen Teil – alle (un)wesentlichen Informationen fast Satz für Satz gleich lauteten. Zwischen amtlichen Verlautbarungen der Regierung und des Politbüros, Berichten von Parteitagen und der Planerfüllung in den volkseigenen Betrieben gähnte die Langeweile, die in den unnachgiebigen Beton der Propaganda des realexistierenden Sozialismus gegossen war. Zensur gab es offiziell nicht, lediglich „Empfehlungen“ des Parteiapparats, was man drucken konnte und was man besser wegließ. Selbstkontrolle übten Parteifunktionäre in den Redaktionen. Wer sich darüber hinwegsetzte, bekam bald Ärger. So wurde der in der DDR sehr beliebte „Eulenspiegel“ mit seiner für heutige Maßstäbe wenig offensichtlichen Satire immer wieder zurückgepfiffen und dessen Chefredakteur Heinz Schmidt verlor nach einem öffentlichen Brandbrief des ZK-Sekretärs für Agitation und Propaganda Albert Norden und sich daran anschließenden acht Parteiverfahren seinen Job. Neben der Philosophie gab es wohl kaum ein anderes Studium, das so mit Marxismus-Leninismus (kurz ML genannt) überfrachtet war wie das des Journalismus.

Der mit streng gefilterten Informationen versorgte DDR-Bürger trug das mit Gelassenheit, las mit Begeisterung seinen Regionalteil (und „Das Magazin“) und bildete die Fähigkeit heraus, zwischen den Zeilen herauszufinden, was eigentlich so vorging. Wenn man einmal den Dreh heraus hatte, war das Dechiffrieren der politischen Euphemismen gar nicht mehr so schwierig und außerdem eine stete Quelle von Spott und bösem Witz.1 Meldeten die Medien eine „kurzzeitige Versorgungslücke“, so war klar, dass eine bestimmte Ware in der ganzen Ostzone quasi nicht mehr zu bekommen war (es sei denn gegen Devisen). Die Pflichtaufmärsche zu Feiertagen wie dem 1. Mai wurden zu machtvollen Demonstrationen für den Sieg des Sozialismus, Bündnisse waren immer unauflöslich und brüderlich, Beifallsbekundungen immer langanhaltend. Der Plan wurde quasi sowieso erfüllt, vor allem aber übererfüllt. Ging mal was grundlegend schief (etwa die Versorgung der Kraftwerke im Winter, weil die Braunkohle eingefroren war), waren die Werktätigen (und Soldaten der Nationalen Volksarmee) mit großen Anstrengungen am Werk, Tag und Nacht und natürlich im Dienst am sozialistischen Vaterland, um heldenhaft die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Nichtigkeiten wurden zu Sensationsmeldungen aufgebauscht, um darüber hinweg zu täuschen, dass es nichts zu berichten gab. Als die bekannte Leipziger Abendzeitung Azet das erste Mal erschien, prangte auf der ersten Seite in großen Lettern der Titel „Kossygin besichtigt spitzenlose Außenrundschleifmaschine“. So wie die Außenrundschleifmaschine gab es dauernd neue Errungenschaften zu verkünden, selbstverständlich samt und sonders auf Weltniveau.

Im Gegensatz zur überquellenden Nicht-Information erforderte es der Kampf gegen „die ideologische Diversion des Klassengegners“, dass man so heftig drauf haute, wie es nur ging, wenn es sich um den Westen und den Imperialismus handelte. Da wurde ordentlich vom Leder gezogen, je aggressiver und unversöhnlicher, umso besser. Ständig musste der Sozialismus verteidigt werden, alles was von drüben kam, war primitive antikommunistische Hetze und ein Störmanöver.2 Von Horst Sindermann, Chefagitator der SED und späterer Präsident der DDR-Volkskammer, ist das Zitat überliefert: „Die objektive Berichterstattung kann nicht darin bestehen, der Arbeiterklasse von ihren Interessen losgelöste Informationen zu geben und die Rolle der Presse als Erzieher der Massen zu negieren … Hier findet Klassenkampf statt.“ Der Horst Sindermann hatte Talent in solchen Dingen, schließlich erfand er auch den „Antifaschistischen Schutzwall“ für die Berliner Mauer. Die Presse hatte dafür Sorge zu tragen, „daß keine Verwirrung in die Reihen des werktätigen Volkes getragen wird.“ So zu lesen in der „Jungen Welt“, der Zeitung der FDJ, die ihren Namen kurzerhand von einem Blatt der Hitlerjugend übernommen hatte. Im Volksmund war das SED-Parteiabzeichen auch als Märchenauge bekannt3 und so wundert es nicht, dass jedem DDR-Bürger der Märchencharakter der offiziellen Presse mehr als geläufig war.

Der geneigte Leser wird sich nun denken können, worauf ich hinaus will. 28 Jahre nach der Wende sind wir in einer Gesellschaft, die sich unentwegt selbst als „frei“ oder „freiheitlich“ bezeichnet, wieder aufgefordert, zwischen den Zeilen zu lesen. Wieder sollen Verschleierung und Verschweigen dafür sorgen, dass keine Verwirrung in die Reihen des Volkes getragen wird, das man grundsätzlich für unfähig zum Selbstdenken hält und daher beständig gelenkt und erzogen werden muss. Wieder wird die Zensur, die quasi als freiwillige Selbstkontrolle funktioniert, nicht als Zensur bezeichnet, sondern mit allerlei wohlklingendem Polit-Blabla wie mit Zuckerguß überzogen. Alles geschieht selbstverständlich zu unserem Besten. Aus dem bösen Westen ist jetzt „rechts“ geworden, denn alles, was irgendwie schlecht ist, kommt von rechts – ob nun Trump, Putin, die Rechtspopulisten von der AfD, die Diskriminierung von Minderheiten, die Ablehnung der Frauenquote, die Klimawandel-Skeptiker, der Hass sowieso und die Hetze obendrein. Hetze war übrigens ein ausgesprochenes Lieblingswort der Agitatoren in der DDR. Selbstlose Aktivisten befinden sich im unaufhörlichen Kampf für bunte Diversität (und Europa!) und wenn sie verlieren sollten, droht nichts weniger als Faschismus und der Untergang der Welt, dessen Farbe blau wie das Logo der AfD ist. Im Internet schreitet man schon (oder bald) zur Tat. Dort wird auf Maas komm raus alles geblockt und gelöscht, was nicht bei Drei beweisen kann, dass es zur guten Seite gehört.

Dank einer Direktive des Zentralkomitees Presserates lernen wir wieder ziemlich schnell, in Tageszeitungen und selbst in schnöden Polizeimeldungen zwischen den Zeilen zu lesen. Wird der Verdächtige einer Gewalttat z. B. als „psychisch gestört“ und als „Einzelfall“ bezeichnet, dann wissen wir jetzt, dass es sich in der Regel um einen Menschen mit einer gewissen Religion handelt, der zum Lobpreis seines Gottes einen Ungläubigen töten wollte.4 Eine Weile hat man um den politisch korrekten Begriff für diejenigen, die nicht schon länger hier sind, gerungen, aber mittlerweile weiß der Normalbürger, dass bei Geflüchteten auch alle anderen, die sich nicht auf der Flucht befinden, mit gemeint sind. Wenn von Großfamilien die Rede ist, muss niemand deren Nationalität mehr mit nennen, alle wissen auch so Bescheid. Oft kann man einfach nur von einem Mann lesen, der etwas Schlimmes getan hat oder gleich von ganzen Männergruppen. Weitere Details fehlen dann. Zwischen den Zeilen gelesen, handelt es sich in der Mehrzahl der Fälle um Migranten und andere Ausländer, die eine Straftat begehen oder sich untereinander brutal bekämpfen. Die Nationalität oder ethnische Zugehörigkeit darf nicht mehr angegeben werden, es sei denn es handelt sich um einen Deutschen oder einen in Deutschland Geborenen. Auch Gruppen von Jugendlichen sind nun unterwegs, um Passanten zusammenzutreten, Homosexuelle ins Krankenhaus zu prügeln, alte Leute auszurauben oder rivalisierende Gruppen mit Messern und Macheten anzugehen. Gelegentlich schneidet jetzt ein Teenie seiner Freundin die Kehle durch, so als wäre das schon immer eine normale Freizeitbeschäftigung deutscher Kinder gewesen. Dank der sich rasant verbreitenden Kenntnis der Chiffrierungen kann man leicht herausfinden, dass es sich nicht um Jan und Sandra aus der Nachbarschaft handelt, die da durchgedreht sind. Ebenso interessant sind die erfinderischen Euphemismen in unseren Tageszeitungen, mit denen versuchte oder tatsächliche Vergewaltigungen etwas netter verpackt werden. Die Täter haben sich dann genähert oder ihr Opfer bedrängt, es wurde unsittlich berührt oder eine Frau in ein Gebüsch gezogen. Natürlich wird auch ein bisschen gegrapscht und angetanzt – irgendwie so wie auf einer Thüringer Kirmes. Diese durch die Küchenjournalismus-Maschine der selbsternannten Volkserzieher gedrehten Meldungen sollen wohl potentiellen Erlebenden die Angst nehmen, abends durch den Park zu joggen. Man sollte schonmal einen Sprachwissenschaftler auftreiben, der für spätere Zeiten all das ein bisschen zusammenträgt und sammelt.

Zugegebenermaßen haben ehemalige DDR-Bürger nun ein paar Vorteile, wenn es darum geht, das was wirklich abgeht zu verstehen. Irgendwie hat man die kleinen Tricks, wie man sich gegen die Zumutungen einer Diktatur wehren kann, noch im Blut und kann sie schnell wieder aktivieren. Ich bin überzeugt davon, bald taucht auch der alte DDR-Polit-Witz in neuen kreativen Varianten wieder auf. Irgendwie muss man ja verarbeiten, dass man für blöd verkauft wird und da ist schwarzer Humor ein unentbehrliches Rüstzeug. Das alles ist erst der Anfang. Wir erinnern uns: Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.

Titelfoto: Kampftreffen des MfS im Palast der Republik (Quelle Bundesarchiv, Bild 183-1985-0206-422 / Franke, Klaus / CC-BY-SA 3.0)

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  1. So wurden z. B. aus Propagandisten im Volksmund „Propangaskisten“, selbstverständlich wegen der roten Flaschen. 🙂 []
  2. Ein wiederkehrender Satz meines Staatsbürgerkunde-Lehrers war: Alles Schlechte kommt aus dem Westen, selbst das schlechte Wetter. []
  3. oder als „entscheidende 3 Gramm am Revers“ []
  4. Mit dem Islam hat das Ganze allerdings nichts zu tun! Das wäre dann böse rassistische Hetze von ganz weit rechts! []

Ein Kommentar

  1. Silvio Kramer-Reply
    11. Mai 2017 von 05:50

    Wiedermal ein sehr gut geschriebener Beitrag. Sie sollten auch auf anderen Seiten schreiben, um die Leserschaft zu vermehren.

    Was bringt diese Verschleierung denn noch? Mittlerweile weiß doch jeder: wenn die Nationalität des Täters nicht genannt wird, handelt es sich um einen Neubürger. Obwohl ich zugeben muss, es hat sich schon etwas gebessert. Im letzten Jahr war es kaum noch auszuhalten. Inklusive Meldungen wie: Syrer gibt gefundene Brieftasche zurück (da musste die Nationalität unbedingt genannt werden).

    Ich weiche nun gerne auch mal auf Schweizer Nachrichten aus. Seltsamerweise vertraue ich denen mehr als einigen deutschen Nachrichtenportalen.

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