Franks SchreibBlog
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Warum ein Gestaltungshandbuch Jena ärmer macht

Die Deutschen sind für ihre übertriebene Ordnungs- und Regelungswut berüchtigt. Dabei wird nicht selten das Gegenteil von dem bewirkt, was man vorgibt zu wollen. So hat sich die Stadt Jena eines schönen Tages ein sogenanntes Gestaltungshandbuch verordnet, die formatio jenensis.1 Der „Standard für die Gestaltung des öffentlichen Raumes“ ist in „Konzept, Inhalt und Gestaltung“ ein Werk jenes Stadtarchitekten, der mittlerweile vielen Jenaer Bürgern ein Begriff sein dürfte. Das Ansinnen wurde bereits am 18.09.2008 im Stadtentwicklungsausschuss mit 6 Ja-Stimmen und 3 Enthaltungen beschlossen2 und als fertiges Werk im September 2012 in einer Berichtsvorlage dem Ausschuss vorgetragen.3 In der Vorlage wird festgelegt, dass das Gestaltungshandbuch „als verwaltungsinterne Arbeitsgrundlage durch die zuständigen Fachbereiche und Eigenbetriebe genutzt werden“ soll. Wie man an dieser Formulierung leicht erkennen kann, wurde damit den Stadträten eine eigentlich beschlusswürdige Vorschrift für das Verwaltungshandeln in eine Berichtsvorlage gepackt und untergejubelt.4

Das 131 Seiten starke Konvolut der Normierungsfantasien eines Stadtarchitekten hier vorzustellen, würde den Umfang eines Blogbeitrags bei weitem sprengen.5 Es gibt jedoch einige schöne Formulierungen, die den Charakter dieses Werkes gut beschreiben. So beklagt man schon in der Einleitung eine Störung des öffentlichen Raumes durch eine konstatierte Vielfalt an Materialien und Gestaltungselementen und möchte ein ganzheitliches Stadterleben anstreben. Eine klare Gestaltungssprache soll als Standard etabliert werden. Man hält die Ausformung öffentlicher Straßen, Wege und Plätze nach einheitlichen Prinzipien für ein wünschenswertes Unterfangen. Nach Raumtypen geordnet werden bausteinartig Vorgaben für Profile, Materialien, Farben, Verlegearten und Qualitäten formuliert. Erklärtes Ziel ist es, den öffentlichen Raum ruhig und übersichtlich zu gestalten, ohne dass man begründet, warum eine solche Übersichtlichkeit zu bevorzugen wäre oder bei wem der nichtformatierte Raum Nervosität hervorruft. Seitdem wird überall da, wo man in der Stadt saniert oder neugestaltet, die formatio jenensis angewendet, genau das ist ja auch der Sinn einer Standardisierung.

Standardmodell Sitzbank im Raumtyp Altstadt

Was man als allgemeines Entwicklungskonzept vielleicht noch nachvollziehen könnte, wird in der formatio jenensis bis ins Detail hinuntergebrochen. Gehwegplatten quer zur Hauptbewegungsrichtung sind böse, eine Reduktion auf wenige Elemente ist dagegen gut, Leitlinien (in der Bodengestaltung) müssen unbedingt Parzellen geradlinig folgen, im Landschaftsraum soll die Linienführung ausgerundet, im Stadtraum stringent sein, Oberflächen müssen kühl und homogen (sprich als heller Beton) ausgeführt werden, wegen dem Klimawandel versteht sich. Ein Segmentbogenverband bei Pflasterungen geht gar nicht, um Anschlussprobleme zu vermeiden. So geht es immer weiter, Seite um Seite. Die Optik muss beruhigt werden, die Gestaltung selbstverständlich einheitlich sein, für quasi alles sind einige wenige Standardvarianten vorgeschrieben: Fußwegecken, Einfahrten, Leuchten, Bänke, Fahrradbügel, Papierkörbe, Geländer, Schachtdeckel, Pflanzkübel und Spender für Hundekotbeutel. Man spürt regelrecht, wie sich all das angelernte Wissen aus irgendeinem Architekturseminar endlich einmal Bahn brechen durfte. Nur an einigen wenigen Stellen erlaubte man sich ungeahnte Freiheiten, beispielsweise wenn der in Flachstahl auszuführende Handlauf in Wandmontage auch in Rundstahl möglich ist. Es ist leicht vorstellbar, wie den Erarbeitern der Schweiß auf die Stirnen trat, als sie sich derartige Entgleisungen bei der allumfassenden Vereinheitlichung erlaubten.6

Formatierter Raum – kombinierte Standardelemente

Löbderstraße am Abend – leer und tot

Den Prozess, Straßen, Plätze und sonstige Gestaltungselemente durch den Filter der formatio jenensis zu pressen, nennt man in Jena oft Aufwertung. In dieser Begrifflichkeit schwingt die Auffassung mit, dass der vorherige Zustand auf jeden Fall schlechter war und die Normierung und Standardisierung automatisch zu etwas führt, das alle – angeblich – wünschenswert finden. Wenn man sich vergegenwärtigt, was den besonderen Reiz bestimmter öffentlicher Räume in verschiedenen Städten ausmacht, setzt spätestens hier gravierender Zweifel ein. Von welchen Orten, Winkeln, Plätzen und Straßen fühlen sich Bewohner und Besucher angezogen und von welchen nicht? Und warum ist das so? Was wird in einer Stadt als schön, besonders, atmosphärisch, stimmungsvoll, romantisch, liebenswert oder gar einzigartig wahrgenommen? Wo hält man sich unbewusst gern auf? Was muss man gesehen haben? Den Standardbetonsitzblock nach Normmaß 0815? Das Einheitspflaster in quadratischen Betonplatten? Die überall gleich hellgrauen Mauern mit Edelstahl-Geländer? Das Fertigteil aus Sichtbeton mit einer konstruktiven Fase? Wohl kaum. Es ist keineswegs der auf ein Regelmaß getrimmte Standard, der in Erinnerung bleibt, ganz im Gegenteil. Unsere Sinne werden vom überflüssigen Detail angezogen, vom Verschwenderischen, vom Unvollkommenen und Originellen. Uns fasziniert das Überkommene, das Schiefe und Krumme, die Risse, das vom Alter Angenagte, ja manchesmal schon Kaputte, das historisch Belebte. Es ist die Vielfalt, die Kleinigkeit, das Ungeordnete oder Vergessene, das uns an manchen Orten innehalten und genießen lässt. Nicht selten ist es eine direkte Verquickung aus Natur und menschlichem Bauwerk, ein vergessenes Rasenstück, ein alter Baum an einer verfallenen Mauer, eine halb überwachsene Parkbank an einem abseitigen Weg, ein Holztor in einer Tordurchfahrt, ein schmiedeeisernes Gitter voller Efeu an einem Friedhof.

Der Johannisplatz vor der „Aufwertung“

Der Johannisplatz nach Anwendung der formatio jenensis

Teil des Johannisplatzes vorher …

… und heute

Die durchgängige Anwendung der formatio jenensis mag heute im Einzelfall sogar positiv bewertet werden. Seht her, hier wird etwas getan, hier wird investiert und saniert und alles wieder schöngemacht! Doch die Schönheit, die entsteht, ist ein Einerlei, aus dem alles ausgeblendet wurde, was dem dahinter stehenden Standard nicht entspricht. In der Summe wird dadurch eine so historisch und kulturell reiche und einzigartige Stadt wie Jena bei jedem Bauvorhaben, bei jeder Sanierung, Jahr für Jahr, immer ärmer. Es ist die Formatierung, die sich durchsetzt und alles einander angleicht. Ob ich mich in einem Wohngebiet in Jena-Ost aufhalte oder auf einem Spielplatz in Lobeda, ob ich über den neu sanierten Johannisplatz gehe oder mich in Zukunft im geplanten Bürgergarten auf dem neuen Eichplatz aufhalte – überall bekomme ich dasselbe übersichtliche Repertoire an Gestaltung, Form und Farbe vorgesetzt. Elemente, die im ersten Moment neu und schick und toll aussehen und auf den zweiten und dritten Blick unendlich öde und langweilig sind. Und da überall der gleiche Drang nach Normierung und das gleiche Nützlichkeitsdenken7  herrscht, ist es irgendwann egal, ob ich auf einem zentralen Platz in Jena, Mannheim oder Kiel sitze. Das Einzige und Eigene ist dann längst verschwunden. Mit der Etablierung des Denkens in standardisierten Vorgaben setzt sich der Drang zur Formatierung und Schematisierung auch in anderen Bereichen durch, etwa bei einer aggressiven Baumpflege, bei der Planung neuer Wohngebiete (z.B. Friedensberg-Terrassen oder Am Oelste) oder wenn man ein Hochhaus inmitten eher kleinteiliger Bebauung nur deswegen für notwendig hält, damit Besucher aus einer bestimmten Ankunftsrichtung her einen Begrüßungspunkt wahrnehmen (Zwätzen-Nord). Stadt ist dann kein gewachsener und authentischer Lebensraum von Menschen mehr, sondern nur noch ein Reißbrett, auf dem man Konzepte, Materialien und Elemente wie in einem Computerspiel bausteinartig hin und her schiebt und nach vordefinierten Prinzipien und Algorithmen verteilt und anordnet. Wenn ein bestimmtes Maß an kreativem Chaos der allumfassenden Ordnung Platz gemacht hat, wird auch unser sinnliches Erleben an Komplexität verlieren. Es ist gut möglich, dass den Menschen – auch in dieser Stadt – erst in 50 oder 100 Jahren (oder nie?) auffallen wird, wie groß dieser Verlust eigentlich ist.

Platz in Lobeda-West

Platz in Wenigenjena

Platz vor dem Phyletischen Museum

„Formatierter“ Baum in Winzerla

 

Fotos: F. Cebulla

 

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  1. lat. formatio: Gestaltung, Bildung []
  2. Vorlage: 08/1331-BV []
  3. Vorlage: 12/1625-BE []
  4. Berichtsvorlagen werden nicht beschlossen, sondern nur zur Kenntnis genommen. Wie man dem Protokoll der Ausschusssitzung vom 06.09.2012 entnehmen kann, erzeugte die Berichtsvorlage keinerlei Diskussionsbedarf. Die Verwaltung kündigte zudem an, das Gestaltungshandbuch als „Loseblattsammlung“ fortzuführen und dem Ausschuss regelmäßig Ergänzungen und Änderungen zur Kenntnisnahme vorzulegen. Wie man heute weiß, liegt das Gestaltungshandbuch nun als gebundener Teil der „Schriften zur Stadtentwicklung Nr. 2 Stand 2013“ vor und entgegen der Ankündigung wurde seitdem dazu auch nichts mehr vorgestellt. []
  5. Man kann es sich aber hier herunterladen und zu Gemüte führen. []
  6. Bei bestimmten Raumtypen wurden die Vorgaben soweit reduziert, dass de facto so gut wie keine Gestaltungsvariation mehr möglich ist. So gibt es im Raumtyp „Landschaftsraum Saale“ nur noch eine einzige mögliche Ausführung von Treppen oder Bänken, bei Gewerbegebieten ist lediglich noch Asphalt als Bodenbelag erlaubt. Endgültig abstrus wird es dann, wenn man für die freie Landschaft eine Wegeschranke in Holz und eine in Metall vorschreibt oder für Geländer optional eine Knieleiste erlaubt. []
  7. etwa, weil für Reparaturen und Bauvorhaben nur noch eine begrenzte Zahl an Materialien vorgehalten werden müssen []

Ein Kommentar

  1. Tobias N-Reply
    24. Oktober 2017 von 15:07

    Hallo Frank,

    Die Formatio jenensis wurde am 6. September 2012 de SEA zur Kenntnis gegeben. Im Ausschuss sagte Stadtarchitekt Dr. Matthias Lerm, es sei eine Loseblatt-Sammmlungg. Statt dessen wurde das Werk als Broschüre gedruckt – und damit ist es keine Loseblatt-Sammlung. Ob die Stadträte damals bewusst getäuscht wurden? Fest steht, dass immer alles auf die Formatio geschoben wird, anstatt Anpassungen vorzunehmen. Oder man heißt KSJ und stellt (wackelige) Papierkörbe auf, die nicht verzeichnet (und damit doch nicht erlaubt?) sind.

    Hier gibt es eine Übersicht samt Protokoll; https://www.unserjena.de/2017/10/gestaltungshandbuch-formatio-jenensis/

    Viele Grüße,

    Tobias

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