Franks SchreibBlog
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Liebe Leser, sicher kennt ihr diesen Augenblick. Ihr schaut im Fernsehen den Tatort und nach gut der Hälfte fällt euch auf der Strichliste, die ihr mitführt, auf, dass im Film viel mehr Männer auftreten als Frauen: der Kommissar, die Polizisten, der Taxifahrer, die Einbrecher, der Mörder, der Richter … tatsächlich, alles Männer. Empört springt ihr auf und nehmt euch vor, endlich mal eine Online-Petition auf change.org zu starten, die mehr Frauen in deutschen Filmen fordert! Dieser ausgemachte Skandal, den nun endlich – endlich! – Die Zeit publik macht, brachte schon immer die Mehrheit der deutschen Fernsehzuschauer um den Schlaf. Und solche grundsätzlichen Fragen wie: Was haben Männer überhaupt im Kinderfernsehen zu suchen?1 Gut, dass es mal jemand ausspricht! Dass es eine Pressekonferenz dazu gibt! „Und die Verantwortlichen? Zucken die Schultern.“ Das muss man sich einmal vorstellen! Dieser Zustand ist „erschreckend“ und „unbefriedigend“ und macht „traurig“. Wenn sich da nicht bald etwas ändert, dann ist eine Quote – die ja gar keiner will – „das allerletzte Mittel“. Aber auch mit mehr jungen, weißen Frauen ist es beileibe nicht getan. Denn wenn es die gibt, dann „muss es konsequenterweise auch dicke Frauen, hässliche Frauen, alte Frauen, böse Frauen oder Frauen mit ganz unterschiedlichen soziokulturellen Hintergründen geben“. Aber für die „Audiovisuelle Diversität“ reicht das trotzdem nicht. „Auf der Bildfläche fehlen bislang völlig Menschen, die sich der binären Geschlechtervorstellung entziehen.“ Genau. Mutig haben Forscher (vielleicht besser Forscher_Innen*) herausgefunden, was uns schon immer bei deutschen Filmproduktionen gefehlt hat. Glückwunsch. Da hat sich doch die Genderforschung gelohnt.

Die Amerikaner, wie könnte es anders sein, sind da natürlich viel weiter. Ich sehe gerade die Serie „Mr. Robot“. Beim Hackerkollektiv FSociety, dessen Aktivitäten im Mittelpunkt der Serie stehen, hat man sich was gedacht. Da gibt es die junge weiße Frau (die selbstredend die Anführerin ist), den Schwarzen, den dicken, bärtigen Nerd und die Kopftuch-Muslimin (wo die wohl hacken gelernt hat?). Über das Drehbuch hätte man trotzdem nochmal eine(n) Gender-ProfessorX drüberschauen lassen sollen. Denn gekillt wird nicht der ältere, unnütze und privilegierte weiße Mann, sondern der Schwarze. Häh, Leute, seid ihr von Sinnen? Und warum gibt es keinen Homosexuellen und keine vegan lebende Trans-Lesbe? Bestimmt wird dieses himmelschreiende Ungleichgewicht auf der nächsten Queer-Tagung amerikanischer Filmschaffender thematisiert. Das wird allerhöchste Zeit, denn es geht  um nichts weniger als einen „Bewusstseinsprozess“.

Kurzer Filmriss, ähm Schnitt. Wir bleiben beim Thema Gender in der Kunst. Gibt es etwas Wichtigeres? Auf der documenta 14 tritt die amerikanische Künstlerin Terre Thaemlitz (erinnert irgendwie an Dämlich, oder?) auf. Der Ort: der Club Unten in der ehemaligen Kasseler Tofufabrik. Nein, das hab ich mir nicht ausgedacht und es ist auch keine Satire. Thaemlitz ist ein Mann und sieht aus wie ein Mann, mit Männerbarthaut im Gesicht und Brille, aber „ordnet sich keinem Geschlecht zu“. Der Künstler ist uns Langweilern weit voraus, denn dieses abscheulich Binäre hat er längst als „Vorstellung“ enttarnt. Er schaut aus „wie ein langhaariger John Lennon, dem Brüste gewachsen sind“. Wahrscheinlich durch reine Gedankenkraft, denn Geschlechter sind sozial konstruiert, soviel ist klar. Der Thaemlitz ist „supersympathisch“, was man von ganz normalen Männern nicht behaupten kann. Er hat bereits Wegweisendes geleistet. „Als Chronist und Erzieher in nicht-essentiellen Transgender-Themen sowie pansexueller, queerer Homosexualität nahm Thaemlitz an vielen Diskussionen und Vorträgen in Europa und Japan teil.“ Das kann nicht jeder von sich behaupten.

Was Thaemlitz so denkt und tut, beschäftigt auch die absolute Mehrheit der Bevölkerung. Die Familie ist nichts weniger als „der Feind der Demokratie“, die es abzuschaffen gilt. Es sei überdies „unmoralisch, Kinder zu bekommen“. Da diese nicht als Transen auf die Welt kommen und den abstrusen Gedanken hegen könnten, später selbst einmal Kinder zu zeugen, ist das ebenso verständlich. Seine Performance auf der documenta zeigt verfremdete Pornofilme und erzählt von „Vergewaltigungen“ und „missglückten Geschlechtsumwandlungen“. „Er zitiert seinen Künstlerkollegen Mark Fell, der feststellte, dass ein Fötus viel weniger leiden müsse als ein Mensch mit Bewusstsein. Darum sei es moralisch, dass jeder eine Abtreibung mache.“ Im Grunde also Themen, über die wir alle täglich nach dem Frühstück so grübeln. Der Journalist, der uns von diesem spektakulären Jahrhundertereignis berichtet, erfüllt seinen Propagandaauftrag nur unwillig. Man merkt ihm ein gewisses Unbehagen an. Das Zitat von Chris Korda, das er an den Schluss seines Artikels setzt, könnte man als Rat an seinen Protagonisten missverstehen: „Rette den Planeten, töte dich selbst.“ Irgendwie scheint da keiner mehr lektoriert zu haben.

Man könnte sich auch grundsätzlich und ganz allgemein die Frage stellen, warum wir neuerdings immer Menschen zuhören müssen, die früher nur eine psychiatrische Behandlung bekommen haben. Vielleicht hilft es ja dabei, uns aus dem „feudalen Mikrokönigreich“ der Familie zu befreien? Dann können wir uns endlich sechs Brüste wachsen lassen und widmen uns nur noch dem „Engagement für Nicht-Essentialismus, pansexuelle Queerness und nicht-umwandelnden Transgenderismus“2. Haben wir nicht alle diese „Sehnsucht, als Neutrum teilzunehmen an der Welt“?3

Titelbild: Foto von TeesJ (Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:DoppelbogenVoll.JPG) / Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany Lizenz


  1. http://www.zeit.de/kultur/film/2017-07/geschlechtervielfalt-film-fernsehen-studie-uni-rostock []
  2. http://www.documenta14.de/de/calendar/17024/deproduction []
  3. http://www1.wdr.de/kultur/kunst/terre-thaemlitz-deproduction-100.html []

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