Franks SchreibBlog
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42 Parteien treten zur Bundestagswahl 2017 an. Und was macht die deutsche Fernsehnation? Sie zieht sich begierig ein „Duell“ der beiden Kanzlerkandidaten der Regierungskoalition rein, die seit Jahren am Ruder ist und die man eigentlich direkt für das verantwortlich machen müsste, was schiefläuft. Was erwartet man da zu sehen und zu hören? Was Frau Merkel zum Frühstück isst? Wie es beim Wanderurlaub in den Bergen war? Oder von Herrn Schulz, was er mit seiner ganzen Kohle aus all den fetten EU-Parlamentsjahren so anstellt? Ich meine, außer grinsend wie ein Kasper durchs Land zu fahren und für „Gerechtigkeit“ und eine „Reform der EU“ zu werben? Gleichzeitig meinen 76 % der Bundesbürger, dass die Wahl eigentlich schon entschieden sei, 60 % glaubt obendrein nicht, dass sich die meisten Deutschen derzeit einen Wechsel in der Regierung wünschen.1 Obwohl sich fast die Hälfte gleichzeitig noch nicht entschieden hat, wen sie denn wählen will, scheint das im Kopf keinen logischen Widerspruch aufzumachen. Irgendwo habe ich auch gelesen, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Wähler denkt, sie würden bei der Bundestagswahl auch den Kanzler direkt wählen.2 Was ist nur aus dem Volk der Dichter und Denker geworden?

Die nachwachsende Wählergeneration ist da auch keine Hoffnung. Mehr als ein Drittel der 14-17-Jährigen würde sich für Angela Merkel als Kanzler entscheiden. Weit abgeschlagen auf Platz 2 folgt Gregor Gysi, der sich bereits aus der großen Politik zurückgezogen hat. Die Jugendlichen finden Merkel übrigens zwar „traditionell“ und irgendwie „langweilig“, aber ebenso „kompetent“ und „sympathisch“. Alternativen oder Herausforderer der Dauerkanzlerin kennen die jungen Leute oft überhaupt nicht.3

Während man um alle heißen Themen einen weiten Bogen macht, versuchen die etablierten Parteien lustlos mit Schlagworten zu punkten, die leerer nicht sein könnten. Schulz möchte zum Beispiel statt in Verteidigungsausgaben lieber in „Bildung“ investieren. Dabei gibt es kaum einen anderen Bereich, der unter der langjährigen Regierungsbeteiligung der SPD so zuschanden geritten wurde wie Bildung. Auf der Straße scheint es für die Leute kein wichtigeres Thema als Migration, Sicherheit, Islam und Terrorismus zu geben; es ist offensichtlich wie groß die Verunsicherung mittlerweile gediehen ist. Natürlich wird das die meisten nicht davon abhalten, die Frau erneut in das höchste Amt zu wählen, die genau für diese Verunsicherung zu einem großen Teil mit verantwortlich ist. Eine Frau, die rhetorisch eine Vollniete ist, die sich auf nichts festlegt, die Probleme weder anspricht noch löst, die auf direkte Demokratie einen Scheiß gibt und die Deutschen nur noch als „die, die schon länger hier sind“ ansieht. Egal, das Land sehnt sich nach einer weiteren Amtsperiode von Mutti. Einer Mutti, die keine Kinder hat.

Man möchte meinen, dass vielen Wählern drängende Existenzfragen auf den Nägeln brennen: Rente, Hartz IV, Gesundheit und Pflege, Entwertung des eigenen erarbeiteten Vermögens, steigende Mieten, ebenso steigende Kriminalität, Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Nichts davon werden die etablierten Parteien ernsthaft angehen. Sie haben es bisher nicht getan und werden es auch in Zukunft nicht tun. Gewählt werden sie trotzdem. Politiker aus den höchsten Rängen haben die Menschen mit ihren berechtigten Nöten als „besorgte Bürger“ verspottet, sie als „Pack“ und Nazis beschimpft, ihren Ärger aus den sozialen Netzwerken wegzensiert, sie mit ihrer abstrusen Minderheitenpolitik ignoriert, ihre Kultur für nicht existent erklärt, sie aufgefordert sich im eigenen Land in fremde Einwanderungskulturen zu integrieren, sie mit Bullshit wie Quoten und Gendermainstreaming belästigt und ihnen das Recht abgesprochen, über die Zukunft des eigenen Landes selbst entscheiden zu wollen. Gewählt werden sie trotzdem.

Es gibt nichts Schlimmeres für deutsche Schäfchen, als von der Herde getrennt zu werden. Von ein paar Hunden gebändigt, folgen sie dem Schäfer getreu zur Schur, später zum Schlachthof. Es ist diese merkwürdige Kopf-in-den-Sand-Einstellung, mit der man glaubt ungesehen zu bleiben. Die Hoffnung, mit dem Rückzug ins Private und der heftigen Weigerung, sich mit „denen da oben“ und sowas Häßlichem wie Politik auseinanderzusetzen, ungeschoren davon zu kommen. Solange es der Nachbar ist, der wegen einer unbedachten Äußerung auf Facebook vom Staatsschutz abgeholt und verurteilt wird, bin ich es ja nicht. Und die Frau, die da jetzt in Leipzig vergewaltigt und bewusstlos geprügelt wurde, ist doch selber schuld. Warum musste sie auch allein joggen gehen. Ich kann immer noch mein kleines Reich zusammenhalten, so armselig es auch ist. Für die Deutschen kommt es offensichtlich nicht in Frage, etwas zu ändern. Veränderung kann nur Unwägbarkeit bedeuten, da ist der bekannte und vertraute Schlamassel, in dem wir jetzt schon sitzen, immer noch besser. Und selbst wenn mir irgendwann so gut wie alles an Wert genommen wird (und damit meine ich nicht nur und unbedingt das Materielle), so kann ich ja doch nichts ändern. Aufbegehren bringt ja nichts.

Und über allem thront mit süffisantem Lächeln die Jetzt-und-bald-wieder-Kanzlerin und ist sich der grassierenden Dummheit ihrer Landsleute gewiss.

In Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ schildert Diederich Heßling seinen Vater als noch fürchterlicher als ein Gnom aus seinem Märchenbuch, was ihn nicht davon abhält seine Schläge als Liebesbeweis auszulegen: „Ihr wäret froh, wenn ihr auch Prügel von ihm bekommen könntet.“ und „obendrein sollte man ihn lieben“. Wenn man das „ihn“ durch „sie“ ersetzt, ist man schon mitten im Deutschland des Jahres 2017. Gute Nacht.

Titelfoto: Merkel-Raute (Quelle: modifiziert nach Wikimedia Commons / Autor: Armin Linnartz / Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany)

 

 

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  1. siehe http://www.theeuropean.de/juergen-fritz/11819-martin-schulz-der-multimilionaer []
  2. Quelle hab ich auf die Schnelle leider nicht mehr gefunden. []
  3. siehe http://www.faz.net/aktuell/politik/bundestagswahl/bundestagswahl-umfrage-jugendliche-wuerden-angela-merkel-waehlen-15111061.html []

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