Franks SchreibBlog
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Letztes Wochenende war ich mit Freunden auf dem SonneMondSterne-Festival an der Bleilochtalsperre bei Saalburg und habe mich dort zusammen mit 35.000 anderen Party-People an elektronischer Musik erfreut. Es gäbe eine ganze Reihe spannender Fragen, die man im Zusammenhang mit dieser #smsxxi diskutieren könnte. Zum Beispiel wie lange man in Gummistiefeln tanzen kann, warum es diesen Sommer eigentlich immer und überall regnen muss, wenn man mal was Wichtiges vorhat oder was ein Dinosaurier wie ich überhaupt auf einem Elektro-Festival mit Durchschnittsalter 20 zu suchen hat, hehe … Stattdessen möchte ich mich jedoch erstens dem Thema Jägermeister und zweitens Wahlplakaten widmen. Was die miteinander zu tun haben? Mehr als man denkt.

Beginnen wir mit dem Kräuterschnaps. Jägermeister ist eine bekannte Spirituosen-Marke und hat schon immer viel in Werbung investiert. Immerhin z.B. in die erste Trikotwerbung im Fußball. Schon in meiner Kindheit gab es Jägermeister-Spots im Fernsehen. Bis vor einigen Jahren war die Zielgruppe dieser Werbung die aller anderen Kräuterschnäpse auch: dicke ältere Männer, die nach dem Essen etwas für die vermeintliche Verdauungsförderung tun wollen. Und an dem billigen Abfallprodukt der Zuckerindustrie ihren Spaß haben, versteht sich. (Damit mich die Jägermeister-Anwälte nicht mit Abmahnungen in den Ruin treiben, war diese Behauptung natürlich nur Spaß und ist als Satire zu betrachten. In Wirklichkeit handelt es sich bei Jägermeister natürlich um einen gesunden, mit allerlei Kräutern aus Omas Geheim-Apotheke angereicherten Qualitätsschnaps.) Da ältere weiße Männer immer weniger als Zielgruppe taugen *hust*, änderte auch Jägermeister seine Werbestrategie und nahm mutig die Piratenpartei-Kampagne „Ich bin Pirat, weil …“ vorweg. Nun trank faktisch jeder Jägermeister gern und gab dazu einen selten dämlichen Spruch zum Besten, etwa den: „Ich trinke Jägermeister, weil mir niemand sagen konnte, ob Kühe die Hörner vor oder hinter den Ohren haben.“ Oder „Ich trinke Jägermeister, weil mir Roland tatsächlich nur seine Briefmarkensammlung gezeigt hat.“ Okay. So ganz hatte man den Übergang zur Postmoderne noch nicht geschafft. Das konnte man auch daran erkennen, dass man weiter mit dem Sujet des Jägers und dem eigenen Wahrzeichen, einem Hirsch, herumspielte. Und natürlich mit allen passenden und unpassenden Anzüglichkeiten, die man sich in diesen biederen Zeiten so vorstellen konnte.

Mittlerweile ist das anders. Wer schon einmal auf einer Mega-Party wie der SMS war, weiß, dass Jägermeister auf einmal die coole Sau und der geile Shice ist. Da ich selbst äußerst selten fernsehe, ist mir das jetzt erst richtig aufgefallen. Dinosaurier halt … Nun werden offenbar die Werbemillionen in eine ganz andere Zielgruppe gesteckt, in feiernde junge Leute nämlich (Motto: Macht anständig Party). Die Generation X soll Kräuterschnaps mögen und zwar nur einen. Wie macht man das? Mixt man mit Einfallsreichtum fantasievolle Cocktails aus dem eigenen Gesöff und fordert mit Esprit und Stil dazu auf, das eigene Produkt zu probieren? Nee, ganz im Gegenteil. Mitten in der Nacht, genauer gesagt am Samstag gegen 2 Uhr, überfiel meinen Kumpel und mich eine erschütternde Erkenntnis. Sie geben sich keine Mühe. Sie sind zwar an jedem Getränkestand präsent, versuchen die Konkurrenz zu verdrängen, verbreiten aggressiv ihre Marke, aber mehr nicht. Auf einem lächerlichen Holzhirsch-Podest darfst du Jägermeister pur oder überzuckerte Cola for the Masses mit einem Schuss Jägermeister kaufen, für 7,50 Euro. Das ist alles. Wir haben uns immer wieder gefragt, ob das wahr sein kann und womit man den offensichtlichen Erfolg begründen könnte. Da war nichts. Nada. Der Hirsch schien uns immer wieder sagen zu wollen: ey, ihr würdet auch Gülle saufen, nehmt diesen einfallslosen Spülicht und wir ziehen euch noch ordentlich Kohle dafür aus der Tasche. Ihr merkt ja eh nichts mehr.

Womit wir bei den Wahlplakaten zur bevorstehenden Bundestagswahl angelangt sind, die sich ebenfalls an diesem Wochenende in meine Wahrnehmung gedrängt haben. Die etablierten Parteien verfolgen haargenau die Jägermeister-Strategie. Sie geben sich keinerlei Mühe. Der Aufwand wird so gering wie möglich gehalten. Der Konsument, in diesem Fall der Wähler, wird für blöd verkauft. Ob nun die roten Plakate der SPD ohne jede Aussage, die Allerweltssprüche der CDU oder das Jahrzehnte alte Design der Linken mit den immer gleichen Parolen – aus allen Plakaten tönt die gleiche Botschaft. Scheiß egal, was drauf steht. Ob überhaupt was drauf steht. Wer es liest und was dieser Mensch erwartet. FDP? Grüne? Ein kurzer Griff ins Bullshit-Bingo der politischen Verblödung, ein paar Begriffe (Wirtschaft, Umwelt, Natur …) gemixt wie Kräuterschnaps mit Cola. Mehr braucht es nicht. Für das dumme Volk ist der nichtssagende Rhetorik-Müll von vorgestern immer noch gut genug. Ihr Idioten merkt sowieso nicht, wie wir euch über den Tresen ziehen. Ihr werdet uns wieder wählen, ganz egal wie lange wir schon dieses Land in die Scheiße geritten haben. 40 % für die CDU in den Prognosen? Was soll der Geiz, wir pappen die gephotoshopte FDJ-Tante auf die Plakate und gut isses. Wahlprogramme, Ziele, Problemlösungen, Kontroversen, herausfordernde Denkansätze? Wozu? Jägermeister verkauft sich bestens mit Cola und die Deutschen werden wieder die Parteien wählen, die sie schon immer gewählt haben. Prost.

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3 Kommentare

  1. Tingletangle-Reply
    6. September 2017 von 13:58

    Hallo,
    ich bin heute zum ersten Mal auf Ihrem Blog. Da ich auch mit 37 Jahren noch ab und an auf Technofestivals abzappeln gehe, kann ich ganz gut nachvollziehen was Sie da schreiben.

    Jägermeister ist zu seinem hippen Image aber eher gekommen wie die Junfrau zum Kinde. Anfang der 90er als das mit dem Rave- und Technoding so richtig losging, war es ein ziemlich ironisches Statement, ebendiesen spießigen, für alte dicke Herren gebrauten Likör zu konsumieren. Eines der Gimmicks damals waren eben Jägermeister-T-Shirts, es gab sogar eine „Ravermeister“ CD-Compilation. Alles eben immer mit einem Augenzwinkern. Früher oder später hat Jägermeister das dann geschnallt und hat versucht daraus – sehr erfolgreich – Kapital zu schlagen indem man selbst das Ruder in die Hand und die Präsenz in den Clubs, Bars und auf Festivals massiv ausgeweitet hat. Es gab wenn ich mich recht erinnere sogar einen Jägermeister-Truck auf der Loveparade.

    Ich mag das Zeug an sich – schmeckt wirklich lecker eiskalt. Aber ich gebe Ihnen recht – die schamlose Ausnutzung einer mittlerweile gänzlich verkommerzialisierten Jugendkultur tut auch heute noch im Herzen weh, auch wenn ich mich schon lang mit dem Gedanken abgefunden habe dass das nunmal eben so ist wie es ist. Etwas kreativer als mit einem Holzhirsch könnte man den jungen Leuten das Geld aber in der Tat aus den Taschen ziehen. So verhöhnt man die Zielgruppe nebenbei auch noch. Aber Sie haben vermutlich recht – die merken das eh nicht mehr. Genau so wie das sedierte Wahlvolk.

  2. Bernd Ma.-Reply
    7. September 2017 von 08:49

    Ma.=Mast
    Richtig, its my family. Das Kraeuter-Rezept ist von einer meiner Uromas aus dem Osten, wohl aus den Grenzlandbergen.
    Man verkauft auch heute noch die Kraeuter-Paeckchen auf jedem Markt dort. Allerdings mag ich weder den Kraeutertee noch Merkel, aber mein Geschmack zaehlt nicht, und Oma hat mir die Kraeuter eingefloesst als ich klein und krank war und genauso das Grosse „C“, beides kann ich seitdem nicht ab. Merkel wird ja nur noch gewaehlt, weil die Gender-SPD noch schlimmeres mit den Gruenen/Linken fast schon ankuendigt, noch mehr Islamunterwerfung. Der Kampf gegen Religioten ist ja bei den R2G voellig ins Gegenteil umgeschlagen. Allerdings frag ich mich, wie man der von der Mehrheitselite gewuenschten Einwanderung mit der Gedankenwelt der AFD widerstehen kann, die ja sogar von Lucke gegruendet wurde, einem der Mietmaeuler dieser Elite. Die Elite reduziert die Primaerverteilung und muss nun das notwendige Geld (das sie ja verdienen will) vom Staat per Helikopter an Einwanderer verteilen, da man ja das eigene Volk kurzhalten muss. Ich hab mich ja geoutet, bin ja Teil der Elite und bekomme deren Denken und Taten taeglich serviert.

  3. T. Marx-Reply
    9. September 2017 von 20:26

    Ich war ziemlich überrascht, als ich vor ein paar Jahren „Leberkleister*“, so wie es in meiner Jugend genannt wurde, als DAS In-Getränk in den Bars in den USA gesehen habe (mit viel Eis. Nennt sich „Shooter“). Das ich damit Menschen unterhalb des Hartz4-Niveaus assoziiere, in deren abgewetzten Jackentaschen kleine Fläschchen klimpern, die sie wahrscheinlich noch zum Auskochen mit nach Hause nehmen, habe ich meinen Freunden lieber nicht mitgeteilt.

    *: das deutsche MAD veräppelte mal eine Werbeanzeige von Jägermeister, indem es einen abgesüfften Penner im nicht mehr ganz weissen Schiesser-Unterhemd zeigte. Darunter stand: „Ich trinke Leberkleister, weil ich so gerne den weissen Mäusen beim Spielen zusehe“.

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