Franks SchreibBlog
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„Puritanismus ist die quälende Furcht, dass irgendwer irgendwo glücklich sein könnte.“
(Henry Louis Mencken)

Ich gestehe, ich bin ein Faschingsmuffel. Wenn man außerdem in einem Bundesland wie Thüringen geboren und aufgewachsen ist, in dem die Leute – nun ja – etwas zurückhaltend sind, dann gehören tagelange rauschende Karnevalsumzüge auch nicht gerade zur Alltagserfahrung. In meiner Kindheit zählte trotzdem der Schulfasching zu den aufregenderen Ereignissen des Jahres. Nicht zuletzt, weil man als halbwüchsiger Junge die Hoffnung hegte, einem Mädchen aus der Klasse wenigstens einen Kuss abzujagen. Mehr war zu dieser prüden Zeit sowieso nicht drin. Selbstverständlich haben wir uns verkleidet. In der allgemeinen Begeisterung der DDR-Gesellschaft für den Wilden Westen („Die Söhne der Großen Bärin“! „Chingachgook, die große Schlange“! „Osceola“!) erinnere ich mich vor allem an Cowboy- und Indianer-Kostüme. Wer einen richtigen Colt im Halfter am Gürtel tragen konnte, wurde bewundert. Die Indianer – als kleine Gummi-Figuren – waren schon ein wesentliches Spielzeug meiner Kindheit gewesen, mit denen ich ganze Szenarien und endlose Schlachten auf dem abgewetzten blauen Filzbelag meines Kinderzimmers nachspielte. Wenn wir als Jungen loszogen, um auf der nahegelegenen „Großen Wiese“ (eine Art dörfliche Prärie mit zahlreichen Haufen Kuhscheiße) unsere Wochenendnachmittage zu verbringen, waren wir alle mit „Plaste“-Messern und -Tomahawks bewaffnet; das Herstellen von Bogen und Pfeilen war eine der Standardbeschäftigungen und natürlich schleppten wir dauernd irgendwelche Speere und Schwerter mit uns herum. Denn wenn wir keine Indianer waren, waren wir schwer gerüstete Helden aus den deutschen Mittelaltersagen („Dietrich von Bern“!). Später, als das „Westfernsehen“ seinen Einfluss voll entfaltete, spielten wir mit Leidenschaft die Serienepisoden von „Time Tunnel“ nach. In den Schulpausen schlüpften wir in die Rolle von Rittern, die mit zusammengerollten Landkarten Lanzenturniere ausfochten oder funktionierten nach dem Unterricht eine Sitzbank an der Straße in das „Raumschiff Enterprise“ um. Nur herumschreiende Erwachsene konnten uns daran hindern, dieses Raumschiff in heftigen Kämpfen mit Antimaterie-Waffen gänzlich zu zerlegen.

In eine Rolle zu schlüpfen, auszuprobieren wie es ist, jemand anderes zu sein, gehört zu den wesentlichen kulturellen Phänomenen des Menschseins. Nicht nur Karneval und Fasnacht, ebenso Theater und Schauspiel wären nicht denkbar ohne diese Lust am Verkleiden. Mysterienspiele, religiöse zeremonielle Gewänder, Rituale, Trachten, Hochzeiten, Foto und Film, sexuelle Rollenspiele, Opern, Konzerte, Musicals, Maskenbälle, Cosplay, – durch die Jahrtausende hat sich die Art des Ausdrucks immer wieder gewandelt, das Phänomen ist das gleiche geblieben. Was für Erwachsene vor allem Spaß und ein gewisser Ausbruch aus dem grauen Alltag bedeutet, ist für Kinder noch ein ernsthaftes Sichverwandeln, ein persönlichkeitsbildendes Spiel mit der eigenen Identität, ein Erkunden des eigenen Ichs, in dem man in ein anderes Selbst schlüpft. Wenn meine kleine Tochter sich mit Vorliebe als Prinzessin oder Fee mit Flügeln verkleidet, dann zeigen die leuchtenden Augen und die plötzlich gravitätische Körperhaltung an, dass sie jemand anderes geworden ist. Wenn man sich darüber lustig macht, wird sie zornig.

Derzeit versucht eine Aktion (der Amadeu-Antonio-Stiftung zusammen mit dem Antidiskriminierungsverband Deutschland und dem Verein der Bundestagsfraktion Die Linke e.V.), dieses menschliche Urverhalten zu diskreditieren. Mit Plakaten und in den sozialen Netzwerken haut man karnevalsbegeisterten Menschen die Diskriminierungskeule um die Ohren. Wo jemand Diskriminierung schreit, soll ein Schuldkomplex erzeugt werden, der einen zwingt, vom vermeintlich sündigen Verhalten abzulassen. Wer als „Sarotti-Mohr“ oder Kölner „Negerköpp“ zum Karneval geht, der ist nun ein Rassist. Wer ein Rassist ist, ist rechts und im Grunde ein Nazi. Wer ein Nazi ist, verdient keine Gnade und muss öffentlich an den Pranger gestellt werden und Buße tun. Wenn der Fuldaer Karnevalsverein Südend (!) traditionell in Tropenuniformen aufmarschiert, dann ertönt nun der Protest-Aufschrei von Soziologen, denn Uniform = Militarismus und Tropenuniform = Kolonialismus. Da hört der Spaß auf! Der Umzug muss nun von der Polizei geschützt werden, denn militante Aktionen von spaßbefreiten Tugendwächtern sind zu befürchten. Die Bilderstürmer des IS lassen grüßen. Cultural Appropriation (aus den Political-Correctness-Bewegungen der USA importiert) ist das Schlagwort, die unverzeihliche Schandtat, die es auszumerzen gilt. Nur unsensible Gemüter, die ihre Mitmenschen „triggern“ wollen, sind dazu fähig, die Safe Spaces der Empfindsamen zu ignorieren und ihre Emotionen zu verletzen. Zur Hölle mit ihnen! Hast du nicht an die religiösen Gefühle der Muslime gedacht, wenn du dich als orientalische Prinzessin mit Gesichtsschleier verkleidest? Pfui, schäm dich! Hätte man früher gerade den Karneval als Musterbeispiel multikultureller Akzeptanz und bunten Miteinanders betrachtet, so brechen heutzutage angeblich ganze Gesellschaftsgruppen weinend zusammen, weil es jemand wagt, wie sie herumzulaufen. DAS IST NICHT OKAY! Wo sind die Awareness-Teams?

Erstrecht ist es nicht okay, wenn Männer als Frauen verkleidet zum Fasching gehen, denn damit werden Trans-Menschen „stigmatisiert“ (Vorsicht, nicht zu verwechseln mit dem Durchbrechen von Geschlechter-Klischees! Das ist etwas gaaaaaanz anderes). Lesben in Männeranzügen mit Krawatte und aufgeklebtem Schnurrbart scheinen dagegen voll in Ordnung zu sein. Pippi Langstrumpf, Zigeuner, Räuber und Piraten gehen allerdings schon lange nicht mehr. In der Pressemitteilung zur ideologischen Belehrung der gerade feiernden Narren heißt es: „Die Kampagne soll Menschen dafür sensibilisieren, dass die Bilder, die die Kostüme wiederaufgreifen und sie zu „den Anderen“ machen, ihr Leben nachhaltig negativ beeinflussen und nicht „okay“ sind.“ Besonders schön die Einschätzung, dass mein Leben nachhaltig negativ beeinflusst wird, wenn ich mich verkleide. Darauf muss man erstmal kommen. Nachhaltig passt irgendwie immer. Die linksgrüne Daueridiotie greift um sich. Es ist faktisch unmöglich, ohne ideologische Sünde zu leben. Selbst wenn du einen Furz lässt, diskriminierst du bestimmt Menschen mit Stuhlinkontinenz!

Die deutsche Karnevalsnation (Achtung! Deutschland geht gar nicht und Nation ist auch schlecht!) wehrt sich gerade, indem man die veröffentlichten Plakate verballhornt und in den sozialen Netzwerken Hohn und Spott über die Initiatoren auskippt. Ich gehe fest davon aus, dass die Tugendkrieger sich dadurch lediglich bestätigt fühlen. Zum Deppen gemacht zu werden ist quasi der augenscheinliche Beweis, dass man nur von Rassisten und Fans kolonialer Massenmorde umgeben ist. Nach der Veröffentlichung des Hexenhammers 1486 fand man auch auf einmal  Hexen zuhauf und jeder lief Gefahr, von Hexen umgeben zu sein oder sich selbst mit den Werken des Teufels anzustecken. Es gilt also tapfer durchzuhalten, sich von spießiger und weiß dominierter Heiterkeit keineswegs anstecken zu lassen, sondern die Anstrengungen, die verderbte Gesellschaft zu exorzisieren, noch zu verdoppeln. In ähnlicher Weise war der real existierende Sozialismus immer damit beschäftigt, seine Anstrengungen stetig zu erhöhen, den Imperialismus zu besiegen. Wenn man 40 Jahre lang seine Anstrengungen Jahr für Jahr stetig erhöht, da kommt schon einiges an Anstrengung zusammen!

Wenn es etwas gibt, woran man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Fanatiker identifizieren kann, dann ist es deren absolute, vollständige und brutale Humorlosigkeit.

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