Franks SchreibBlog
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Ein Kom­men­tar zum Ter­ror­an­schlag von Bar­ce­lo­na

Lan­ge habe ich über­legt, ob ich etwas dazu schrei­be. Da geis­tert die­ses Foto durch die Netz­wer­ke. Ein totes Kind liegt auf der Stra­ße in Bar­ce­lo­na. Etwas ent­fernt dane­ben eine Frau, viel­leicht sei­ne Mut­ter. Mög­li­cher­wei­se ist es der bis­her ver­miss­te aus­tra­li­sche Jun­ge, von dem jetzt in den Medi­en die Rede ist. Er war sie­ben Jah­re alt. Es ist ent­setz­lich. Nein, ich kann die­ses Foto nicht ver­lin­ken oder ver­brei­ten, ich ver­mag es kaum anzu­se­hen. Ich habe selbst eine klei­ne Toch­ter. Das Leid, ver­ur­sacht von reli­giö­sen Fana­ti­kern, ist unvor­stell­bar. Wie kann man sich jemals an so etwas gewöh­nen? Die­se Beschwich­ti­gun­gen, die­se Beru­hi­gungs­ap­pel­le, die­se Beteue­run­gen und die­ses Igno­rie­ren der Rea­li­tät, all das ver­ur­sacht mir Übel­keit. Eben­so die vor­ge­stanz­ten Bei­leids­flos­keln der Poli­ti­ker, die ein­ge­üb­ten betrof­fe­nen Gesich­ter, die State­ments vor den Mikro­fo­nen und in den sozia­len Netz­wer­ken. Habt ihr die­sen Jun­gen nicht gese­hen? Wisst ihr auch nichts von dem 35-jäh­ri­gen Vater, der sich vor sei­ne zwei Kin­der gewor­fen und sie mit sei­nem eige­nen Tod geret­tet hat? War­um tre­tet ihr nicht ein paar Schrit­te zurück, senkt den Kopf und hal­tet den Mund? Wie kann man dazu etwas Belie­bi­ges schwa­feln wol­len? Seid ihr von Sin­nen?

Zwei Tage spä­ter stol­pe­re ich im Netz über ein Video von Russia­To­day, das Aus­ein­an­der­set­zun­gen auf Bar­ce­lo­nas Stra­ßen zeigt. Angeb­lich fin­det hier ein Auf­marsch von Rech­ten statt, die gegen den Islam demons­trie­ren wol­len. Was ich sehe, sind eine Hand­voll mus­ku­lö­ser Män­ner, die man von ihrem Äuße­ren her für Rech­te hal­ten könn­te. Sie machen nichts, sagen nichts, tra­gen kei­ne Schil­der oder Trans­pa­ren­te. Ihnen gegen­über befin­den sich Hun­der­te Gegen­de­mons­tran­ten, die sie unent­wegt anschrei­en. Ich ver­ste­he kein Spa­nisch, aber es geht um Faschis­mus und immer wie­der ertönt "No pas­arán" ("Sie wer­den nicht durch­kom­men"), die Paro­le der Repu­bli­ka­ner aus dem spa­ni­schen Bür­ger­krieg. Ein Anti­fa-Ban­ner wird auf­ge­han­gen. Es wird unent­wegt gebrüllt und geschrien. Die Men­ge kommt mir vor wie ein Lynch­mob. Es scheint nur wenig zu feh­len, um den spür­ba­ren Hass in Taten umschla­gen zu las­sen. Einer der Rech­ten geht davon. Ein lin­ker Demons­trant springt ihn von hin­ten an, prü­gelt auf ihn ein. Der Mann wehrt sich nicht, geht wei­ter.

Ich sehe mehr als zwan­zig Minu­ten lang zu, was dort pas­siert und ver­ste­he nichts. Was wol­len die­se Men­schen? Kön­nen Sie nicht ange­sichts des Schre­ckens ein­mal still sein und ihre klei­nen Über­zeu­gun­gen und Paro­len und Ideo­lo­gi­en hint­an­stel­len? Die Opfer der Gewalt vom Tag zuvor lagen neben­an auf der Stra­ße und dann die­se Aggres­si­vi­tät, die­se Tob­sucht, die­ses Lech­zen nach wei­te­rem Blut? Die­se schrei­en­den, prü­geln­den "Akti­vis­ten" — sind das jetzt die Guten? Die Men­schen, die eine bes­se­re Gesell­schaft auf­bau­en wol­len? Ver­langt ihr allen Erns­tes, dass ich mich auch die­sem offen­sicht­li­chen Man­gel an Empa­thie und Ver­nunft anschlie­ße? Nur weni­ge Stun­den zuvor sind Men­schen gestor­ben, unter den Toten sind meh­re­re Kin­der. Sie sind zu Opfern reli­giö­ser Ver­blen­dung gewor­den. Ihre ein­zi­ge Schuld bestand dar­in, dass sie für die isla­mis­ti­schen Mör­der nur Ungläu­bi­ge waren, wert­lo­ser Men­schen­ab­fall, den man dem Koran zufol­ge auf­sucht und ein­fach tötet, ohne groß dar­über nach­zu­den­ken. Und das Ein­zi­ge, was euch umtreibt, ist auf der Stra­ße her­um­zu­schrei­en und gegen Rechts zu demons­trie­ren? Eure ein­zi­ge Sor­ge besteht dar­in, dass euer poli­ti­scher Geg­ner Pro­fit aus dem Gesche­hen zie­hen könn­te? Für nichts sonst könnt ihr Auf­merk­sam­keit auf­brin­gen. Ihr habt weder Mit­leid, noch zeigt ihr Anteil­nah­me. Die Opfer des Ter­rors sind euch völ­lig egal. Für euch gibt es in die­sem Moment nichts Wich­ti­ge­res als euch selbst, eure lächer­li­chen "Hal­tun­gen" in den Mit­tel­punkt rückend, unfä­hig zu etwas ande­rem als rei­ner Selbst­be­zo­gen­heit und infan­ti­lem Nar­ziss­mus. Men­schen lie­gen tot auf der Stra­ße und euch fällt nichts Bes­se­res ein, als irgend­wo jeman­den zu suchen, den ihr bru­tal ver­prü­geln könnt. Wie erbärm­lich sinn­ent­leert ist das alles?

Wie konn­te es nur soweit kom­men? Wann und war­um haben wir uns in Euro­pa nur so kom­plett ver­rannt? Seit wann ist es erstre­bens­wer­ter, sich poli­ti­scher Rase­rei und ideo­lo­gi­scher Idio­tie hin­zu­ge­ben als Mit­ge­fühl und Anteil­nah­me zu zei­gen und Opfern Respekt ent­ge­gen­zu­brin­gen? An wel­cher Stel­le ist es pas­siert, dass eine gan­ze Gene­ra­ti­on die unbe­que­me Rea­li­tät durch das eige­ne ideo­lo­gi­sche Wunsch­den­ken ersetzt hat? Wann sind wir in die­sen Däm­mer­zu­stand hin­ein geglit­ten, in dem um Ver­bre­chen ein Gespinst aus Tabus und Nicht­s­e­hen- und Nicht­sa­gen­wol­len gelegt wird? Was ist pas­siert, dass uns die Erschüt­te­rung unse­res Welt­bil­des wich­ti­ger ist als die Angst um unse­re Kin­der?

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Ein Kommentar

  1. Vogtländerin-Reply
    21. August 2017 von 23:02

    Ein Kom­men­tar, der genau das aus­drückt und in Wor­te klei­det, was mich bewegt.

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