Franks SchreibBlog
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Der Wahnsinn der allgemeinen Begriffe

1876 ver­öf­fent­lich­te der noch rela­tiv jun­ge Fried­rich Nietz­sche als "Vier­tes Stück" sei­ner "Unzeit­ge­mä­ßen Betrach­tun­gen" eine Schrift mit dem Titel "Richard Wag­ner in Bay­reuth". Er ver­pack­te dar­in nicht nur sei­ne gan­ze über­schwäng­li­che Ver­eh­rung für den Fest­spiel­kom­po­nis­ten, son­dern for­mu­lier­te vor allem die ins Pathe­ti­sche gestei­ger­te Hoff­nung aus, des­sen Musik kön­ne zur Über­win­dung der künst­li­chen Ent­frem­dung zwi­schen den Men­schen bei­tra­gen und die in unsäg­li­cher Armuth und Erschöp­fung befind­li­che Cul­tur wie­der zu Erha­ben­heit und anti­ker Grö­ße füh­ren.1 Die­se eher unge­wöhn­li­che Erwar­tungs­hal­tung an Musik begrün­de­te er mit einem kri­ti­schen Urteil über die Spra­che sei­ner Zeit und schrieb dazu fol­gen­den denk­wür­di­gen Satz:

"Der Mensch kann sich in sei­ner Noth ver­mö­ge der Spra­che nicht mehr zu erken­nen geben, also sich nicht wahr­haft mitt­hei­len: bei die­sem dun­kel gefühl­ten Zustan­de ist die Spra­che über­all eine Gewalt für sich gewor­den, wel­che nun wie mit Gespens­ter­ar­men die Men­schen fasst und schiebt, wohin sie eigent­lich nicht wol­len; sobald sie mit ein­an­der sich zu ver­stän­di­gen und zu einem Wer­ke zu ver­ei­ni­gen suchen, erfasst sie der Wahn­sinn der all­ge­mei­nen Begrif­fe, ja der rei­nen Wort­klän­ge, und in Fol­ge die­ser Unfä­hig­keit, sich mit­zu­t­hei­len, tra­gen dann wie­der die Schöp­fun­gen ihres Gemein­sinns das Zei­chen des Sich-nicht-ver­ste­hens, inso­fern sie nicht den wirk­li­chen Nöthen ent­spre­chen, son­dern eben nur der Hohl­heit jener gewalt­her­ri­schen Wor­te und Begrif­fe: so nimmt die Mensch­heit zu allen ihren Lei­den auch noch das Lei­den der Con­ven­ti­on hin­zu, das heisst des Ueber­ein­kom­mens in Wor­ten und Hand­lun­gen ohne ein Ueber­ein­kom­men des Gefühls."2

Wer sich ein wenig mit deut­scher Kul­tur- und Geis­tes­ge­schich­te beschäf­tigt, wird fast zwangs­läu­fig über beängs­ti­gen­de Par­al­le­len zu aktu­el­len Ent­wick­lun­gen stol­pern. Der "Wahn­sinn der all­ge­mei­nen Begrif­fe", den Nietz­sche hier beklagt, kommt uns nur all­zu ver­traut vor. In Zei­ten, in denen die gro­ßen, poli­tisch bes­tens mit der Macht ver­netz­ten Medi­en zu Erzie­hungs­an­stal­ten einer sich selbst ver­ach­ten­den Nati­on ver­kom­men sind, pras­seln die­se all­ge­mei­nen Begrif­fe in nicht enden wol­len­den Kas­ka­den auf unse­re Häup­ter her­nie­der. In der Welt der gewünsch­ten Ver­ken­nung3 kön­nen die­se Begrif­fe alles und nichts bedeu­ten oder ihre Bedeu­tun­gen genau­so gut wech­seln, je nach­dem wie es in den Kram passt. Wir haben sie dabei immer so zu deu­ten und zu ver­ste­hen, wie es die Mäch­ti­gen für uns vor­ge­se­hen haben.

So konn­te noch vor kur­zem ein Spit­zen- und Kanz­ler­kan­di­dat der SPD mit dem Wort Gerech­tig­keit wahl­kämp­fend durchs Land zie­hen, ohne ein ein­zi­ges Mal zu erklä­ren, was er dar­un­ter ver­steht und wie er denn eine gerech­te­re Gesell­schaft her­bei­zu­füh­ren gedenkt. Dies war auch gar nicht vor­ge­se­hen. Eine lee­re Wort­hül­se soll­te ledig­lich Sym­pa­thi­en für jeman­den wecken, den es nach der Macht gelüs­te­te. Es war dabei nicht not­wen­dig, mit der Lebens­wirk­lich­keit und All­tags­er­fah­rung der Leu­te, Nietz­sche wür­de sagen mit ihren Emp­fin­dun­gen, eine authen­ti­sche Ver­bin­dung her­zu­stel­len.

Für die all­ge­mei­nen Begrif­fe hat der nor­ma­le Mensch ein Gefühl, was sie denn bedeu­ten soll­ten und doch wird ihm unab­läs­sig die Deu­tungs­ho­heit dazu abge­spro­chen. Viel­mehr soll er die­se — für ihn wah­ren und natür­li­chen — Gefüh­le able­gen und durch ideo­lo­gisch oder pro­pa­gan­dis­tisch vor­ge­präg­te Sche­men erset­zen, die eine selbst­er­nann­te Geis­tes­eli­te für nötig befin­det, um die eige­nen Zie­le mög­lichst ohne Auf­be­geh­ren zu errei­chen. Der Begriff Hei­mat ist dafür ein pas­sen­des Bei­spiel. Hei­mat ist rück­wärts­ge­wandt, ana­chro­nis­tisch und rechts­na­tio­nal, wenn ihn Deut­sche für sich rekla­mie­ren, aber sen­ti­men­tal, selbst­ver­ständ­lich und ihr Ver­lust bekla­gens­wert, wenn es sich um Flücht­lin­ge und Migran­ten han­delt. Hei­mat­ge­fühl ist etwas, das aus­ge­merzt und zer­stört wer­den muss, weil es angeb­lich dis­kri­mi­niert und aus­grenzt, kann aber glei­cher­mas­sen trotz­dem als Schlag­wort für den Umwelt­schutz und grü­ne Wahl­wer­bung ver­wen­det wer­den. Das alles ist kein Wider­spruch. Es gibt dar­in auch kei­nen Sinn zu ent­de­cken, da es sich um rei­ne Mani­pu­la­ti­on han­delt.

Im Ein­topf der rhe­to­ri­schen Belie­big­kei­ten fällt mir auch immer wie­der der Begriff der Ret­tung auf. Wir sind stän­dig auf­ge­for­dert, irgend­was oder irgend­je­man­den zu ret­ten, nur nie uns selbst. Das Kli­ma muss geret­tet wer­den, obwohl das schon von der For­mu­lie­rung her kei­ner­lei Sinn macht. Flücht­lin­ge müs­sen geret­tet wer­den, jetzt und sofort, selbst dann wenn sie bereits ein hal­bes Dut­zend siche­rer Län­der durch­quert haben. Wir müs­sen um jeden Preis Ban­ken ret­ten und die Demo­kra­tie vor den Rechts­po­pu­lis­ten. Und die Atmo­sphä­re vor dem Die­sel und dem Fein­staub. Aber es ist eben­so völ­lig klar, dass wir kei­ne Vögel und Fle­der­mäu­se vor Wind­kraft­an­la­gen ret­ten müss­ten oder eine wach­sen­de Zahl von Obdach­lo­sen oder gar Rent­ner, die nur wenig mehr als 100 Euro im Monat zum Leben haben. Auch ret­ten wir kei­ne Frau­en davor, in aller Öffent­lich­keit ver­ge­wal­tigt zu wer­den. Auch vor Ter­ror muss nie­mand geret­tet wer­den, denn der gehört heu­te zum moder­nen Leben ein­fach dazu. Du musst heu­te dein letz­tes Hemd aus­zie­hen und mor­gen weg­se­hen. Ret­tung ist so wech­sel­haft wie das Wet­ter. Das liegt dar­an, dass der von Nietz­sche ange­pran­ger­te Wahn­sinn dafür sorgt, dass zutiefst mensch­li­chen Begrif­fen eine belie­bi­ge Bedeu­tung unter­legt wird, um einen bestimm­ten Zweck zu ver­fol­gen. Die gesun­de Ver­nunft der Men­schen, mit sol­chen Begrif­fen umzu­ge­hen, wird durch die poli­ti­sche Agen­da ersetzt. Die Spra­che wird zur Gewalt für sich, die die Men­schen schiebt, wohin sie eigent­lich nicht wol­len.

An der­sel­ben Stel­le schreibt Nietz­sche wei­ter:

"... so ist man jetzt, im Nie­der­gan­ge der Spra­chen, der Scla­ve der Wor­te; unter die­sem Zwan­ge ver­mag Nie­mand mehr sich selbst zu zei­gen, naiv zu spre­chen, und Weni­ge über­haupt ver­mö­gen sich ihre Indi­vi­dua­li­tät zu wah­ren, im Kamp­fe mit einer Bil­dung, wel­che ihr Gelin­gen nicht damit zu bewei­sen glaubt, dass sie deut­li­chen Emp­fin­dun­gen und Bedürf­nis­sen bil­dend ent­ge­gen­kom­me, son­dern damit, dass sie das Indi­vi­du­um in das Netz der „deut­li­chen Begrif­fe“ ein­spin­ne und rich­tig den­ken leh­re: als ob es irgend einen Werth hät­te, Jeman­den zu einem rich­tig den­ken­den und schlies­sen­den Wesen zu machen, wenn es nicht gelun­gen ist, ihn vor­her zu einem rich­tig emp­fin­den­den zu machen."4

Es ist beein­dru­ckend, wie scharf­sin­nig Nietz­sche damals einen ideo­lo­gi­schen Mecha­nis­mus erfasst und begrif­fen hat, der uns heu­te wie­der in glei­cher Wei­se läh­men und ver­wir­ren soll. Man möch­te uns erneut rich­tig den­ken leh­ren, weil unser eige­nes Den­ken und Emp­fin­den in den Rän­ke­spie­len der Macht nur stö­rend ist. Wahr­haf­ti­ge und in direk­ter Bezie­hung zum Leben ste­hen­de Begrif­fe, die jeder Mensch aus sei­ner natür­li­chen Anschau­ung des Her­zens her­aus ver­steht, wer­den so zu umlau­fen­den Wort- und Begriffs­mün­zen der Gegen­wart.5

Wenn wir uns nicht weh­ren, wer­den sie uns solan­ge ein­spin­nen, bis unse­re eige­ne Spra­che uns nichts mehr sagt und zum wert­lo­sen Plun­der auf dem Markt der Schein­hei­lig­kei­ten und Dop­pel­mo­ral ver­kom­men ist. Aus Men­schen mit eige­ner Kraft, Iden­ti­tät und Gedan­ken­fül­le sind dann leicht mani­pu­lier­ba­re und will­fäh­ri­ge Zom­bies gewor­den, über die Nietz­sche auch einen pas­sen­den Kom­men­tar parat hat:

"... wol­len sie spre­chen, so flüs­tert ihnen die Con­ven­ti­on Etwas in’s Ohr, wor­über sie ver­ges­sen, was sie eigent­lich sagen woll­ten; wol­len sie sich mit ein­an­der ver­stän­di­gen, so ist ihr Ver­stand wie durch Zau­ber­sprü­che gelähmt, so dass sie Glück nen­nen, was ihr Unglück ist."6

Titel­fo­to: Nietz­sches Hand­schrift — Ers­ter Ent­wurf zur „Ewi­gen Wie­der­kunft des Glei­chen“ (Public Domain / Quel­le: Wiki­me­dia Com­mons)

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  1. Nietz­sches hoch­ge­steck­te Erwar­tun­gen an Wag­ner und die Wir­kung sei­ner Musik wur­den bit­ter ent­täuscht. Sei­ne Anwe­sen­heit bei der Erst­auf­füh­rung des "Ring des Nibe­lun­gen" im August 1876 lehr­te ihn das Gegen­teil. Die in Arro­ganz und Eitel­kei­ten gefan­ge­ne Gesell­schaft der Berühm­ten und Rei­chen und ihre Igno­ranz der gro­ßen Kunst gegen­über stie­ßen ihn zutiefst ab. Der eben­falls anwe­sen­de Tschai­kow­ski kom­men­tier­te damals bis­sig: "Wäh­rend des gan­zen Fest­spie­les [war] das Essen der Haupt­ge­sprächs­stoff der Leu­te. Die künst­le­ri­schen Dar­bie­tun­gen stan­den erst an zwei­ter Stel­le. Kote­letts, Brat­kar­tof­feln und Ome­letts wur­den weit­aus eif­ri­ger dis­ku­tiert als Wag­ners Musik." []
  2. Fried­rich Nietz­sche, Richard Wag­ner in Bay­reuth, 1875, § 5 — Her­vorh. d. d. Autor []
  3. Eben­da []
  4. Eben­da []
  5. Fried­rich Nietz­sche, Nut­zen und Nach­teil der His­to­rie für das Leben, 1874, § 10 []
  6. Richard Wag­ner in Bay­reuth, Eben­da []

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