Franks SchreibBlog
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Gesellschaft

Reisebeobachtungen aus der Provinz

Zwei Wochen Ost­see­ur­laub und sechs Tage Elbe­rad­weg von der deutsch-tsche­chi­schen Gren­ze bis Des­sau bie­ten eine Men­ge Gele­gen­hei­ten zu beob­ach­ten und sich sei­ne eige­nen Gedan­ken zu machen. Beson­ders das Rad­wan­dern ist eine ganz eige­ne Form des Rei­sens. Man durch­quert Orte, in die man mit dem Auto nie fah­ren wür­de. Man kommt sehr dicht mit Lebens­wirk­lich­kei­ten in Berüh­rung, von deren Exis­tenz man zwar irgend­wie weiß, die man aber sonst haut­nah nie er-fah­ren kann. Die ver­schie­de­nen Wahr­neh­mungs­schnip­sel bil­den nicht not­wen­di­ger­wei­se einen grö­ße­ren Zusam­men­hang. Und trotz­dem kann man sie zusam­men­schau­en, als Zei­chen betrach­ten, mit den eige­nen Wer­ten ver­glei­chen. Sin­ne und Lebens­sinn füh­len sich her­aus­ge­for­dert. Das kann genau­so heil­sam wie erschre­ckend sein.

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Der verwaltete Eros (Teil 2)

Vor nicht all­zu lan­ger Zeit habe ich einem Blog­post ein Zitat von Hakim Bey vor­an­ge­stellt: "Wir haben kei­ne Begier­den. Wir sind die Opfer von Miß­brauch." Der Text beschäf­tigt sich mit den media­len Aus­wüch­sen von Heu­che­lei und Dop­pel­mo­ral im Bereich der Sexua­li­tät. Es ist genau die­se unsäg­li­che Dop­pel­mo­ral, die sich durch alle der­zei­ti­gen Dis­kus­sio­nen über angeb­li­chen oder tat­säch­li­chen Sexis­mus zieht. Schrä­ge bun­te Mäd­chen, augen­schein­lich ohne jeg­li­che Lebens­er­fah­rung queer­fe­mi­nis­tisch daher­theo­re­ti­sie­rend, glau­ben Män­ner für alles und jedes ver­ant­wort­lich machen zu kön­nen — alte wei­ße Män­ner, ver­steht sich. Kom­men dage­gen Hun­dert­tau­sen­de jun­ge Män­ner aus mit­tel­al­ter­li­chen Kul­tu­ren ins Land, die schon in ihrer Kind­heit auf eine unter­drück­te, tabui­sier­te, gewalt­tä­ti­ge Sexua­li­tät kon­di­tio­niert wur­den, ver­fällt die­se Art von kämp­fe­ri­scher Femi­nis­tin in eine merk­wür­di­ge Kanin­chen­star­re, in der sie unfä­hig ist, auch den krank­haf­tes­ten Frau­en­hass und die damit ver­bun­de­nen Ver­let­zun­gen der Wür­de von Frau­en auch nur im Ansatz zu the­ma­ti­sie­ren.

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Der verwaltete Eros (Teil 1)

"Ero­tik ist Über­win­dung von Hin­der­nis­sen. Das ver­lo­ckends­te und popu­lärs­te Hin­der­nis ist die Moral." (Karl Kraus)

Wie wahr­schein­lich bei vie­len ande­ren auch, war mein ers­tes Mal wenig berau­schend. Ich kom­me nicht umhin, ein wenig aus dem Näh­käst­chen zu plau­dern, um mich dem Kern mei­nes The­mas anzu­nä­hern. Man möge es mir ver­zei­hen. Es war Sil­ves­ter 1982 und ein klei­ner Kreis jun­ger Leu­te fei­er­te in einem Gar­ten­haus in der Nähe eines klei­nen thü­rin­gi­schen Waldor­tes. Es war kalt und es lag viel Schnee. Die Par­ty war nicht der Knal­ler, dafür waren wir zu jung und viel zu gut erzo­gen. Wir spiel­ten irgend so etwas wie Fla­schen­dre­hen. Man muss­te hin und wie­der eines der Mäd­chen küs­sen oder etwas ande­res Lächer­li­ches tun. Irgend­wann in der Nacht blie­ben nur noch mein bes­ter Schul­freund mit sei­ner Freun­din, außer­dem ein mir bis dahin unbe­kann­tes Mäd­chen und ich selbst zurück. Das Pär­chen ver­schwand im Nach­bar­raum und so führ­te das Zusam­men­schmel­zen der Run­de zu einer Situa­ti­on, in der wir übri­gen zwei uns mit einer gewis­sen unab­än­der­li­chen Logik dazu gedrängt/genötigt/verführt fühl­ten, mit­ein­an­der Sex zu haben. Wir ver­stän­dig­ten uns dar­über nicht, jeden­falls nicht ver­bal. Als Green­horn beschränk­te sich mein Talent dar­auf, mei­ne lan­ge Unter­ho­se auf eine bren­nen­de Ker­ze zu schmei­ßen und die Situa­ti­on so unver­fäng­lich wie mög­lich hin­ter mich zu brin­gen. Ihr Talent beschränk­te sich dar­auf, die gan­ze Zeit wie ein leb­lo­ser Holz­block da zu lie­gen, hef­tig zu atmen und dar­auf zu war­ten, dass es zu Ende war. Wir rede­ten auch im Anschluss und in der Fol­ge nie über die­ses Gesche­hen und erst­recht nicht über Sex. Obwohl ich weder ver­liebt war, noch beson­ders auf die­ses Mäd­chen stand, fühl­te ich mich ver­pflich­tet, etli­che Mona­te mit ihr eine Fern­be­zie­hung zu füh­ren, die ich kurz nach­dem ich zum Wehr­dienst ein­ge­zo­gen wor­den war, been­de­te.

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Gesellschaft am Rande des Abgrunds

Vor nicht all­zu lan­ger Zeit pro­bier­te ich als Rad­fah­rer auf dem Heim­weg eine neue Rou­te aus. Der angeb­li­che Rad­weg, den ich benutz­te, ende­te im Nir­gend­wo und ich muss­te auf eine schma­le Wohn­ge­biets­stra­ße ein­schwen­ken. Lei­der war nicht zu erken­nen, dass ich nun ent­ge­gen einer Ein­bahn­stra­ße fuhr, aber die har­te Rea­li­tät belehr­te mich sofort eines Bes­se­ren. Ein PKW, der mir ent­ge­gen­kam, blo­ckier­te die enge Stra­ße und ich muss­te anhal­ten. Der Fah­rer öff­ne­te sein Fens­ter und ging mich sofort rüde an. 50 m hin­ter mir tauch­te plötz­lich ein Rent­ner auf, der mich aus die­ser Ent­fer­nung wie ein Irrer anschrie und belei­dig­te. Ich igno­rier­te ihn und erklär­te dem Fah­rer, dass ich die Ein­bahn­stra­ße nicht erken­nen konn­te, weil ich vom Rad­weg käme. Dann woll­te ich auf mein Rad stei­gen, um die Stra­ße zu ver­las­sen. Das Ergeb­nis war, dass ich fort­ge­setzt ange­hupt und fast umge­fah­ren wor­den wäre.

Die Leu­te lau­fen mitt­ler­wei­le wie scharf geschal­te­te Spreng­la­dun­gen durch die Gegend. Man braucht sie nur mit einer Nich­tig­keit in Schwin­gung zu ver­set­zen und sie gehen hoch wie eine Rake­te. Es ist auch offen­sicht­lich, dass es allen schwer fällt noch zuzu­hö­ren, was der Ande­re eigent­lich zu sagen hat. Im pri­va­ten, all­täg­li­chen, gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Sin­ne haben sich die Men­schen aus der Mit­te — aus ihrer Mit­te — her­aus­be­wegt und neh­men jetzt Posi­tio­nen ein, die sie sich vor kur­zer Zeit noch kaum vor­stel­len konn­ten. Und der Staat gibt sich jede erdenk­li­che Mühe, das auf allen Ebe­nen zu beför­dern.

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Der Wahnsinn der allgemeinen Begriffe

1876 ver­öf­fent­lich­te der noch rela­tiv jun­ge Fried­rich Nietz­sche als "Vier­tes Stück" sei­ner "Unzeit­ge­mä­ßen Betrach­tun­gen" eine Schrift mit dem Titel "Richard Wag­ner in Bay­reuth". Er ver­pack­te dar­in nicht nur sei­ne gan­ze über­schwäng­li­che Ver­eh­rung für den Fest­spiel­kom­po­nis­ten, son­dern for­mu­lier­te vor allem die ins Pathe­ti­sche gestei­ger­te Hoff­nung aus, des­sen Musik kön­ne zur Über­win­dung der künst­li­chen Ent­frem­dung zwi­schen den Men­schen bei­tra­gen und die in unsäg­li­cher Armuth und Erschöp­fung befind­li­che Cul­tur wie­der zu Erha­ben­heit und anti­ker Grö­ße füh­ren. Die­se eher unge­wöhn­li­che Erwar­tungs­hal­tung an Musik begrün­de­te er mit einem kri­ti­schen Urteil über die Spra­che sei­ner Zeit und schrieb dazu fol­gen­den denk­wür­di­gen Satz:

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