Franks SchreibBlog
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Gesellschaft

Der verwaltete Eros (Teil I)

"Ero­tik ist Über­win­dung von Hin­der­nis­sen. Das ver­lo­ckends­te und popu­lärs­te Hin­der­nis ist die Moral." (Karl Kraus)

Wie wahr­schein­lich bei vie­len ande­ren auch, war mein ers­tes Mal wenig berau­schend. Ich kom­me nicht umhin, ein wenig aus dem Näh­käst­chen zu plau­dern, um mich dem Kern mei­nes The­mas anzu­nä­hern. Man möge es mir ver­zei­hen. Es war Sil­ves­ter 1982 und ein klei­ner Kreis jun­ger Leu­te fei­er­te in einem Gar­ten­haus in der Nähe eines klei­nen thü­rin­gi­schen Waldor­tes. Es war kalt und es lag viel Schnee. Die Par­ty war nicht der Knal­ler, dafür waren wir zu jung und viel zu gut erzo­gen. Wir spiel­ten irgend so etwas wie Fla­schen­dre­hen. Man muss­te hin und wie­der eines der Mäd­chen küs­sen oder etwas ande­res Lächer­li­ches tun. Irgend­wann in der Nacht blie­ben nur noch mein bes­ter Schul­freund mit sei­ner Freun­din, außer­dem ein mir bis dahin unbe­kann­tes Mäd­chen und ich selbst zurück. Das Pär­chen ver­schwand im Nach­bar­raum und so führ­te das Zusam­men­schmel­zen der Run­de zu einer Situa­ti­on, in der wir übri­gen zwei uns mit einer gewis­sen unab­än­der­li­chen Logik dazu gedrängt/genötigt/verführt fühl­ten, mit­ein­an­der Sex zu haben. Wir ver­stän­dig­ten uns dar­über nicht, jeden­falls nicht ver­bal. Als Green­horn beschränk­te sich mein Talent dar­auf, mei­ne lan­ge Unter­ho­se auf eine bren­nen­de Ker­ze zu schmei­ßen und die Situa­ti­on so unver­fäng­lich wie mög­lich hin­ter mich zu brin­gen. Ihr Talent beschränk­te sich dar­auf, die gan­ze Zeit wie ein leb­lo­ser Holz­block da zu lie­gen, hef­tig zu atmen und dar­auf zu war­ten, dass es zu Ende war. Wir rede­ten auch im Anschluss und in der Fol­ge nie über die­ses Gesche­hen und erst­recht nicht über Sex. Obwohl ich weder ver­liebt war, noch beson­ders auf die­ses Mäd­chen stand, fühl­te ich mich ver­pflich­tet, etli­che Mona­te mit ihr eine Fern­be­zie­hung zu füh­ren, die ich kurz nach­dem ich zum Wehr­dienst ein­ge­zo­gen wor­den war, been­de­te.

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Gesellschaft am Rande des Abgrunds

Vor nicht all­zu lan­ger Zeit pro­bier­te ich als Rad­fah­rer auf dem Heim­weg eine neue Rou­te aus. Der angeb­li­che Rad­weg, den ich benutz­te, ende­te im Nir­gend­wo und ich muss­te auf eine schma­le Wohn­ge­biets­stra­ße ein­schwen­ken. Lei­der war nicht zu erken­nen, dass ich nun ent­ge­gen einer Ein­bahn­stra­ße fuhr, aber die har­te Rea­li­tät belehr­te mich sofort eines Bes­se­ren. Ein PKW, der mir ent­ge­gen­kam, blo­ckier­te die enge Stra­ße und ich muss­te anhal­ten. Der Fah­rer öff­ne­te sein Fens­ter und ging mich sofort rüde an. 50 m hin­ter mir tauch­te plötz­lich ein Rent­ner auf, der mich aus die­ser Ent­fer­nung wie ein Irrer anschrie und belei­dig­te. Ich igno­rier­te ihn und erklär­te dem Fah­rer, dass ich die Ein­bahn­stra­ße nicht erken­nen konn­te, weil ich vom Rad­weg käme. Dann woll­te ich auf mein Rad stei­gen, um die Stra­ße zu ver­las­sen. Das Ergeb­nis war, dass ich fort­ge­setzt ange­hupt und fast umge­fah­ren wor­den wäre.

Die Leu­te lau­fen mitt­ler­wei­le wie scharf geschal­te­te Spreng­la­dun­gen durch die Gegend. Man braucht sie nur mit einer Nich­tig­keit in Schwin­gung zu ver­set­zen und sie gehen hoch wie eine Rake­te. Es ist auch offen­sicht­lich, dass es allen schwer fällt noch zuzu­hö­ren, was der Ande­re eigent­lich zu sagen hat. Im pri­va­ten, all­täg­li­chen, gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Sin­ne haben sich die Men­schen aus der Mit­te — aus ihrer Mit­te — her­aus­be­wegt und neh­men jetzt Posi­tio­nen ein, die sie sich vor kur­zer Zeit noch kaum vor­stel­len konn­ten. Und der Staat gibt sich jede erdenk­li­che Mühe, das auf allen Ebe­nen zu beför­dern.

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Der Wahnsinn der allgemeinen Begriffe

1876 ver­öf­fent­lich­te der noch rela­tiv jun­ge Fried­rich Nietz­sche als "Vier­tes Stück" sei­ner "Unzeit­ge­mä­ßen Betrach­tun­gen" eine Schrift mit dem Titel "Richard Wag­ner in Bay­reuth". Er ver­pack­te dar­in nicht nur sei­ne gan­ze über­schwäng­li­che Ver­eh­rung für den Fest­spiel­kom­po­nis­ten, son­dern for­mu­lier­te vor allem die ins Pathe­ti­sche gestei­ger­te Hoff­nung aus, des­sen Musik kön­ne zur Über­win­dung der künst­li­chen Ent­frem­dung zwi­schen den Men­schen bei­tra­gen und die in unsäg­li­cher Armuth und Erschöp­fung befind­li­che Cul­tur wie­der zu Erha­ben­heit und anti­ker Grö­ße füh­ren. Die­se eher unge­wöhn­li­che Erwar­tungs­hal­tung an Musik begrün­de­te er mit einem kri­ti­schen Urteil über die Spra­che sei­ner Zeit und schrieb dazu fol­gen­den denk­wür­di­gen Satz:

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Gegenbewegung

Ich bin ein wasch­ech­ter Ossi. 1964 in einem thü­rin­gi­schen Dorf auf­ge­wach­sen, wur­de ich durch die DDR sozia­li­siert. Mein Bil­dungs­weg führ­te durch die gän­gi­gen Insti­tu­tio­nen des real­exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus: Poly­tech­ni­sche Ober­schu­le (POS), Erwei­ter­te Ober­schu­le (EOS), Uni­ver­si­tät, unter­bro­chen durch einen drei­jäh­ri­gen Auf­ent­halt in den Streit­kräf­ten der Natio­na­len Volks­ar­mee (NVA). Obwohl ich mir ins­be­son­de­re im Stu­di­um hin und wie­der den Mund ver­brann­te, war ich weder Staats­feind noch Dis­si­dent, son­dern eher ange­passt wie Mil­lio­nen ande­rer DDR-Bür­ger auch. Ich habe mei­ne Sta­si-Akte nie ange­for­dert, vor­aus­ge­setzt es hat über­haupt eine gege­ben. Als die soge­nann­te Wen­de kam, hat­te ich zufäl­li­ger­wei­se auch gera­de mein Stu­di­um abge­schlos­sen. Beruf­li­che Per­spek­ti­ven gab es in die­ser Zeit kei­ne, was mir in der Fol­ge einen eher abwechs­lungs­rei­chen beruf­li­chen Wer­de­gang ver­schaff­te. Kurz nach der Grenz­öff­nung gab ich die ers­ten D-Mark aus mei­nem Begrü­ßungs­geld an einem Cobur­ger Stra­ßen­ki­osk für eine Süd­deut­sche Zei­tung aus, begie­rig dar­auf, end­lich die frei­en Medi­en des Wes­tens zu lesen. Ja, wir Ossis waren damals ganz schön naiv. Wäh­rend man mit Lügen und fau­len Tricks unse­re Indus­trie abwi­ckel­te und die Leu­te auf die Stra­ße warf, wäh­rend die Immo­bi­li­en­haie aus­schwärm­ten und für einen Appel und ein Ei unse­re Häu­ser und Woh­nun­gen kauf­ten, wäh­rend man uns aus­ge­mus­ter­te Schrott­kar­ren als Gebraucht­wa­gen andreh­te und uns über­haupt in jeder pas­sen­den und unpas­sen­den Situa­ti­on über den Tisch zog, ver­such­ten wir uns im neu­en Sys­tem zurecht­zu­fin­den und irgend­wie ein­zu­rich­ten. Ich selbst habe die­sen nicht ganz ein­fa­chen Pro­zess immer als Chan­ce betrach­tet. Es gab viel zu ent­de­cken, zu ler­nen und zu erle­ben — real, emo­tio­nal, men­tal. Für mich — und das ging sicher vie­len Ossis so — hat­ten sich Wel­ten geöff­net. Aber nur weil es jetzt Bana­nen in Dis­coun­tern gab, war der Unter­gang der DDR für uns Ossis kein Zucker­schle­cken. Man muss­te kämp­fen. Ich brauch­te ein­ein­halb Jahr­zehn­te, bis ich einen halb­wegs siche­ren Stand in der Gesell­schaft gefun­den und sich das dau­ernd wech­seln­de Geschick in mei­nem Leben wie­der geglät­tet hat­te. Auch damit bin ich im Osten nicht allein. Nun haben wir das Jahr 2017 und wir Ossis sind das Pack. Wir sind die besorg­ten Bür­ger oder der gesam­mel­te Abschaum.

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Die formatierte Stadt

War­um ein Gestal­tungs­hand­buch Jena ärmer macht

Die Deut­schen sind für ihre über­trie­be­ne Ord­nungs- und Rege­lungs­wut berüch­tigt. Dabei wird nicht sel­ten das Gegen­teil von dem bewirkt, was man vor­gibt zu wol­len. So hat sich die Stadt Jena eines schö­nen Tages ein soge­nann­tes Gestal­tungs­hand­buch ver­ord­net, die for­ma­tio jenen­sis. Der "Stan­dard für die Gestal­tung des öffent­li­chen Rau­mes" ist in "Kon­zept, Inhalt und Gestal­tung" ein Werk jenes Stadt­ar­chi­tek­ten, der mitt­ler­wei­le vie­len Jena­er Bür­gern ein Begriff sein dürf­te. Das Ansin­nen wur­de bereits am 18.09.2008 im Stadt­ent­wick­lungs­aus­schuss mit 6 Ja-Stim­men und 3 Ent­hal­tun­gen beschlos­sen und als fer­ti­ges Werk im Sep­tem­ber 2012 in einer Berichts­vor­la­ge dem Aus­schuss vor­ge­tra­gen. In der Vor­la­ge wird fest­ge­legt, dass das Gestal­tungs­hand­buch "als ver­wal­tungs­in­ter­ne Arbeits­grund­la­ge durch die zustän­di­gen Fach­be­rei­che und Eigen­be­trie­be genutzt wer­den" soll. Wie man an die­ser For­mu­lie­rung leicht erken­nen kann, wur­de damit den Stadt­rä­ten eine eigent­lich beschluss­wür­di­ge Vor­schrift für das Ver­wal­tungs­han­deln in eine Berichts­vor­la­ge gepackt und unter­ge­ju­belt.

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