Franks SchreibBlog
Provokativ • Politisch • Persönlich • Polemisch

Leute, die auf Plakate starren

... und mal wie­der nichts kapie­ren.

Zur Zeit kommt der Wahl­kampf für das Amt des Ober­bür­ger­meis­ters in Jena lang­sam in die Gän­ge. Wahl­tag ist der 15. April. Die Stadt hängt nun voll mit Pla­ka­ten der Kan­di­da­ten. Obwohl ich nicht mehr Mit­glied der Pira­ten­par­tei bin, unter­stüt­ze ich aus Über­zeu­gung die Kan­di­da­tin der Jena­er Pira­ten Dr. Heidrun Jän­chen. Heu­te muss­te ich mir im per­sön­li­chen Umfeld anhö­ren, dass man die auf kei­nen Fall wäh­len kann. Ähm, war­um denn nicht? Wie die auf dem Pla­kat schon aus­sieht und über­haupt ... Was denn über­haupt? Tja, da kommt dann schon nichts mehr. Leu­te, die auf Pla­ka­te star­ren und mal wie­der nichts kapie­ren. Ein ganz nor­ma­ler Mensch wie du und ich auf einem Wahl­pla­kat geht nicht. Man miss­traut zwar grund­sätz­lich Poli­ti­kern und möch­te eigent­lich nichts mit denen zu tun haben (okay, da gibt es ein paar hand­fes­te Grün­de dafür), aber auf Wahl­pla­ka­ten möch­te man sie schnie­ke, seri­ös, pho­to­shop-poliert, fal­ten­be­rei­nigt und gut aus­ge­leuch­tet. Der amtie­ren­de OB tritt mit einem Pla­kat an, auf dem er von einem Star­fo­to­gra­fen vor etli­chen Jah­ren schon in Sze­ne gesetzt zu sehen ist. Geschenkt, dass er seit­dem geal­tert ist und nicht mehr ganz so aal­glatt rüber­kommt. Geschenkt, dass es das­sel­be Pla­kat­mo­tiv wie vor Jah­ren schon ist. Der Mann macht was her! Den könn­te man doch wäh­len, oder?

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Die formatierte Stadt

War­um ein Gestal­tungs­hand­buch Jena ärmer macht

Die Deut­schen sind für ihre über­trie­be­ne Ord­nungs- und Rege­lungs­wut berüch­tigt. Dabei wird nicht sel­ten das Gegen­teil von dem bewirkt, was man vor­gibt zu wol­len. So hat sich die Stadt Jena eines schö­nen Tages ein soge­nann­tes Gestal­tungs­hand­buch ver­ord­net, die for­ma­tio jenen­sis. Der "Stan­dard für die Gestal­tung des öffent­li­chen Rau­mes" ist in "Kon­zept, Inhalt und Gestal­tung" ein Werk jenes Stadt­ar­chi­tek­ten, der mitt­ler­wei­le vie­len Jena­er Bür­gern ein Begriff sein dürf­te. Das Ansin­nen wur­de bereits am 18.09.2008 im Stadt­ent­wick­lungs­aus­schuss mit 6 Ja-Stim­men und 3 Ent­hal­tun­gen beschlos­sen und als fer­ti­ges Werk im Sep­tem­ber 2012 in einer Berichts­vor­la­ge dem Aus­schuss vor­ge­tra­gen. In der Vor­la­ge wird fest­ge­legt, dass das Gestal­tungs­hand­buch "als ver­wal­tungs­in­ter­ne Arbeits­grund­la­ge durch die zustän­di­gen Fach­be­rei­che und Eigen­be­trie­be genutzt wer­den" soll. Wie man an die­ser For­mu­lie­rung leicht erken­nen kann, wur­de damit den Stadt­rä­ten eine eigent­lich beschluss­wür­di­ge Vor­schrift für das Ver­wal­tungs­han­deln in eine Berichts­vor­la­ge gepackt und unter­ge­ju­belt.

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Der Öko-Bonus für Radfahrer

Ich fah­re eigent­lich ganz gern mal Rad. Aller­dings nut­ze ich es weni­ger als all­täg­li­ches Fort­be­we­gungs­mit­tel, son­dern mehr in mei­ner Frei­zeit. Aus orga­ni­sa­to­ri­schen und beruf­li­chen Grün­den bin ich täg­lich mehr mit dem Auto unter­wegs. Had­mut Danisch berich­tet in einem aktu­el­len Blog­bei­trag von sei­nen eher unan­ge­neh­men Erleb­nis­sen mit Ber­li­ner Rad­fah­rern. Seit gerau­mer Zeit mache ich in mei­ner Hei­mat­stadt Jena ähn­lich dras­ti­sche Erfah­run­gen. Mir spukt das Gan­ze desöf­te­ren im Kopf her­um, da es eini­ge offe­ne Fra­gen gibt, die schein­bar nie­mand beant­wor­ten möch­te — etwa die, ob Rad­fah­rer sich in Deutsch­land nicht (mehr) an die Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung hal­ten müs­sen.

Die Pro­ble­me gin­gen für mich los, als ich vor etwa 2 Jah­ren gegen acht Uhr abends mit einem Rad­fah­rer kol­li­dier­te, der unge­bremst und ohne sich zu ver­ge­wis­sern zwi­schen zwei Hecken (für Jena­er: vorm Volks­haus) direkt vor mei­nem Auto auf die Stra­ße fuhr. Ich ging auf die Eisen, erwisch­te ihn trotz­dem, aber glück­li­cher­wei­se nicht beson­ders schwer­wie­gend. Mein Herz­schlag ras­te, ich stieg aus, stell­te fest, dass dem Mann nicht viel pas­siert war, aber umso mehr mei­nem Auto. Da er sämt­li­che Regeln des Stra­ßen­ver­kehrs miss­ach­tet hat­te, war für mich klar, dass hier eine poli­zei­li­che Unfall­auf­nah­me unab­ding­bar war. Also fuhr ich mein Auto zur Sei­te, um den Ver­kehr nicht zu blo­ckie­ren. Als ich aus­stieg und mich umdreh­te, war der Rad­fah­rer weg. Die Poli­zei, die ich anrief, hat­te kei­ne Lust sich damit zu befas­sen. Ich könn­te ja auf die Dienst­stel­le kom­men, um Anzei­ge zu erstat­ten. Auf dem Blech- und Lack­scha­den am Auto blieb ich sel­ber sit­zen.

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Erfurt — Weimar — Jena

"Über­heb­lich­keit ist der sichers­te Weg zum Schei­tern." (Wil­liam But­ler Yeats)

Im klei­nen, aber sym­pa­thi­schen Bun­des­länd­chen Thü­rin­gen leben nur 2,1 Mio. Men­schen. Rund ein Fünf­tel davon kon­zen­triert sich auf die Städ­te Erfurt, Wei­mar und Jena, die (zusam­men mit Eisen­ach und Gera) an der Bun­des­au­to­bahn A4 auf­ge­reiht die thü­rin­gi­sche Städ­te­ket­te bil­den. In der Serie "Das neue Glück im Osten" befrag­te Die Zeit vor kur­zem mehr oder weni­ger pro­mi­nen­te Leu­te zu Erfurt. Die ers­ten bei­den Fra­gen lau­te­ten: Wer ist nei­disch auf Erfurt? und "Wor­auf ist Erfurt nei­disch?" Neid, gepaart mit Kon­kur­renz­den­ken und einer gehö­ri­gen Pri­se Arro­ganz und Grö­ßen­wahn ist nicht nur das Pro­blem von Erfurt, son­dern auch von Wei­mar und Jena, denen das Pro­vin­zi­el­le noch viel mehr als der Lan­des­haupt­stadt anhaf­tet. Ein­ge­bet­tet in den durch und durch länd­li­chen Raum eines eher unbe­deu­ten­den Bun­des­lan­des ist das Poten­ti­al, zu bedeu­ten­den Metro­po­len zu mutie­ren, lei­der gering. Die Fol­ge ist eine Art kom­mu­na­ler Min­der­wer­tig­keits­kom­plex, der — psy­cho­ana­ly­tisch gese­hen — zu Ersatz- und Über­sprungs­hand­lun­gen führt, die nicht sel­ten skur­ri­le und amü­san­te Züge anneh­men. Sehen wir uns doch mal eini­ge davon an. (mehr …)

Kein Selfie mit Obdachlosen

Jeder, der hin und wie­der etwas von mir liest, wird mit­be­kom­men haben, dass ich lang­jäh­ri­ger Ein­woh­ner der #Licht­stadt Jena bin, die ange­sichts der über­bor­den­den Pro­ble­me im Land mitt­ler­wei­le einem neu­en Tal der Ahnungs­lo­sen gleicht. Neu­lich ist mir am frü­hen Mor­gen auf dem Innen­hof mei­ner Arbeits­stät­te ein Obdach­lo­ser auf­ge­fal­len, der hier offen­bar genäch­tigt hat­te und gera­de sei­ne Hab­se­lig­kei­ten auf ein Fahr­rad pack­te. Ich erin­ner­te mich wie­der dar­an, als ich das Inter­view mit unse­rem Ober­bür­ger­meis­ter Albrecht Schrö­ter im Radio (anläss­lich des Gauck-Besuchs in Jena) hör­te, der mein­te, selbst Obdach­lo­sig­keit wäre in unse­rer Stadt kein Pro­blem und für die in Fra­ge kom­men­den Per­so­nen wür­den ja aus­rei­chend Schlaf­ge­le­gen­hei­ten bereit ste­hen. Man sieht halt immer nur das, was man sehen will. Wäh­rend regel­mäs­si­ger Auf­ent­hal­te in Ber­lin in den letz­ten Jah­ren muss­te ich lei­der beob­ach­ten, dass Obdach­lo­se in unse­rer Haupt­stadt kei­nes­wegs eine Sel­ten­heit sind. Am letz­ten Wochen­en­de sah ich einen Obdach­lo­sen unter der Auto­bahn­brü­cke Schö­ne­feld-Nord, der bei klir­ren­der Käl­te dicht neben einer viel­be­fah­re­nen Stra­ße in einem Zelt haust. Zu ande­ren Jah­res­zei­ten stol­pert man am Kiehl-, Wei­gand- oder May­bach­ufer und am Land­wehr­ka­nal alle paar Meter über einen "Nicht­seß­haf­ten". Die meis­ten bie­ten kei­nen schö­nen Anblick und mit Roman­tik einer Über­nach­tung unterm Ster­nen­zelt hat das Gan­ze auch nichts zu tun. Selbst in unmit­tel­ba­rer Nähe des Regie­rungs­vier­tels reiht sich an der Spree Zelt an Zelt, ohne dass neben­an jemand Bauch­schmer­zen bei die­sem Anblick bekom­men wür­de. Auch hat man noch nie unse­re Bun­des­kanz­le­rin gese­hen, die dort ein Sel­fie mit Obdach­lo­sen gemacht und "Wir schaf­fen das!" ver­kün­det hät­te. (mehr …)