Franks SchreibBlog
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Persönliches

Der verwaltete Eros (Teil I)

"Ero­tik ist Über­win­dung von Hin­der­nis­sen. Das ver­lo­ckends­te und popu­lärs­te Hin­der­nis ist die Moral." (Karl Kraus)

Wie wahr­schein­lich bei vie­len ande­ren auch, war mein ers­tes Mal wenig berau­schend. Ich kom­me nicht umhin, ein wenig aus dem Näh­käst­chen zu plau­dern, um mich dem Kern mei­nes The­mas anzu­nä­hern. Man möge es mir ver­zei­hen. Es war Sil­ves­ter 1982 und ein klei­ner Kreis jun­ger Leu­te fei­er­te in einem Gar­ten­haus in der Nähe eines klei­nen thü­rin­gi­schen Waldor­tes. Es war kalt und es lag viel Schnee. Die Par­ty war nicht der Knal­ler, dafür waren wir zu jung und viel zu gut erzo­gen. Wir spiel­ten irgend so etwas wie Fla­schen­dre­hen. Man muss­te hin und wie­der eines der Mäd­chen küs­sen oder etwas ande­res Lächer­li­ches tun. Irgend­wann in der Nacht blie­ben nur noch mein bes­ter Schul­freund mit sei­ner Freun­din, außer­dem ein mir bis dahin unbe­kann­tes Mäd­chen und ich selbst zurück. Das Pär­chen ver­schwand im Nach­bar­raum und so führ­te das Zusam­men­schmel­zen der Run­de zu einer Situa­ti­on, in der wir übri­gen zwei uns mit einer gewis­sen unab­än­der­li­chen Logik dazu gedrängt/genötigt/verführt fühl­ten, mit­ein­an­der Sex zu haben. Wir ver­stän­dig­ten uns dar­über nicht, jeden­falls nicht ver­bal. Als Green­horn beschränk­te sich mein Talent dar­auf, mei­ne lan­ge Unter­ho­se auf eine bren­nen­de Ker­ze zu schmei­ßen und die Situa­ti­on so unver­fäng­lich wie mög­lich hin­ter mich zu brin­gen. Ihr Talent beschränk­te sich dar­auf, die gan­ze Zeit wie ein leb­lo­ser Holz­block da zu lie­gen, hef­tig zu atmen und dar­auf zu war­ten, dass es zu Ende war. Wir rede­ten auch im Anschluss und in der Fol­ge nie über die­ses Gesche­hen und erst­recht nicht über Sex. Obwohl ich weder ver­liebt war, noch beson­ders auf die­ses Mäd­chen stand, fühl­te ich mich ver­pflich­tet, etli­che Mona­te mit ihr eine Fern­be­zie­hung zu füh­ren, die ich kurz nach­dem ich zum Wehr­dienst ein­ge­zo­gen wor­den war, been­de­te.

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Adieu Piraten!

I

Für jeman­den, der sich nie vor­stel­len konn­te, mal in eine poli­ti­sche Par­tei ein­zu­tre­ten, ging es 2009 bei mir dann doch erstaun­lich flott. Ich hat­te schon ein paar Mona­te vor­her über einen Arbeits­kol­le­gen (natür­lich IT'ler) von den Akti­vi­tä­ten die­ser omi­nö­sen Pira­ten­par­tei gehört und ver­folg­te seit­dem im Netz spo­ra­disch deren Aktio­nen. Was die da sag­ten und taten, schien so gar nicht in den her­kömm­li­chen Par­tei­en­zir­kus zu pas­sen, der mich als über­zeug­ten Nicht­wäh­ler schon lan­ge ein­fach nur ankotz­te. Beson­ders gefiel mir der Slo­gan "Nicht links, nicht rechts, son­dern vorn!". Offen­bar gab es da Leu­te, die das gro­ße Thea­ter­spiel auf der poli­ti­schen Büh­ne ver­stan­den hat­ten und nun die Spiel­ver­der­ber sein woll­ten. Die Pira­ten sahen sich offen­bar mehr als Bür­ger­rechts­be­we­gung und Anti­par­tei­en-Par­tei und waren zudem digi­tal gut ver­netz­te Akti­vis­ten gegen den Über­wa­chungs­staat und für den Schutz der Pri­vat­sphä­re. Es ging auch um die Bekämp­fung von Lob­by­is­mus und Kor­rup­ti­on, um frei­es Wis­sen, ein zeit­ge­mä­ßes Urhe­ber­recht, direk­te Demo­kra­tie und Trans­pa­renz in der Poli­tik. Ich glau­be, mei­ne eige­ne Hoff­nung, dass da end­lich mal eine neue, unbe­las­te­te Kraft das Sys­tem kon­se­quent hin­ter­fra­gen und von innen her­aus angrei­fen und ver­än­dern woll­te, wur­de von vie­len Leu­ten in die­ser Zeit geteilt.

Auf dem Cam­pus der Uni stol­per­te ich wenig spä­ter über einen Info­stand der Pira­ten Jena, an dem Unter­schrif­ten für die kom­men­de Bun­des­tags­wahl gesam­melt wur­den. Ich unter­schrieb und ein paar Tage spä­ter stand ich selbst mit am Stand und sprach Leu­te an. Ich wur­de Par­tei­mit­glied. Mein Leben bei den Pira­ten hat­te begon­nen.

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Gegenbewegung

Ich bin ein wasch­ech­ter Ossi. 1964 in einem thü­rin­gi­schen Dorf auf­ge­wach­sen, wur­de ich durch die DDR sozia­li­siert. Mein Bil­dungs­weg führ­te durch die gän­gi­gen Insti­tu­tio­nen des real­exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus: Poly­tech­ni­sche Ober­schu­le (POS), Erwei­ter­te Ober­schu­le (EOS), Uni­ver­si­tät, unter­bro­chen durch einen drei­jäh­ri­gen Auf­ent­halt in den Streit­kräf­ten der Natio­na­len Volks­ar­mee (NVA). Obwohl ich mir ins­be­son­de­re im Stu­di­um hin und wie­der den Mund ver­brann­te, war ich weder Staats­feind noch Dis­si­dent, son­dern eher ange­passt wie Mil­lio­nen ande­rer DDR-Bür­ger auch. Ich habe mei­ne Sta­si-Akte nie ange­for­dert, vor­aus­ge­setzt es hat über­haupt eine gege­ben. Als die soge­nann­te Wen­de kam, hat­te ich zufäl­li­ger­wei­se auch gera­de mein Stu­di­um abge­schlos­sen. Beruf­li­che Per­spek­ti­ven gab es in die­ser Zeit kei­ne, was mir in der Fol­ge einen eher abwechs­lungs­rei­chen beruf­li­chen Wer­de­gang ver­schaff­te. Kurz nach der Grenz­öff­nung gab ich die ers­ten D-Mark aus mei­nem Begrü­ßungs­geld an einem Cobur­ger Stra­ßen­ki­osk für eine Süd­deut­sche Zei­tung aus, begie­rig dar­auf, end­lich die frei­en Medi­en des Wes­tens zu lesen. Ja, wir Ossis waren damals ganz schön naiv. Wäh­rend man mit Lügen und fau­len Tricks unse­re Indus­trie abwi­ckel­te und die Leu­te auf die Stra­ße warf, wäh­rend die Immo­bi­li­en­haie aus­schwärm­ten und für einen Appel und ein Ei unse­re Häu­ser und Woh­nun­gen kauf­ten, wäh­rend man uns aus­ge­mus­ter­te Schrott­kar­ren als Gebraucht­wa­gen andreh­te und uns über­haupt in jeder pas­sen­den und unpas­sen­den Situa­ti­on über den Tisch zog, ver­such­ten wir uns im neu­en Sys­tem zurecht­zu­fin­den und irgend­wie ein­zu­rich­ten. Ich selbst habe die­sen nicht ganz ein­fa­chen Pro­zess immer als Chan­ce betrach­tet. Es gab viel zu ent­de­cken, zu ler­nen und zu erle­ben — real, emo­tio­nal, men­tal. Für mich — und das ging sicher vie­len Ossis so — hat­ten sich Wel­ten geöff­net. Aber nur weil es jetzt Bana­nen in Dis­coun­tern gab, war der Unter­gang der DDR für uns Ossis kein Zucker­schle­cken. Man muss­te kämp­fen. Ich brauch­te ein­ein­halb Jahr­zehn­te, bis ich einen halb­wegs siche­ren Stand in der Gesell­schaft gefun­den und sich das dau­ernd wech­seln­de Geschick in mei­nem Leben wie­der geglät­tet hat­te. Auch damit bin ich im Osten nicht allein. Nun haben wir das Jahr 2017 und wir Ossis sind das Pack. Wir sind die besorg­ten Bür­ger oder der gesam­mel­te Abschaum.

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Vielfalt im Dienst der Globalisierung

"Poli­ti­sche Spra­che ist dazu geschaf­fen, Lügen wahr­haft und Mord respek­ta­bel klin­gen zu las­sen." (Geor­ge Orwell)

Eines der in letz­ter Zeit am meis­ten gebrauch­ten und ver­brauch­ten media­len Schlag­wor­te ist Viel­falt. Als Mensch, der in einem sozia­lis­ti­schen Ein­heits­par­tei-Sys­tem auf­ge­wach­sen ist, kam ich zum ers­ten Mal nach der Wen­de mit der Viel­falt west­deut­scher Medi­en und den dar­in ver­mit­tel­ten poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen und Lebens­ent­wür­fen in Berüh­rung. Der Buch- und Zeit­schrif­ten­markt erschien mir im Ver­gleich zur gleich­ge­schal­te­ten Pres­se der DDR wie ein son­ni­ges Para­dies, durch das man nach Belie­ben strei­fen und süße Früch­te von den Bäu­men pflü­cken konn­te. Ich las zu die­ser Zeit quer­beet alles was mir in die Fin­ger kam, haupt­säch­lich Sach­bü­cher über Poli­tik, Phi­lo­so­phie, Reli­gi­on, Eso­te­rik, Geschich­te, Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, aber auch den Spie­gel, den Stern, die Süd­deut­sche oder die Zeit. Schon als Jugend­li­cher hat­ten mich die offen­sicht­li­chen Miss­stän­de auf die­sem Pla­ne­ten in eine mis­an­thro­pe Ver­zweif­lung gestürzt und so war es kein Wun­der, dass ich mich nach dem Unter­gang des real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus im poli­ti­schen Spek­trum trotz­dem sehr weit links ver­or­te­te. (mehr …)

Ohne Burka am Tonsee

Am letz­ten Wochen­en­de ver­brach­te ich einen wun­der­schö­nen spät­som­mer­li­chen Tag an einem klei­nen Natur­see am süd­li­chen Rand von Ber­lin. Der Ton­see (eigent­lich Gro­ßer Ton­teich — sie­he Kom­men­tar unten) in der Nähe von Bes­ten­see (es gibt hier meh­re­re Seen, wie man sich schon den­ken kann) liegt idyl­lisch in ein Wald­stück ein­ge­bet­tet und an sei­nem Ufer befin­det sich ein Cam­ping­platz, des­sen Name schon sagt, wor­um es hier vor­ran­gig geht: FKK Natur­cam­ping Ton­see. Das Wet­ter war herr­lich, das Was­ser klar und frisch, die Men­schen zwar zahl­reich, aber ent­spannt und ange­nehm. Das nudis­ti­sche Frei­zeit­ver­gnü­gen sub­sum­miert an die­sem schö­nen Ort alle Sor­ten von Men­schen. Hier trifft man vom Klein­kind, das gera­de im Was­ser plan­schen kann bis zu nicht mehr ganz so rüs­ti­gen Senio­ren alles an, was man so in die Spe­zi­es Mensch ein­ord­nen könn­te. Natür­lich auch vie­le Fami­li­en, puber­tie­ren­de Jugend­li­che, Schlan­ke, Nor­ma­le und Dicke, hüb­sche und ... ähm ... weni­ger hüb­sche Men­schen, Kin­der mit dunk­ler Haut, dazwi­schen auch eine Asia­tin. Alle wie Gott sie schuf, wie man so schön sagt. Direkt vor uns lagern zwei schwu­le Män­ner, von denen der eine sich einen ordent­li­chen Joint gönnt. Ein paar Meter ent­fernt lässt sich ein Biker-Pär­chen mit groß­flä­chi­gen Täto­wie­run­gen auf der Haut nie­der. Älte­re Damen spre­chen die Kin­der an und ein gewis­ses vor­lau­tes Klein­kind resü­miert ver­nehm­lich, dass wohl alle Män­ner hier Pul­ler­män­ner und alle Frau­en Pul­ler­schne­cken haben, was wohl­wol­len­des Lachen in sei­ner Umge­bung her­vor­ruft.

Kurz­um, man hat das Gefühl, hier ist die Welt in Ord­nung, die Men­schen kön­nen sich trotz ihrer Unter­schied­lich­keit gut lei­den und es gibt kei­nen Grund dar­an etwas zu ändern. Viel­leicht liegt das auch dar­an, dass sich die Bade­gäs­te in der Natur und so ganz ohne Klei­der frei und unbe­küm­mert füh­len kön­nen und das zu schät­zen wis­sen. Das Anders­sein des Ande­ren wird tole­riert in dem Wis­sen, dass man mit sei­nem eige­nen Anders­sein eben­so tole­riert wird. Und natür­lich hat Nackt­heit auch etwas Aus­glei­chen­des, denn hier liegt der Mana­ger neben dem Arbeits­lo­sen und die Haus­frau neben der Beam­tin und der Mon­ta­ge­ar­bei­ter neben dem Pro­gram­mie­rer und eigent­lich inter­es­siert das gera­de mal nie­man­den. Man erfreut sich an der Viel­falt des Mensch­seins, an der vie­len nack­ten Haut, an einer natür­li­chen, völ­lig unauf­dring­li­chen Ero­tik, am Wind im rascheln­den Laub der Bäu­me, am küh­len Nass. (mehr …)