Franks SchreibBlog
Provokativ • Politisch • Persönlich • Polemisch

Erfurt — Weimar — Jena

"Über­heb­lich­keit ist der sichers­te Weg zum Schei­tern." (Wil­liam But­ler Yeats)

Im klei­nen, aber sym­pa­thi­schen Bun­des­länd­chen Thü­rin­gen leben nur 2,1 Mio. Men­schen. Rund ein Fünf­tel davon kon­zen­triert sich auf die Städ­te Erfurt, Wei­mar und Jena, die (zusam­men mit Eisen­ach und Gera) an der Bun­des­au­to­bahn A4 auf­ge­reiht die thü­rin­gi­sche Städ­te­ket­te bil­den. In der Serie "Das neue Glück im Osten" befrag­te Die Zeit vor kur­zem mehr oder weni­ger pro­mi­nen­te Leu­te zu Erfurt. Die ers­ten bei­den Fra­gen lau­te­ten: Wer ist nei­disch auf Erfurt? und "Wor­auf ist Erfurt nei­disch?" Neid, gepaart mit Kon­kur­renz­den­ken und einer gehö­ri­gen Pri­se Arro­ganz und Grö­ßen­wahn ist nicht nur das Pro­blem von Erfurt, son­dern auch von Wei­mar und Jena, denen das Pro­vin­zi­el­le noch viel mehr als der Lan­des­haupt­stadt anhaf­tet. Ein­ge­bet­tet in den durch und durch länd­li­chen Raum eines eher unbe­deu­ten­den Bun­des­lan­des ist das Poten­ti­al, zu bedeu­ten­den Metro­po­len zu mutie­ren, lei­der gering. Die Fol­ge ist eine Art kom­mu­na­ler Min­der­wer­tig­keits­kom­plex, der — psy­cho­ana­ly­tisch gese­hen — zu Ersatz- und Über­sprungs­hand­lun­gen führt, die nicht sel­ten skur­ri­le und amü­san­te Züge anneh­men. Sehen wir uns doch mal eini­ge davon an. (mehr …)

Antifa in die Kartoffelernte

"Anti­fa auf dem Land ist undog­ma­tisch."

In mei­ner Hei­mat­stadt sind inter­es­san­te Pla­ka­te auf­ge­taucht. Die Anti­fa macht mobil. Sie möch­te ihren "kom­for­ta­blen Kiez" ver­las­sen und "die Käf­fer flu­ten". Das Auf­bran­den der Revo­lu­ti­on in der ver­ab­scheu­ungs­wür­di­gen Pro­vinz steht unter dem Slo­gan Anti­fa bleibt Land­ar­beit. Zu viel Pro­vinz möch­te man sich dabei aber nicht zumu­ten, denn für die heh­ren Zie­le demons­triert man in Gera, einer Stadt mit 114000 Ein­woh­nern. Aus­gangs­punkt ist eine Art ideo­lo­gi­scher Neid auf die Rech­te, denn deren "Akteur*innen zie­hen bewusst in die Pro­vinz, schaf­fen und stär­ken Struk­tu­ren und kön­nen den öffent­li­chen Raum, das Kli­ma eines Pro­vinz­nes­tes ent­schei­dend beein­flus­sen, oft sogar bestim­men." Damit man selbst das "Kli­ma eines Pro­vinz­nes­tes" beein­flusst, muss man unbe­dingt "Deu­tungs­ho­hei­ten gewin­nen".

Wenn es um den "Kampf ums Gan­ze" geht, kom­men Men­schen nur in zwei Aus­prä­gun­gen vor, als Aktivist*innen und lin­ke "Agie­ren­de" auf der einen Sei­te und Neo­na­zis auf der ande­ren Sei­te. Da die links­ra­di­ka­le Sze­ne auf dem Dorf fak­tisch nicht vor­han­den ist, sind alle ande­ren, die dort übrig blei­ben, selbst­re­dend Nazis. Soll­te jemand noch Zwei­fel an der pseu­do­in­tel­lek­tu­el­len Ver­ach­tung haben, die über die Land­be­völ­ke­rung aus­ge­kippt wird, so über­zeugt das Foto auf dem Pla­kat schnell vom Gegen­teil. Es zeigt ein paar Schwei­ne, die sich um einen dre­cki­gen Trog scha­ren. Ach­ja, das Unter­be­wusst­sein ist doch eine fei­ne Sache und Bil­der spre­chen nicht sel­ten eine deut­li­che­re Spra­che als alle Mani­fes­te zusam­men. Es ist ja nicht so, dass die Anti­fa nicht wand­lungs­fä­hig wäre. Als man AfD-Höcke in sei­nem "Scheiß Drecks­nest" Born­ha­gen einen Besuch abstat­te­te, woll­te man noch "Dorf­ge­mein­schaft zer­stö­ren" und die "Land­flucht för­dern". Jetzt möch­te man immer­hin "Struk­tu­ren stär­ken", wobei ... bei nähe­rem Hin­se­hen ... klar wird, dass hier kei­nes­wegs die länd­li­che Infra­struk­tur und das Zusam­men­le­ben der Land­be­woh­ner gemeint sind, son­dern die Netz­wer­ke orts­an­säs­si­ger Links­ra­di­ka­ler. Der Kon­takt zur Bevöl­ke­rung auf dem Land beschränkt sich auf Pro­vo­ka­ti­on, Demons­tra­ti­on und soge­nann­te "Straf­ex­pe­di­tio­nen". Das schafft natür­lich viel Ver­trau­en und Sym­pa­thie und erleich­tert die Über­zeu­gungs­ar­beit. (mehr …)

Der Kyffhäuser und die Ideologen

Der Kyff­häu­ser ist ein klei­nes, aber nichts­des­to­trotz roman­ti­sches Mit­tel­ge­bir­ge an der nörd­li­chen Gren­ze Thü­rin­gens, im Süd­os­ten des Har­zes gele­gen. Er erstreckt sich nur über ca. 70 km2 und erreicht sei­ne maxi­ma­le Höhe knapp über 470 m. Scha­ren von Besu­chern wer­den nicht nur durch die schön zu erwan­dern­de wald­rei­che Natur ange­zo­gen, son­dern vor allem durch das Kyff­häu­ser-Denk­mal zu Ehren Kai­ser Wil­helms I., das 1890–1896 auf dem Stand­ort der mit­tel­al­ter­li­chen Burg Kyff­hau­sen (von der auch noch Rui­nen und ein begeh­ba­rer Berg­fried erhal­ten sind) errich­tet wor­den ist. Den beein­dru­cken­den Aus­ma­ßen und der Archi­tek­tur kann sich selbst der nüch­ter­ne und nicht mon­ar­chis­tisch gesinn­te Besu­cher kaum ent­zie­hen. Ich bin in grö­ße­ren zeit­li­chen Abstän­den immer wie­der gern auf dem Kyff­häu­ser gewe­sen, so auch an einem die­si­gen und sehr kal­ten Okto­ber­tag 2015. Beson­ders skur­ril sind die his­to­risch ver­bürg­ten Akti­vi­tä­ten von Ideo­lo­gen jed­we­der Cou­leur, sich das Monu­ment der eige­nen Welt­an­schau­ung ent­spre­chend ein­zu­ver­lei­ben und pas­send zu machen. Am Kyff­häu­ser, soviel steht fest, haben sich selbst­er­nann­te Welt­ver­bes­se­rer von ganz rechts bis ganz links regel­recht abge­ar­bei­tet. Ich möch­te behaup­ten, ohne dem Denk­mal in sei­ner wesent­li­chen Aus­strah­lung, sei­ner Anzie­hungs­kraft und Gestalt etwas anha­ben zu kön­nen. (mehr …)

Abgesang auf Jenapolis

Das wich­tigs­te unab­hän­gi­ge Nach­rich­ten­por­tal für Jena und sei­ne Umge­bung hat sich selbst so oft ver­än­dert, bis es fak­tisch nicht mehr zu benut­zen ist. Das ist das bedau­er­li­che Fazit, das man nach erneu­ten Umge­stal­tun­gen lei­der zie­hen muss.

Gern hät­te ich die fol­gen­den Gedan­ken in einem Kom­men­tar auf Jen­a­po­lis selbst unter­ge­bracht. Aber lei­der wur­de die Kom­men­tar­funk­ti­on gesperrt und ist nur noch für der Redak­ti­on bekann­te und ange­mel­de­te Nut­zer mit Klar­na­men zugäng­lich. Die Kon­tro­ver­se zu Klar­na­men auf Jen­a­po­lis gab es schon mehr­fach, das Ergeb­nis war jedes­mal das­sel­be. Es hat kaum noch jemand kom­men­tiert und der Mei­nungs­aus­tausch kam fast voll­stän­dig zum Erlie­gen. Anony­mi­tät ist ein wich­ti­ger Aspekt der Mei­nungs­frei­heit im Inter­net, erst­recht in die­sen Tagen, wo der all­zu auf­müp­fi­ge oder gar poli­tisch inkor­rekt den­ken­de Bür­ger mit Straf­an­zei­gen, Benach­tei­li­gun­gen, Ent­las­sung oder Shit­s­torms von selbst­er­nann­ten Block­warts rech­nen muss. Mit Trans­pa­renz — wie von Jen­a­po­lis behaup­tet — hat das wenig bis gar nichts zu tun. Trans­pa­renz kann und muss man von Staat, Poli­tik und Ver­wal­tung erwar­ten dür­fen, die Sicht­bar­ma­chung der Pri­vat­sphä­re und der Zugriff dar­auf ste­hen dage­gen auf einem ande­ren Blatt. (mehr …)

Zahlen oder gehen!

Die "tou­ris­tisch auf­ge­wer­te­te" Leuch­ten­burg

Seit fast 800 Jah­ren thront die Leuch­ten­burg hoch über dem klei­nen thü­rin­gi­schen Städt­chen Kah­la und macht ihrem Namen alle Ehre. Ihre lan­ge Geschich­te hat die Burg nicht unan­ge­tas­tet gelas­sen. Bela­ge­run­gen, Brän­de, Erstür­mung durch die Wet­ti­ner, Zufluchts­ort, Ver­wal­tungs- und Gerichts­mit­tel­punkt, Umbau in ein Zucht-, Armen- und Irren­haus, ers­te Jugend­her­ber­ge Thü­rin­gens, Treff­punkt von Frei­geis­tern und Lieb­ha­bern der Frei­kör­per­kul­tur, tou­ris­ti­sches Aus­flugs­ziel und belieb­ter Ort für Mit­tel­alt­er­fes­te. Nach der Wen­de wur­de zudem bekannt, dass die Burg im Fal­le von Auf­stän­den in der dama­li­gen DDR als Inter­nie­rungs­la­ger für Regime­geg­ner die­nen soll­te.

Viel­leicht ist es kein Zufall, dass auf der Inter­net­sei­te der Stadt Kah­la die Geschich­te der Burg mit dem Jah­re 1969 endet und die dort prä­sen­tier­te Foto­schau die Umbau­ten der letz­ten Zeit beharr­lich igno­riert. 2007 näm­lich wur­de die Burg an die neu gegrün­de­te Stif­tung Leuch­ten­burg ver­kauft und damit pri­va­ti­siert. Die vie­len über­schwäng­li­chen Beteue­run­gen eines guten Zwecks und die Beto­nung der Gemein­nüt­zig­keit der Stif­tung kön­nen nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass damit ein wei­te­res wert­vol­les Stück Gemein- (frü­her Volks-)eigentum in pri­va­te Hän­de gewan­dert ist. Wäh­rend vor dem Ver­kauf jahr­zehn­te­lang kein müder Euro für einen grund­le­gen­den Erhalt oder gar eine Sanie­rung der Burg­an­la­ge zur Ver­fü­gung stand und die Burg mehr oder weni­ger unge­nutzt lang­sam ver­fiel, floß nach dem Ver­kauf — oh Wun­der! — das Geld in rau­hen Men­gen. Elf Mil­lio­nen Euro wur­den in ein Umbau­pro­jekt inves­tiert, davon allein 9 Mil­lio­nen aus Mit­teln der Gemein­schafts­auf­ga­be "Ver­bes­se­rung der regio­na­len Wirt­schafts­struk­tur" (GRW) des Thü­rin­ger Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums. Wei­te­re 2,2 Mil­lio­nen Euro stell­te das Minis­te­ri­um für die Aus­stat­tung der Por­zel­l­an­wel­ten-Aus­stel­lung zur Ver­fü­gung. Ja, wenn Geld des Steu­er­zah­lers unge­hin­dert in pri­va­te Taschen rau­schen kann, gibt es da kein Hal­ten, wo frü­her nicht mal ein Not­gro­schen auf­zu­trei­ben war. Das Gan­ze nennt man dann "Moder­ni­sie­rung" und "tou­ris­ti­sche Auf­wer­tung" und lobt es in den aller­höchs­ten Tönen. Schließ­lich gibt es sogar eine "Lan­des­tou­ris­mus­kon­zep­ti­on 2011–2015". Ob man die­ser Kon­zep­ti­on fol­gend noch wei­te­re his­to­ri­sche Klein­ode Thü­rin­gens ver­schleu­dert, wäre eine inter­es­san­te Fra­ge­stel­lung. In einem Arti­kel der "Welt" heißt es schon 2005, dass Thü­rin­gen bereits die Hälf­te sei­ner Kul­tur-Immo­bi­li­en pri­va­ti­siert hat. Aus­ver­kauf des Kul­tur­er­bes. Natür­lich nur zum Bes­ten der schutz­wür­di­gen Güter, denn der Staat hat für sol­che Neben­säch­lich­kei­ten kein Geld und ist froh, wenn er den Kram los­wird.

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