Franks SchreibBlog
Provokativ • Politisch • Persönlich • Polemisch

Vielfalt und Unteilbarkeit

"Wenn es mir ein­fie­le, mich für einen mild­tä­ti­gen Hei­li­gen zu erklä­ren und gleich­zei­tig mei­nem Nach­bar mit einer Axt den Schä­del ein­zu­schla­gen, dann wür­de ich kor­rek­ter­wei­se in die Irren­an­stalt oder auf den elek­tri­schen Stuhl kom­men. Aber genau­so ist der Wider­spruch im Men­schen zwi­schen sei­nen idea­len »Wer­ten« auf der einen und sei­nem rea­len Ver­hal­ten auf der ande­ren Sei­te beschaf­fen."
(Wil­helm Reich "Mas­sen­psy­cho­lo­gie des Faschis­mus")
 
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Jedes Jahr am 3. Okto­ber wird die eige­ne Wahr­neh­mung fast auto­ma­tisch auf das The­ma Ein­heit gelenkt. Die Wie­der­her­stel­lung der deut­schen Ein­heit — mal ganz abge­se­hen davon, wie sie zustan­de­ge­kom­men ist — habe ich wie vie­le ande­re Ossis als posi­ti­ven Umbruch und per­sön­li­che Chan­ce wahr­ge­nom­men und ver­stan­den. Die Grün­de dafür sind jedoch ganz gegen­sätz­lich zum Ein­heits­prin­zip im Plu­ra­lis­mus der dama­li­gen west­deut­schen Gesell­schaft zu fin­den, der rasant auch auf die ehe­ma­li­ge DDR über­griff. Im real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus wur­de Ein­heit und Ver­ein­heit­li­chung groß geschrie­ben. Nicht nur die Pro­le­ta­ri­er aller Län­der soll­ten sich ver­ei­ni­gen, auch der Macht­an­spruch der Sozia­lis­ti­schen Ein­heits­par­tei Deutsch­lands war klar for­mu­liert, flan­kiert vom Anti­fa-Block aller ande­ren Par­tei­en, der aus der 1946 gegrün­de­ten Ein­heits­front anti­fa­schis­tisch-demo­kra­ti­scher Par­tei­en her­vor­ge­gan­gen war. Auf­mär­sche und Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen (da sind wir schon beim 7. Okto­ber), Welt­fest­spie­le der Jugend, Ver­ein­nah­mung sämt­li­cher Bewe­gun­gen und Orga­ni­sa­tio­nen poli­ti­scher und nicht­po­li­ti­scher Natur unter das sozia­lis­ti­sche Ban­ner, die Uni­for­mie­rung von Kin­dern (Pio­nie­re), Jugend­li­chen (FDJ) und Erwach­se­nen (Kampf­grup­pen, GST), die Ent­eig­nung pri­va­ten Lan­des und des­sen Ver­ei­ni­gung in gro­ßen LPGs, der eine Plan für die gesam­te Wirt­schaft, Bri­ga­den und Kol­lek­ti­ve — all das soll­te die unzer­stör­ba­re Ein­heit der neu­en Gesell­schafts­ord­nung zei­gen und mani­fes­tie­ren. Hin­zu kam die Ein­heit des War­schau­er Pakts, die unver­brüch­li­che Freund­schaft mit der Sowjet­uni­on und den ande­ren sozia­lis­ti­schen Staa­ten. Wer aus dem ein­heit­li­chen Block aus­sche­ren woll­te — wie 1968 die Tsche­cho­slo­wa­ken — war des Teu­fels und muss­te mit Pan­zern bekämpft wer­den. Des Teu­fels war auch die als qua­si unmo­ra­lisch ver­stan­de­ne Frei­heit des impe­ria­lis­ti­schen Klas­sen­feinds, des­sen — heu­te wür­de man sagen bun­te — Kul­tur, Musik und unre­gle­men­tier­te Debat­ten des alles Sag­ba­ren. Sodom und Gomor­rha. Die rei­ne Leh­re, die not­wen­di­ge Pro­pa­gan­da der Polit­kom­mis­sa­re gegen Pro­fit und Por­no­gra­fie der ver­lot­ter­ten kapi­ta­lis­ti­schen Unter­gangs­ge­sell­schaft.

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Reisebeobachtungen aus der Provinz

Zwei Wochen Ost­see­ur­laub und sechs Tage Elbe­rad­weg von der deutsch-tsche­chi­schen Gren­ze bis Des­sau bie­ten eine Men­ge Gele­gen­hei­ten zu beob­ach­ten und sich sei­ne eige­nen Gedan­ken zu machen. Beson­ders das Rad­wan­dern ist eine ganz eige­ne Form des Rei­sens. Man durch­quert Orte, in die man mit dem Auto nie fah­ren wür­de. Man kommt sehr dicht mit Lebens­wirk­lich­kei­ten in Berüh­rung, von deren Exis­tenz man zwar irgend­wie weiß, die man aber sonst haut­nah nie er-fah­ren kann. Die ver­schie­de­nen Wahr­neh­mungs­schnip­sel bil­den nicht not­wen­di­ger­wei­se einen grö­ße­ren Zusam­men­hang. Und trotz­dem kann man sie zusam­men­schau­en, als Zei­chen betrach­ten, mit den eige­nen Wer­ten ver­glei­chen. Sin­ne und Lebens­sinn füh­len sich her­aus­ge­for­dert. Das kann genau­so heil­sam wie erschre­ckend sein.

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Leute, die auf Plakate starren

... und mal wie­der nichts kapie­ren.

Zur Zeit kommt der Wahl­kampf für das Amt des Ober­bür­ger­meis­ters in Jena lang­sam in die Gän­ge. Wahl­tag ist der 15. April. Die Stadt hängt nun voll mit Pla­ka­ten der Kan­di­da­ten. Obwohl ich nicht mehr Mit­glied der Pira­ten­par­tei bin, unter­stüt­ze ich aus Über­zeu­gung die Kan­di­da­tin der Jena­er Pira­ten Dr. Hei­drun Jän­chen. Heu­te muss­te ich mir im per­sön­li­chen Umfeld anhö­ren, dass man die auf kei­nen Fall wäh­len kann. Ähm, war­um denn nicht? Wie die auf dem Pla­kat schon aus­sieht und über­haupt ... Was denn über­haupt? Tja, da kommt dann schon nichts mehr. Leu­te, die auf Pla­ka­te star­ren und mal wie­der nichts kapie­ren. Ein ganz nor­ma­ler Mensch wie du und ich auf einem Wahl­pla­kat geht nicht. Man miss­traut zwar grund­sätz­lich Poli­ti­kern und möch­te eigent­lich nichts mit denen zu tun haben (okay, da gibt es ein paar hand­fes­te Grün­de dafür), aber auf Wahl­pla­ka­ten möch­te man sie schnie­ke, seri­ös, pho­to­shop-poliert, fal­ten­be­rei­nigt und gut aus­ge­leuch­tet. Der amtie­ren­de OB tritt mit einem Pla­kat an, auf dem er von einem Star­fo­to­gra­fen vor etli­chen Jah­ren schon in Sze­ne gesetzt zu sehen ist. Geschenkt, dass er seit­dem geal­tert ist und nicht mehr ganz so aal­glatt rüber­kommt. Geschenkt, dass es das­sel­be Pla­kat­mo­tiv wie vor Jah­ren schon ist. Der Mann macht was her! Den könn­te man doch wäh­len, oder?

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Der verwaltete Eros (Teil 2)

Vor nicht all­zu lan­ger Zeit habe ich einem Blog­post ein Zitat von Hakim Bey vor­an­ge­stellt: "Wir haben kei­ne Begier­den. Wir sind die Opfer von Miß­brauch." Der Text beschäf­tigt sich mit den media­len Aus­wüch­sen von Heu­che­lei und Dop­pel­mo­ral im Bereich der Sexua­li­tät. Es ist genau die­se unsäg­li­che Dop­pel­mo­ral, die sich durch alle der­zei­ti­gen Dis­kus­sio­nen über angeb­li­chen oder tat­säch­li­chen Sexis­mus zieht. Schrä­ge bun­te Mäd­chen, augen­schein­lich ohne jeg­li­che Lebens­er­fah­rung queer­fe­mi­nis­tisch daher­theo­re­ti­sie­rend, glau­ben Män­ner für alles und jedes ver­ant­wort­lich machen zu kön­nen — alte wei­ße Män­ner, ver­steht sich.1 Kom­men dage­gen Hun­dert­tau­sen­de jun­ge Män­ner aus mit­tel­al­ter­li­chen Kul­tu­ren ins Land, die schon in ihrer Kind­heit auf eine unter­drück­te, tabui­sier­te, gewalt­tä­ti­ge Sexua­li­tät kon­di­tio­niert wur­den, ver­fällt die­se Art von kämp­fe­ri­scher Femi­nis­tin in eine merk­wür­di­ge Kanin­chen­star­re, in der sie unfä­hig ist, auch den krank­haf­tes­ten Frau­en­hass und die damit ver­bun­de­nen Ver­let­zun­gen der Wür­de von Frau­en auch nur im Ansatz zu the­ma­ti­sie­ren.2

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  1. Ein schö­nes Bei­spiel für die­se Genera­ti­on ist Hen­g­a­meh Yag­hoo­bi­fa­rah, z. B. mit Tex­ten wie http://www.taz.de/!5455690/ oder http://www.taz.de/!5474132/ Man beach­te die gera­de­zu reli­giö­se Los­spre­chung von der Sün­de der sexu­el­len Gewalt für "Men of Colour" am Anfang des zwei­ten Arti­kels, da ein Outing die­se "Poli­zei­ge­walt" oder "Depor­ta­tio­nen" aus­set­zen wür­de. Die­ses Para­dig­ma fand bereits sei­ne rea­le Mani­fes­ta­ti­on in Gestalt von Flücht­lings­hel­fe­rin­nen, die ver­ge­wal­tigt wur­den, aber die­ses Ver­bre­chen ver­schwie­gen, um kei­ne ras­sis­ti­schen Vor­ur­tei­le zu beför­dern! []
  2. Gegen­über der eige­nen Über­zeu­gung und Ideo­lo­gie, in die­sem Fall der "Bunt­heit", "Viel­falt" und der zwangs­glo­ba­li­sier­ten Ein­heits­kul­tur tritt der Wert des Lebens rea­ler Frau­en in den Hin­ter­grund. []

Der verwaltete Eros (Teil 1)

"Ero­tik ist Über­win­dung von Hin­der­nis­sen. Das ver­lo­ckends­te und popu­lärs­te Hin­der­nis ist die Moral." (Karl Kraus)

Wie wahr­schein­lich bei vie­len ande­ren auch, war mein ers­tes Mal wenig berau­schend. Ich kom­me nicht umhin, ein wenig aus dem Näh­käst­chen zu plau­dern, um mich dem Kern mei­nes The­mas anzu­nä­hern. Man möge es mir ver­zei­hen. Es war Sil­ves­ter 1982 und ein klei­ner Kreis jun­ger Leu­te fei­er­te in einem Gar­ten­haus in der Nähe eines klei­nen thü­rin­gi­schen Waldor­tes. Es war kalt und es lag viel Schnee. Die Par­ty war nicht der Knal­ler, dafür waren wir zu jung und viel zu gut erzo­gen. Wir spiel­ten irgend so etwas wie Fla­schen­dre­hen. Man muss­te hin und wie­der eines der Mäd­chen küs­sen oder etwas ande­res Lächer­li­ches tun. Irgend­wann in der Nacht blie­ben nur noch mein bes­ter Schul­freund mit sei­ner Freun­din, außer­dem ein mir bis dahin unbe­kann­tes Mäd­chen und ich selbst zurück. Das Pär­chen ver­schwand im Nach­bar­raum und so führ­te das Zusam­men­schmel­zen der Run­de zu einer Situa­ti­on, in der wir übri­gen zwei uns mit einer gewis­sen unab­än­der­li­chen Logik dazu gedrängt/genötigt/verführt fühl­ten, mit­ein­an­der Sex zu haben. Wir ver­stän­dig­ten uns dar­über nicht, jeden­falls nicht ver­bal. Als Green­horn beschränk­te sich mein Talent dar­auf, mei­ne lan­ge Unter­ho­se auf eine bren­nen­de Ker­ze zu schmei­ßen und die Situa­ti­on so unver­fäng­lich wie mög­lich hin­ter mich zu brin­gen. Ihr Talent beschränk­te sich dar­auf, die gan­ze Zeit wie ein leb­lo­ser Holz­block da zu lie­gen, hef­tig zu atmen und dar­auf zu war­ten, dass es zu Ende war. Wir rede­ten auch im Anschluss und in der Fol­ge nie über die­ses Gesche­hen und erst­recht nicht über Sex. Obwohl ich weder ver­liebt war, noch beson­ders auf die­ses Mäd­chen stand, fühl­te ich mich ver­pflich­tet, etli­che Mona­te mit ihr eine Fern­be­zie­hung zu füh­ren, die ich kurz nach­dem ich zum Wehr­dienst ein­ge­zo­gen wor­den war, been­de­te.

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