Franks SchreibBlog
Provokativ • Politisch • Persönlich • Polemisch

Leute, die auf Plakate starren

... und mal wie­der nichts kapie­ren.

Zur Zeit kommt der Wahl­kampf für das Amt des Ober­bür­ger­meis­ters in Jena lang­sam in die Gän­ge. Wahl­tag ist der 15. April. Die Stadt hängt nun voll mit Pla­ka­ten der Kan­di­da­ten. Obwohl ich nicht mehr Mit­glied der Pira­ten­par­tei bin, unter­stüt­ze ich aus Über­zeu­gung die Kan­di­da­tin der Jena­er Pira­ten Dr. Heidrun Jän­chen. Heu­te muss­te ich mir im per­sön­li­chen Umfeld anhö­ren, dass man die auf kei­nen Fall wäh­len kann. Ähm, war­um denn nicht? Wie die auf dem Pla­kat schon aus­sieht und über­haupt ... Was denn über­haupt? Tja, da kommt dann schon nichts mehr. Leu­te, die auf Pla­ka­te star­ren und mal wie­der nichts kapie­ren. Ein ganz nor­ma­ler Mensch wie du und ich auf einem Wahl­pla­kat geht nicht. Man miss­traut zwar grund­sätz­lich Poli­ti­kern und möch­te eigent­lich nichts mit denen zu tun haben (okay, da gibt es ein paar hand­fes­te Grün­de dafür), aber auf Wahl­pla­ka­ten möch­te man sie schnie­ke, seri­ös, pho­to­shop-poliert, fal­ten­be­rei­nigt und gut aus­ge­leuch­tet. Der amtie­ren­de OB tritt mit einem Pla­kat an, auf dem er von einem Star­fo­to­gra­fen vor etli­chen Jah­ren schon in Sze­ne gesetzt zu sehen ist. Geschenkt, dass er seit­dem geal­tert ist und nicht mehr ganz so aal­glatt rüber­kommt. Geschenkt, dass es das­sel­be Pla­kat­mo­tiv wie vor Jah­ren schon ist. Der Mann macht was her! Den könn­te man doch wäh­len, oder?

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Der verwaltete Eros (Teil 2)

Vor nicht all­zu lan­ger Zeit habe ich einem Blog­post ein Zitat von Hakim Bey vor­an­ge­stellt: "Wir haben kei­ne Begier­den. Wir sind die Opfer von Miß­brauch." Der Text beschäf­tigt sich mit den media­len Aus­wüch­sen von Heu­che­lei und Dop­pel­mo­ral im Bereich der Sexua­li­tät. Es ist genau die­se unsäg­li­che Dop­pel­mo­ral, die sich durch alle der­zei­ti­gen Dis­kus­sio­nen über angeb­li­chen oder tat­säch­li­chen Sexis­mus zieht. Schrä­ge bun­te Mäd­chen, augen­schein­lich ohne jeg­li­che Lebens­er­fah­rung queer­fe­mi­nis­tisch daher­theo­re­ti­sie­rend, glau­ben Män­ner für alles und jedes ver­ant­wort­lich machen zu kön­nen — alte wei­ße Män­ner, ver­steht sich.1 Kom­men dage­gen Hun­dert­tau­sen­de jun­ge Män­ner aus mit­tel­al­ter­li­chen Kul­tu­ren ins Land, die schon in ihrer Kind­heit auf eine unter­drück­te, tabui­sier­te, gewalt­tä­ti­ge Sexua­li­tät kon­di­tio­niert wur­den, ver­fällt die­se Art von kämp­fe­ri­scher Femi­nis­tin in eine merk­wür­di­ge Kanin­chen­star­re, in der sie unfä­hig ist, auch den krank­haf­tes­ten Frau­en­hass und die damit ver­bun­de­nen Ver­let­zun­gen der Wür­de von Frau­en auch nur im Ansatz zu the­ma­ti­sie­ren.2

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  1. Ein schö­nes Bei­spiel für die­se Gene­ra­ti­on ist Hen­g­a­meh Yag­hoo­bi­fa­rah, z. B. mit Tex­ten wie http://www.taz.de/!5455690/ oder http://www.taz.de/!5474132/ Man beach­te die gera­de­zu reli­giö­se Los­spre­chung von der Sün­de der sexu­el­len Gewalt für "Men of Colour" am Anfang des zwei­ten Arti­kels, da ein Outing die­se "Poli­zei­ge­walt" oder "Depor­ta­tio­nen" aus­set­zen wür­de. Die­ses Para­dig­ma fand bereits sei­ne rea­le Mani­fes­ta­ti­on in Gestalt von Flücht­lings­hel­fe­rin­nen, die ver­ge­wal­tigt wur­den, aber die­ses Ver­bre­chen ver­schwie­gen, um kei­ne ras­sis­ti­schen Vor­ur­tei­le zu beför­dern! []
  2. Gegen­über der eige­nen Über­zeu­gung und Ideo­lo­gie, in die­sem Fall der "Bunt­heit", "Viel­falt" und der zwangs­glo­ba­li­sier­ten Ein­heits­kul­tur tritt der Wert des Lebens rea­ler Frau­en in den Hin­ter­grund. []

Der verwaltete Eros (Teil 1)

"Ero­tik ist Über­win­dung von Hin­der­nis­sen. Das ver­lo­ckends­te und popu­lärs­te Hin­der­nis ist die Moral." (Karl Kraus)

Wie wahr­schein­lich bei vie­len ande­ren auch, war mein ers­tes Mal wenig berau­schend. Ich kom­me nicht umhin, ein wenig aus dem Näh­käst­chen zu plau­dern, um mich dem Kern mei­nes The­mas anzu­nä­hern. Man möge es mir ver­zei­hen. Es war Sil­ves­ter 1982 und ein klei­ner Kreis jun­ger Leu­te fei­er­te in einem Gar­ten­haus in der Nähe eines klei­nen thü­rin­gi­schen Waldor­tes. Es war kalt und es lag viel Schnee. Die Par­ty war nicht der Knal­ler, dafür waren wir zu jung und viel zu gut erzo­gen. Wir spiel­ten irgend so etwas wie Fla­schen­dre­hen. Man muss­te hin und wie­der eines der Mäd­chen küs­sen oder etwas ande­res Lächer­li­ches tun. Irgend­wann in der Nacht blie­ben nur noch mein bes­ter Schul­freund mit sei­ner Freun­din, außer­dem ein mir bis dahin unbe­kann­tes Mäd­chen und ich selbst zurück. Das Pär­chen ver­schwand im Nach­bar­raum und so führ­te das Zusam­men­schmel­zen der Run­de zu einer Situa­ti­on, in der wir übri­gen zwei uns mit einer gewis­sen unab­än­der­li­chen Logik dazu gedrängt/genötigt/verführt fühl­ten, mit­ein­an­der Sex zu haben. Wir ver­stän­dig­ten uns dar­über nicht, jeden­falls nicht ver­bal. Als Green­horn beschränk­te sich mein Talent dar­auf, mei­ne lan­ge Unter­ho­se auf eine bren­nen­de Ker­ze zu schmei­ßen und die Situa­ti­on so unver­fäng­lich wie mög­lich hin­ter mich zu brin­gen. Ihr Talent beschränk­te sich dar­auf, die gan­ze Zeit wie ein leb­lo­ser Holz­block da zu lie­gen, hef­tig zu atmen und dar­auf zu war­ten, dass es zu Ende war. Wir rede­ten auch im Anschluss und in der Fol­ge nie über die­ses Gesche­hen und erst­recht nicht über Sex. Obwohl ich weder ver­liebt war, noch beson­ders auf die­ses Mäd­chen stand, fühl­te ich mich ver­pflich­tet, etli­che Mona­te mit ihr eine Fern­be­zie­hung zu füh­ren, die ich kurz nach­dem ich zum Wehr­dienst ein­ge­zo­gen wor­den war, been­de­te.

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Adieu Piraten!

I

Für jeman­den, der sich nie vor­stel­len konn­te, mal in eine poli­ti­sche Par­tei ein­zu­tre­ten, ging es 2009 bei mir dann doch erstaun­lich flott. Ich hat­te schon ein paar Mona­te vor­her über einen Arbeits­kol­le­gen (natür­lich IT'ler) von den Akti­vi­tä­ten die­ser omi­nö­sen Pira­ten­par­tei gehört und ver­folg­te seit­dem im Netz spo­ra­disch deren Aktio­nen. Was die da sag­ten und taten, schien so gar nicht in den her­kömm­li­chen Par­tei­en­zir­kus zu pas­sen, der mich als über­zeug­ten Nicht­wäh­ler schon lan­ge ein­fach nur ankotz­te. Beson­ders gefiel mir der Slo­gan "Nicht links, nicht rechts, son­dern vorn!". Da gab es also Leu­te, die das gro­ße Thea­ter­spiel auf der poli­ti­schen Büh­ne ver­stan­den hat­ten und nun die Spiel­ver­der­ber sein woll­ten. Die Pira­ten sahen sich offen­bar mehr als Bür­ger­rechts­be­we­gung und Anti­par­tei­en-Par­tei und waren zudem digi­tal gut ver­netz­te Akti­vis­ten gegen den Über­wa­chungs­staat und für den Schutz der Pri­vat­sphä­re. Es ging auch um die Bekämp­fung von Lob­by­is­mus und Kor­rup­ti­on, um frei­es Wis­sen, ein zeit­ge­mä­ßes Urhe­ber­recht, direk­te Demo­kra­tie und Trans­pa­renz in der Poli­tik. Ich glau­be, mei­ne eige­ne Hoff­nung, dass da end­lich mal eine neue, unbe­las­te­te Kraft das Sys­tem kon­se­quent hin­ter­fra­gen und von innen her­aus angrei­fen und ver­än­dern woll­te, wur­de von vie­len Leu­ten in die­ser Zeit geteilt.

Auf dem Cam­pus der Uni stol­per­te ich wenig spä­ter über einen Info­stand der Pira­ten Jena, an dem Unter­schrif­ten für die kom­men­de Bun­des­tags­wahl gesam­melt wur­den. Ich unter­schrieb und ein paar Tage spä­ter stand ich selbst mit am Stand und sprach Leu­te an. Ich wur­de Par­tei­mit­glied. Mein Leben bei den Pira­ten hat­te begon­nen.

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Gesellschaft am Rande des Abgrunds

Vor nicht all­zu lan­ger Zeit pro­bier­te ich als Rad­fah­rer auf dem Heim­weg eine neue Rou­te aus. Der angeb­li­che Rad­weg, den ich benutz­te, ende­te im Nir­gend­wo und ich muss­te auf eine schma­le Wohn­ge­biets­stra­ße ein­schwen­ken. Lei­der war nicht zu erken­nen, dass ich nun ent­ge­gen einer Ein­bahn­stra­ße fuhr, aber die har­te Rea­li­tät belehr­te mich sofort eines Bes­se­ren. Ein PKW, der mir ent­ge­gen­kam, blo­ckier­te die enge Stra­ße und ich muss­te anhal­ten. Der Fah­rer öff­ne­te sein Fens­ter und ging mich sofort rüde an. 50 m hin­ter mir tauch­te plötz­lich ein Rent­ner auf, der mich aus die­ser Ent­fer­nung wie ein Irrer anschrie und belei­dig­te. Ich igno­rier­te ihn und erklär­te dem Fah­rer, dass ich die Ein­bahn­stra­ße nicht erken­nen konn­te, weil ich vom Rad­weg käme. Dann woll­te ich auf mein Rad stei­gen, um die Stra­ße zu ver­las­sen. Das Ergeb­nis war, dass ich fort­ge­setzt ange­hupt und fast umge­fah­ren wor­den wäre.

Die Leu­te lau­fen mitt­ler­wei­le wie scharf geschal­te­te Spreng­la­dun­gen durch die Gegend. Man braucht sie nur mit einer Nich­tig­keit in Schwin­gung zu ver­set­zen und sie gehen hoch wie eine Rake­te. Es ist auch offen­sicht­lich, dass es allen schwer fällt noch zuzu­hö­ren, was der Ande­re eigent­lich zu sagen hat. Im pri­va­ten, all­täg­li­chen, gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Sin­ne haben sich die Men­schen aus der Mit­te — aus ihrer Mit­te — her­aus­be­wegt und neh­men jetzt Posi­tio­nen ein, die sie sich vor kur­zer Zeit noch kaum vor­stel­len konn­ten. Und der Staat gibt sich jede erdenk­li­che Mühe, das auf allen Ebe­nen zu beför­dern.

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