Franks SchreibBlog
Provokativ • Politisch • Persönlich • Polemisch

Umflutschen in der Roten Zone

oder Die Zahnbürste steht für Mut.

Als ich 2009 in die Piratenpartei eintrat, gab es noch Jahr für Jahr unter dem Motto „Freiheit statt Angst“ in verschiedenen deutschen Städten große Demonstrationen. Parteien und Aktionsgruppen1 initiierten den Protest, um gegen ausufernde Überwachung, einen übermächtigen Staat, die Einschränkung der Bürgerrechte und für ein freies Internet auf die Straße zu gehen.2 Einige Jahre lang verzeichneten die Organisatoren nicht selten Teilnehmerzahlen von mehr als 10000, teilweise sogar 25000 Menschen. Schaut man heute auf die Internetseite freiheitstattangst.de, stellt man fest, dass im Titel zwar gerade noch die Jahreszahl 2016 steht, aber der Tourenplan bei 2015 stehengeblieben ist. Bei Wikipedia findet man die aufschlussreiche Information, dass 2015 in Bielefeld noch 70 Menschen für „Freiheit statt Angst“ demonstrierten.

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  1. z.B. der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, Digital Courage, der Chaos Computer Club, die Free Software Foundation, Attac u.a. []
  2. Ich selbst nahm 2009 in Berlin an der Demonstration teil, bei der ein orangenes Fahnenmeer die unübersehbare Präsenz der Piraten zeigte. []

ddr2.0

In der DDR war die Presse frei und unabhängig. Zumindest sollte der gemeine Normalbürger das glauben, wenn er Tageszeitungen wie „Freies Wort“, „Freie Presse“, „Der Demokrat“ oder die „Freiheit“ las. Dass es damit nicht weit her war, konnte man schon daran sehen, dass – zumindet im überregionalen Teil – alle (un)wesentlichen Informationen fast Satz für Satz gleich lauteten. Zwischen amtlichen Verlautbarungen der Regierung und des Politbüros, Berichten von Parteitagen und der Planerfüllung in den volkseigenen Betrieben gähnte die Langeweile, die in den unnachgiebigen Beton der Propaganda des realexistierenden Sozialismus gegossen war. Zensur gab es offiziell nicht, lediglich „Empfehlungen“ des Parteiapparats, was man drucken konnte und was man besser wegließ. Selbstkontrolle übten Parteifunktionäre in den Redaktionen. Wer sich darüber hinwegsetzte, bekam bald Ärger. So wurde der in der DDR sehr beliebte „Eulenspiegel“ mit seiner für heutige Maßstäbe wenig offensichtlichen Satire immer wieder zurückgepfiffen und dessen Chefredakteur Heinz Schmidt verlor nach einem öffentlichen Brandbrief des ZK-Sekretärs für Agitation und Propaganda Albert Norden und sich daran anschließenden acht Parteiverfahren seinen Job. Neben der Philosophie gab es wohl kaum ein anderes Studium, das so mit Marxismus-Leninismus (kurz ML genannt) überfrachtet war wie das des Journalismus. (mehr …)

Die allgemeine Spaßbefreiung

„Puritanismus ist die quälende Furcht, dass irgendwer irgendwo glücklich sein könnte.“
(Henry Louis Mencken)

Ich gestehe, ich bin ein Faschingsmuffel. Wenn man außerdem in einem Bundesland wie Thüringen geboren und aufgewachsen ist, in dem die Leute – nun ja – etwas zurückhaltend sind, dann gehören tagelange rauschende Karnevalsumzüge auch nicht gerade zur Alltagserfahrung. In meiner Kindheit zählte trotzdem der Schulfasching zu den aufregenderen Ereignissen des Jahres. Nicht zuletzt, weil man als halbwüchsiger Junge die Hoffnung hegte, einem Mädchen aus der Klasse wenigstens einen Kuss abzujagen. Mehr war zu dieser prüden Zeit sowieso nicht drin. Selbstverständlich haben wir uns verkleidet. In der allgemeinen Begeisterung der DDR-Gesellschaft für den Wilden Westen („Die Söhne der Großen Bärin“! „Chingachgook, die große Schlange“! „Osceola“!) erinnere ich mich vor allem an Cowboy- und Indianer-Kostüme. Wer einen richtigen Colt im Halfter am Gürtel tragen konnte, wurde bewundert. Die Indianer – als kleine Gummi-Figuren – waren schon ein wesentliches Spielzeug meiner Kindheit gewesen, mit denen ich ganze Szenarien und endlose Schlachten auf dem abgewetzten blauen Filzbelag meines Kinderzimmers nachspielte. Wenn wir als Jungen loszogen, um auf der nahegelegenen „Großen Wiese“ (eine Art dörfliche Prärie mit zahlreichen Haufen Kuhscheiße) unsere Wochenendnachmittage zu verbringen, waren wir alle mit „Plaste“-Messern und -Tomahawks bewaffnet; das Herstellen von Bogen und Pfeilen war eine der Standardbeschäftigungen und natürlich schleppten wir dauernd irgendwelche Speere und Schwerter mit uns herum. Denn wenn wir keine Indianer waren, waren wir schwer gerüstete Helden aus den deutschen Mittelaltersagen („Dietrich von Bern“!). Später, als das „Westfernsehen“ seinen Einfluss voll entfaltete, spielten wir mit Leidenschaft die Serienepisoden von „Time Tunnel“ nach. In den Schulpausen schlüpften wir in die Rolle von Rittern, die mit zusammengerollten Landkarten Lanzenturniere ausfochten oder funktionierten nach dem Unterricht eine Sitzbank an der Straße in das „Raumschiff Enterprise“ um. Nur herumschreiende Erwachsene konnten uns daran hindern, dieses Raumschiff in heftigen Kämpfen mit Antimaterie-Waffen gänzlich zu zerlegen. (mehr …)

Die Demokratie-Simulanten

„Sind wir nicht die Zukunft Deutschlands, die Pflanzstätte deutscher Parlamente! — Es ist mitunter schwer, sagt Juvenal, keine Satyre zu schreiben.“ (Friedrich Nietzsche)

„Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.“ (Marie-Antoinette)

Zwei Tage lang habe ich tatsächlich gedacht, dass mich die Wahl unseres neuen Bundespräsidenten in der sogenannten Bundesversammlung nichts angeht. Was sollte mich schon daran tangieren, dass ein repräsentativer Grüßaugust durch einen anderen ersetzt wird? Was hat das mit meinem Leben zu tun? Durch das Wasserglas der sozialen Netzwerke tobte der unvermeidliche Sturm, aber der legt sich erfahrungsgemäß schnell wieder und wendet sich der nächsten durchs Dorf getriebenen Sau zu. Aber dann kommt hier und da eine Meldung, ein Kommentar, ein Bericht hinzu und alles zusammen ergibt ein Zustandsbild dieses Landes, das mich mittlerweile nur noch ratlos, erschüttert und zornig zurücklässt. (mehr …)

Kein Selfie mit Obdachlosen

Jeder, der hin und wieder etwas von mir liest, wird mitbekommen haben, dass ich langjähriger Einwohner der #Lichtstadt Jena bin, die angesichts der überbordenden Probleme im Land mittlerweile einem neuen Tal der Ahnungslosen gleicht.1 Neulich ist mir am frühen Morgen auf dem Innenhof meiner Arbeitsstätte ein Obdachloser aufgefallen, der hier offenbar genächtigt hatte und gerade seine Habseligkeiten auf ein Fahrrad packte. Ich erinnerte mich wieder daran, als ich das Interview mit unserem Oberbürgermeister Albrecht Schröter im Radio (anlässlich des Gauck-Besuchs in Jena) hörte, der meinte, selbst Obdachlosigkeit wäre in unserer Stadt kein Problem und für die in Frage kommenden Personen würden ja ausreichend Schlafgelegenheiten bereit stehen. Man sieht halt immer nur das, was man sehen will.2 Während regelmässiger Aufenthalte in Berlin in den letzten Jahren musste ich leider beobachten, dass Obdachlose in unserer Hauptstadt keineswegs eine Seltenheit sind. Am letzten Wochenende sah ich einen Obdachlosen unter der Autobahnbrücke Schönefeld-Nord, der bei klirrender Kälte dicht neben einer vielbefahrenen Straße in einem Zelt haust. Zu anderen Jahreszeiten stolpert man am Kiehl-, Weigand- oder Maybachufer und am Landwehrkanal alle paar Meter über einen „Nichtseßhaften“. Die meisten bieten keinen schönen Anblick und mit Romantik einer Übernachtung unterm Sternenzelt hat das Ganze auch nichts zu tun. Selbst in unmittelbarer Nähe des Regierungsviertels reiht sich an der Spree Zelt an Zelt, ohne dass nebenan jemand Bauchschmerzen bei diesem Anblick bekommen würde. Auch hat man noch nie unsere Bundeskanzlerin gesehen, die dort ein Selfie mit Obdachlosen gemacht und „Wir schaffen das!“ verkündet hätte. (mehr …)


  1. neu deswegen, weil „Tal der Ahnungslosen“ zu DDR-Zeiten jene Gebiete Ostdeutschlands bezeichnete, wo man nicht oder nur schlecht Westfernsehen empfangen konnte und daher „ahnungslos“ in der Filterbubble des real existierenden Sozialismus leben musste. []
  2. Mit einem geringeren Hang zur Selbstbeweihräucherung könnte man in Jena beispielsweise sehen, dass einige der neu gebauten Flüchtlingsunterkünfte mittlerweile wieder leer stehen. Dort könnten unter einwandfreien hygienischen Bedingungen eigentlich auch Obdachlose zumindest eine Zeit lang einen menschenwürdigen Unterschlupf finden. []