Das Ende der freien Gesellschaft

Das Ende der freien Gesellschaft

Erin­ne­run­gen an die Wen­de.

Es war 1989, zwei Tage nach Öff­nung der inner­deut­schen Gren­ze, als ich mich wie vie­le ande­re Ost­deut­sche auf­mach­te, um das gelob­te Land hin­ter dem Sta­chel­draht und den Selbst­schuss­an­la­gen zu besich­ti­gen. Unse­re Nach­barn nah­men uns in einem klapp­ri­gen Sko­da mit und als wir end­lich den Grenz­über­gang über­quer­ten, stan­den Kin­der an den Stra­ßen­rän­dern, die uns befrei­te Ossis mit hef­ti­gem Fähn­chen­win­ken begrüß­ten. Unser Ziel war Coburg und dort auf direk­tem Wege irgend­ein Amt, auf dem wir unser Begrü­ßungs­geld in Emp­fang nah­men. Mit dem "West­geld" in der Hand lief ich zu einem Kiosk und kauf­te mir als ers­te Ware in der frei­en Markt­wirt­schaft eine Süd­deut­sche Zei­tung. Ehr­furchts­voll hielt ich die dicken Bögen in der Hand, jeder Qua­drat­zen­ti­me­ter bedruckt mit Tex­ten eines mir bis dato unbe­kann­ten frei­en Jour­na­lis­mus. Ja ich weiß; ich war damals noch ganz schön naiv.

Es dau­er­te eine Wei­le, bis ich wie vie­le ande­re Ost­deut­sche begriff, dass im Herbst 1989 kei­ne fried­li­che Revo­lu­ti­on statt­ge­fun­den hat­te, son­dern nur ein gutes Geschäft — zwi­schen der dama­li­gen Sowjet­uni­on, die drin­gend West­mil­li­ar­den benö­tig­te und kapi­ta­lis­ti­schen Sys­te­men, die drin­gend neue Absatz­märk­te benö­tig­ten. Dank­bar war ich aus einem Unrechts­staat, der sei­ne Bür­ger flä­chen­de­ckend bespit­zel­te, in ein Sys­tem der indi­vi­du­el­len Frei­heit gewech­selt, in dem sich mir auf ein­mal unge­ahn­te Mög­lich­kei­ten eröff­ne­ten. In mei­nem letz­ten Semes­ter an der Uni inter­es­sier­te sich nun nie­mand mehr dafür, ob ich im Mar­xis­mus/­Leni­nis­mus-Semi­nar die rich­ti­ge Mei­nung ver­trat. Am Insti­tut gab es einen wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­ter, des­sen Auf­ga­be es gewe­sen war, Stu­den­ten als Reser­ve­of­fi­zie­re der NVA anzu­wer­ben und der nun auf ein­mal als DSU-Mit­glied in Erschei­nung trat. Als ich zusam­men mit einem Kom­mi­li­to­nen in einer Nacht- und Nebel­ak­ti­on mit einem Aus­hang auf den Wen­de­hals auf­merk­sam mach­te, rief das nur noch bei dem Bloß­ge­stell­ten Zorn her­vor, beim Rest des Insti­tuts dage­gen Hei­ter­keit. Wir waren jetzt Teil der Frei­en Welt und konn­ten ein­fach unse­re Mei­nung kund­tun, ohne Kon­se­quen­zen befürch­ten zu müs­sen.

Fort­an waren Buch­hand­lun­gen mein liebs­ter Auf­ent­halts­ort, denn ich konn­te alles lesen was mich inter­es­sier­te. Als ich mich eini­ge Zeit spä­ter auf einem High­screen-Com­pu­ter über das Com­pu­ser­ve-Netz­werk ins Inter­net ein­wähl­te, war das Gefühl einer wirk­lich unre­gle­men­tier­ten Exis­tenz per­fekt, denn eine wei­te­re Welt der frei­en Infor­ma­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on hat­te sich mir nahe­zu mühe­los eröff­net.

Poli­tik ohne Kon­se­quen­zen.

Knapp ein Vier­tel­jahr­hun­dert spä­ter dürf­te den meis­ten klar sein, dass nicht alles Gold war, was damals ver­füh­re­risch glänz­te. Und doch könn­te der Unter­schied zwi­schen der dama­li­gen und der heu­ti­gen bun­des­deut­schen Gesell­schaft nicht grö­ßer sein. Die Welt hat sich wei­ter gedreht — wie es so schön im "Schwar­zen Turm" von Ste­phen King heißt — und wir ste­hen vor nichts Gerin­ge­rem als dem Ende der Frei­heit. Klingt das zu dra­ma­tisch? Es kann nicht dra­ma­tisch genug klin­gen. Wir ste­hen vor einem Scher­ben­hau­fen, der nicht ein­mal mehr die Illu­si­on von Frei­heit ver­heißt oder über­haupt nötig hät­te. Man erkennt das an einem poli­ti­schen Han­deln, das kei­ner­lei Kon­se­quen­zen mehr befürch­ten muss, egal wie groß der ange­rich­te­te Scha­den für die Gesell­schaft ist.

Der Schein der schö­nen neu­en Welt brach recht hef­tig zusam­men, als klar wur­de, dass Poli­ti­ker lie­ber Ban­ken ret­te­ten als sich um die Zukunft der nach­fol­gen­den Genera­tio­nen zu küm­mern. Als klar wur­de, dass man — ohne mit der Wim­per zu zucken — Hun­der­te von Mil­li­ar­den Euro in die Finanz­märk­te pum­pen und dafür den Crash gan­zer Volks­wirt­schaf­ten und das Elend vie­ler Mil­lio­nen Men­schen in Kauf neh­men wür­de. Und als die­ser Ver­rat der Volks­ver­tre­ter an ihren Völ­kern völ­lig fol­gen- und straf­los blieb.

Und je ver­ant­wor­tungs­lo­ser, kor­rup­ter, dilet­tan­ti­scher oder kri­mi­nel­ler sich die­se Art von Poli­tik erdreis­tet daher­zu­kom­men, umso offen­sicht­li­cher ist für jeden die völ­li­ge Kon­se­quen­zen­lo­sig­keit ihres Han­delns. Als bekannt wur­de, dass ein Herr de Mai­ziè­re 600 Mil­lio­nen Euro an Steu­er­gel­dern aus dem Fens­ter geschmis­sen hat­te, um mög­lichst bald an neu­ar­ti­ge Über­wa­chungs­droh­nen zu gelan­gen, pas­sier­te — wie immer — im Grun­de gar nichts. Nie­mand stell­te eine ernst­haf­te Nach­fra­ge nach dem Zweck eines sol­chen Mili­tär­ge­räts für eine Armee, die ver­fas­sungs­ge­mäß im Inland nicht agie­ren darf und der eine Betei­li­gung an Krie­gen im Aus­land eben­so ver­fas­sungs­ge­mäß ver­bo­ten ist. Nie­mand kam die­se Sum­me beson­ders hoch vor, eine Sum­me, für die man locker 20 neue Schu­len hät­te bau­en kön­nen. Nie­mand ver­haf­te­te den Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter und klag­te ihn des Volks­ver­rats an.

Als in dem völ­ker­rechts­wid­ri­gen Krieg in Afgha­ni­stan zum ers­ten Mal seit dem 2. Welt­krieg und wie in bes­ten Wehr­machts­zei­ten wie­der ein deut­scher Oberst Hun­der­te zivi­ler Opfer in Kauf nahm, um irgend­ein absur­des mili­tä­ri­sches Ziel zu ver­fol­gen — da wur­de die­ser Oberst nicht ver­haf­tet und eines Kriegs­ver­bre­chens ange­klagt. Nein, er wur­de beför­dert.

Genau­so blie­ben die ame­ri­ka­ni­schen Flü­ge von Ver­däch­ti­gen in Geheim­ge­fäng­nis­se, über deut­sche Flug­hä­fen und deut­sches Ter­ri­to­ri­um, ohne jede Kon­se­quenz. Auch die Rol­le von BND- und BKA-Beam­ten bei der Ver­neh­mung von Ter­ror­ver­däch­ti­gen in syri­schen und liba­ne­si­schen Fol­ter­kel­lern — eigent­lich undenk­bar in einer Demo­kra­tie wie der uns­ri­gen — blieb wei­test­ge­hend im Dun­keln. Dar­an änder­te auch ein Unter­su­chungs­aus­schuss nichts. Ange­sichts "moder­ner Ver­hör­me­tho­den", Water­boar­ding oder wie­der hof­fä­hig gewor­de­ner Fol­ter wirkt der demo­kra­ti­sche Rechts­staat längst alt­ba­cken und wie von ges­tern. Staats­fein­de wie Brad­ley Man­ning, deren Schuld dar­in besteht Ver­bre­chen des Staa­tes öffent­lich zu machen, wer­den wie Tie­re nackt in Ein­zel­zel­len gesperrt und durch Schlaf- und Dun­kel­heits­ent­zug und unun­ter­bro­che­ne Ver­hö­re psy­chisch gebro­chen. Die deut­sche Regie­rung sagt dazu nichts, obwohl die­se Metho­den uns an unse­re eige­ne his­to­ri­sche Ver­gan­gen­heit mah­nen müss­ten. Gesta­po ist wie­der schick.

Die Bei­spie­le lie­ßen sich belie­big fort­set­zen, man braucht nur an die mör­de­ri­schen Akti­vi­tä­ten des NSU und die Rol­le des Ver­fas­sungs­schut­zes dabei zu den­ken, an Par­tei­spen­den-Affä­ren, an Rüs­tungs­ge­schäf­te mit Staa­ten, die Men­schen­rech­te mit Füßen tre­ten, an die Sport- und Olym­pia-Mafia, an Lebens­mit­tel­skan­da­le, Phar­ma-Lob­by­is­mus oder gro­ße Bau­pro­jek­te, die — was für ein Zufall — das Dut­zend­fa­che der vor­her pro­gnos­ti­zier­ten Kos­ten ver­zeh­ren. Es steckt immer das glei­che Sys­tem dahin­ter. Ein Sys­tem, das mitt­ler­wei­le so unver­schämt und selbst­si­cher agiert, das es nicht davor zurück­schreckt, hau­fen­wei­se Bür­ger­rech­te über Bord zu wer­fen und Geset­ze zu erlas­sen, die dem deut­schen Grund­ge­setz Hohn spre­chen. Ohne Kon­se­quen­zen.

Und mor­gen der Gesta­po-Staat.

Die Demo­kra­tie hat ver­lernt sich selbst zu schüt­zen und zu bewah­ren. Als vor kur­zem — als Spit­ze des Eis­bergs — ein ein­zel­ner Mann ent­hüll­te, dass der Sta­si-Staat längst wie­der auf­er­stan­den ist und nicht davor zurück­schreckt welt­weit Mil­li­ar­den von Men­schen aus­zu­spio­nie­ren und zu über­wa­chen, da war der Scher­ben­hau­fen schon so groß, dass nie­mand mehr wirk­lich über­rascht war. Natür­lich trau­te man den Ame­ri­ka­nern alles zu, genau­so natür­lich war die Vor­stel­lung, dass bun­des­deut­sche Poli­ti­ker mit unse­ren bes­ten Freun­den gemein­sa­me Sache machen und unser Grund­ge­setz nur noch Klo­pa­pier ist.  Völ­lig logisch, dass kein deut­scher Staats­an­walt Frau Mer­kel und Herrn Fried­rich wegen Volks­ver­rats anklagt. Völ­lig logisch, dass auf ein biss­chen Ver­tu­schung, ein biss­chen lee­res Geschwätz und ein biss­chen zur Schau gestell­te Ahnungs­lo­sig­keit nur eines folgt: mit vol­ler Kraft wei­ter vor­aus in den tech­nisch voll­kom­me­nen Über­wa­chungs­staat. Der von der EU geplan­te und geför­der­te Auf­bau einer Über­wa­chungs­ar­chi­tek­tur — Stich­wort INDECT — ruft kei­nen jour­na­lis­ti­schen Auf­schrei her­vor und das in den letz­ten Jah­ren ver­ab­schie­de­te grau­en­haf­te Sam­mel­su­ri­um an — samt und son­ders ver­fas­sungs­wid­ri­gen — Geset­zen zur Auf­wei­chung von Bür­ger­rech­ten und Pri­vat­sphä­re bringt kei­nen Rich­ter um den Schlaf. Als vor­läu­fi­ger Höhe­punkt die­ses Trau­er­spiels betont unser Innen­mi­nis­ter in einem Inter­view, dass die voll­stän­di­ge Über­wa­chung der deut­schen Bevöl­ke­rung durch einen aus­län­di­schen Geheim­dienst einem "edlen Zweck" dient und kon­form mit der deut­schen Ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit ist. Er lügt vor lau­fen­der Kame­ra wie gedruckt und er weiß, dass er lügt.

Die Skan­da­le um PRISM und TEMPORA wer­den nicht zur Ein­stel­lung die­ser Pro­gram­me füh­ren, höchs­tens viel­leicht zur Umbe­nen­nung. Für die NSA wer­den gera­de wei­te­re gigan­ti­sche Daten­spei­cher­zen­tren gebaut und wer dort — in Echt­zeit und 24 Stun­den am Tag — durch­leuch­tet wird, das sind nicht die Bin Ladens die­ser Welt, son­dern Du und ich, unse­re Part­ner, Freun­de und Ver­wand­ten, Arbeits­kol­le­gen, Gewerk­schaf­ter, Demons­tran­ten, Abge­ord­ne­te — kurz­um alle. Ob wir dabei gar nichts zu ver­ber­gen haben — die­ses Argu­ment hört man ja sehr oft — inter­es­siert die­se Leu­te nicht die Boh­ne. Du bist ver­däch­tig, egal was du tust. Egal wie unschul­dig du dich gebär­dest. Sie sam­meln alles über dich, des­sen sie hab­haft wer­den kön­nen.

Inter­es­san­ter­wei­se ist auch heu­te wie­der die Sicher­heit des Staa­tes — die Staats­si­cher­heit — das Argu­ment, mit dem alle demo­kra­ti­schen Errun­gen­schaf­ten aus­ge­höhlt wer­den. Aber Sicher­heit ohne Frei­heit ist letzt­end­lich nur ein Gefäng­nis. In einem Knast ist man sicher, aber nicht frei. Wol­len wir uns wirk­lich in der uns zuge­wie­se­nen Zel­le behag­lich ein­rich­ten? Aber mir geht noch etwas viel Beun­ru­hi­gen­de­res durch den Kopf. In der DDR ging mit den Sta­si-Metho­den auch die Wahl­fäl­schung ein­her. Glaubt ihr wirk­lich, dass Leu­te, die gera­de dabei sind, Droh­nen für die auto­ma­ti­sier­te Über­wa­chung oder gar geziel­te Tötung von Men­schen aus der Luft zu ent­wi­ckeln, davor zurück­schre­cken, Wah­len zu mani­pu­lie­ren?

Es ist gut mög­lich, dass wir längst nur noch in einer Pseu­do-Demo­kra­tie leben. Das Komi­sche dar­an ist, dass man kein ein­ge­fleisch­ter Pes­si­mist oder Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker mehr sein muss, um das zu behaup­ten. Es wird uns allen fak­tisch jeden Tag unter die Nase gerie­ben. Wenn wir es ver­pas­sen, selbst die mitt­ler­wei­le kläg­li­chen Res­te der Frei­heit zu ver­tei­di­gen, müs­sen wir uns nicht wun­dern, wenn wir eines Tages wie­der mit­ten in einer tota­li­tä­ren Dik­ta­tur auf­wa­chen. Wir kön­nen von den Herr­schen­den nichts erwar­ten. Auch nicht von den Medi­en, die ein­fach nur Teil des Sys­tems sind. Wir kön­nen alles was getan wer­den muss, nur von uns selbst erwar­ten. Wir sind es unse­ren Kin­dern schul­dig.

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12 Kommentare zu “Das Ende der freien Gesellschaft

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