Adieu Piraten!

Adieu Piraten!

I

Für jeman­den, der sich nie vor­stel­len konn­te, mal in eine poli­ti­sche Par­tei ein­zu­tre­ten, ging es 2009 bei mir dann doch erstaun­lich flott. Ich hat­te schon ein paar Mona­te vor­her über einen Arbeits­kol­le­gen (natür­lich IT'ler) von den Akti­vi­tä­ten die­ser omi­nö­sen Pira­ten­par­tei gehört und ver­folg­te seit­dem im Netz spo­ra­disch deren Aktio­nen. Was die da sag­ten und taten, schien so gar nicht in den her­kömm­li­chen Par­tei­en­zir­kus zu pas­sen, der mich als über­zeug­ten Nicht­wäh­ler schon lan­ge ein­fach nur ankotz­te. Beson­ders gefiel mir der Slo­gan "Nicht links, nicht rechts, son­dern vorn!". Da gab es also Leu­te, die das gro­ße Thea­ter­spiel auf der poli­ti­schen Büh­ne ver­stan­den hat­ten und nun die Spiel­ver­der­ber sein woll­ten. Die Pira­ten sahen sich offen­bar mehr als Bür­ger­rechts­be­we­gung und Anti­par­tei­en-Par­tei und waren zudem digi­tal gut ver­netz­te Akti­vis­ten gegen den Über­wa­chungs­staat und für den Schutz der Pri­vat­sphä­re. Es ging auch um die Bekämp­fung von Lob­by­is­mus und Kor­rup­ti­on, um frei­es Wis­sen, ein zeit­ge­mä­ßes Urhe­ber­recht, direk­te Demo­kra­tie und Trans­pa­renz in der Poli­tik. Ich glau­be, mei­ne eige­ne Hoff­nung, dass da end­lich mal eine neue, unbe­las­te­te Kraft das Sys­tem kon­se­quent hin­ter­fra­gen und von innen her­aus angrei­fen und ver­än­dern woll­te, wur­de von vie­len Leu­ten in die­ser Zeit geteilt.

Auf dem Cam­pus der Uni stol­per­te ich wenig spä­ter über einen Info­stand der Pira­ten Jena, an dem Unter­schrif­ten für die kom­men­de Bun­des­tags­wahl gesam­melt wur­den. Ich unter­schrieb und ein paar Tage spä­ter stand ich selbst mit am Stand und sprach Leu­te an. Ich wur­de Par­tei­mit­glied. Mein Leben bei den Pira­ten hat­te begon­nen.

II

Jeder, der mich per­sön­lich kennt und jeder, der hin und wie­der etwas von mir liest, weiß, dass ich (auch) ein poli­ti­scher Mensch bin. Oder pro­fa­ner gesagt, so ein Welt­ver­bes­se­rer-Typ, der an den unsäg­li­chen Zustän­den auf die­sem Pla­ne­ten immer ein biss­chen mit­lei­det. Wenn ich mich in etwas hin­ein­stür­ze, dann rich­tig oder gar nicht. Im nach­hin­ein ver­glei­che ich den Ein­tritt in eine Par­tei mit einer neu­en Lie­bes­be­zie­hung. Am Anfang macht Lie­be blind und die gan­zen Merk­wür­dig­kei­ten und Macken, die einem hät­ten auf­fal­len müs­sen, über­sieht man nur all­zu gern. Auf einem der ers­ten Stamm­ti­sche in Jena saß ich neben einem Typ, der mir ver­si­cher­te, dass er es nicht ertra­gen kön­ne, wenn ein Mensch ihm zu nahe käme oder ihn gar unge­fragt berüh­ren wür­de. Es gab die unver­meid­li­chen Nerds und Geeks. Es gab nur sehr weni­ge Frau­en, die ... nun ja ... auch eher nerdig waren. Ich hege eine gro­ße Sym­pa­thie für alle mög­li­chen Lebens­ent­wür­fe und daher ist das über­haupt nicht nega­tiv gemeint. Die ent­schei­den­de Fra­ge wur­de aller­dings schon damals nie gestellt: Was wol­len die­se eher schrä­gen Leu­te in einer poli­ti­schen Par­tei? Für wen wür­den sie Poli­tik machen wol­len? Und woll­ten sie über­haupt Poli­tik machen?

III

Die Par­tei wuchs rasant. Wir hiel­ten in Jena in einem klei­nen his­to­ri­schen Wirts­haus unse­re öffent­li­chen Stamm­ti­sche ab. In unse­ren bes­ten Zei­ten kamen mehr als 30 Leu­te, die die gan­ze ers­te Eta­ge füll­ten. Ich erin­ne­re mich an einen die­ser Aben­de, an dem der Kreis­ver­band mal eben ein gan­zes Dut­zend Arbeits­grup­pen aus der Tau­fe hob. Für jede die­ser AGs fand sich irgend­je­mand, der das jewei­li­ge The­ma in Schwung brin­gen woll­te. Es gab nichts, was es nicht gab: Umwelt, Wirt­schaft, Wikipfle­ge, Hoch­schul­grup­pe, inner­par­tei­li­che Demo­kra­tie, Eltern-LAN, Teen-Court, Reli­gi­on und Reli­gi­ons­frei­heit, Pres­se­ar­beit, Mit­glie­der­wer­bung und so wei­ter und so fort. Für den Kreis­ver­band einer 100000-Ein­woh­ner-Stadt schien es mir dage­gen am ange­mes­sens­ten, sich mit der ört­li­chen Kom­mu­nal­po­li­tik zu befas­sen. Die AG Kom­mu­nal­po­li­tik, die ich eini­ge Zeit spä­ter als Koor­di­na­tor über­nahm und vie­le Jah­re qua­si als mein Ste­cken­pferd betreu­te, blieb die ein­zig akti­ve Arbeits­grup­pe des Kreis­ver­bands. Alles ande­re hat­te sich bald in Geschwätz und hei­ßer Luft auf­ge­löst.1

An die­ser Stel­le kris­tal­li­sier­te sich das nächs­te Pro­blem der Pira­ten her­aus. Die meis­ten Mit­glie­der hat­ten kein Inter­es­se an anstren­gen­der poli­ti­scher Arbeit. Pres­se­mit­tei­lun­gen, sta­pel­wei­se Doku­men­te aus dem Stadt­rat lesen, Beschluss­vor­la­gen erar­bei­ten, sich bei ver­schie­de­nen The­men erst­mal schlau machen, mit ande­ren poli­ti­schen Akteu­ren reden — all das macht Mühe und in der Regel nicht so den pira­ti­gen Spaß, den alle in die­ser Par­tei erwar­te­ten. Es gab die­sen Trend zu Litt­le-Pony-Vide­os, Bäl­le­bä­dern, Awa­reness-Teams und Mum­ble-Sit­zun­gen, damit sich alle wohl­füh­len. Wenn eine Par­tei es als Auf­ga­be ansieht, Leu­te in Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­stuhl­krei­sen zu ver­sam­meln, die bes­ser in einer Psy­cho­the­ra­pie auf­ge­ho­ben wären, geht etwas gewal­tig schief. Die­ser Trend war auf den Bun­des­par­tei­ta­gen, zu denen ich regel­mäs­sig fuhr, noch viel auf­fäl­li­ger zu beob­ach­ten.

Auf den Thü­rin­ger Lan­des­par­tei­ta­gen fan­den die für die Pira­ten so typi­schen GO-, Sat­zungs- und Pro­gramm­an­trags­schlach­ten statt.2 Es gab end­los Offen­si­ven für irr­wit­zi­ge The­men, die außer­halb der Par­tei nie­man­den inter­es­sier­ten. Wir ver­senk­ten gan­ze drei Lan­des­par­tei­ta­ge in der Ton­ne, weil es um nichts ande­res ging als das Wahl­recht ab 0 Jah­re.3 Es bil­de­te sich ein vor­ran­gig von Jena­er und Gotha­er Pira­ten bestück­ter real­po­li­ti­scher Kern, der die Polit­ro­man­ti­ker, Träu­mer und Spin­ner regel­mäs­sig aus­brems­te. Zu dritt setz­ten wir uns weni­ge Tage vor einem Lan­des­par­tei­tag beim Bier zusam­men und betrie­ben pro­vo­ka­ti­ves Brain­stor­ming. Dann flu­te­ten wir den Par­tei­tag mit einem Dut­zend Anträ­gen, unter denen einer zur Auf­lö­sung der EU noch der harm­lo­ses­te war. Die uto­pi­sche Frak­ti­on, beschäf­tigt mit dem Gen­dern der Sat­zung, Liquid Feed­back, Quo­te und der Mode­ra­ti­on der Mai­ling­lis­te, brach­te das zur Weiß­glut. Es gab nicht weni­ge Leu­te, denen es gleich­gül­tig war, ob wir gewählt wer­den oder nicht. Die Debat­ten dreh­ten sich oft nur um die eige­nen Idea­le und -ismen, die man in irgend­ei­nen Pro­gramm­punkt gie­ßen und damit zemen­tie­ren woll­te. Prag­ma­ti­ker, die poli­ti­sche Macht in Par­la­men­ten anstreb­ten, waren in der Unter­zahl und lös­ten regel­mäs­sig Unver­ständ­nis und Miß­trau­en aus.

IV

Obwohl man sich als Bür­ger­rechts­be­we­gung definiert(e), hat­ten und haben die Pira­ten so ihre Pro­ble­me mit dem stink­nor­ma­len Bür­ger­tum. Hin und wie­der ver­irr­ten sich ein­fa­che Leu­te zu unse­ren Stamm­ti­schen. Ange­sichts der dor­ti­gen Dis­kus­sio­nen über Liquid Feed­back, Linux und PGP-Ver­schlüs­se­lung, Wiki-Inhal­te, Sat­zungs­än­de­run­gen und abson­der­li­chen Par­tei­quark kam kei­ner von ihnen wie­der. Ich erin­ne­re mich an eine gut besuch­te Info­ver­an­stal­tung für Neu­pi­ra­ten, die wir in einem alt­ehr­wür­di­gen Jena­er Hotel anbo­ten. Die Pira­ten waren mitt­ler­wei­le in aller Mun­de. Als Gäs­te waren sogar orts­an­säs­si­ge Anwäl­te zuge­gen, die offen­bar tat­säch­lich in die Par­tei ein­ge­tre­ten waren. Doch nach einem hoch­ge­sto­che­nen Vor­trag über Pira­ten­phi­lo­so­phie und dem übli­chen Über­wa­chungs- und Ver­schlüs­se­lungs­nerd­kram wur­de von denen nie wie­der jemand gesich­tet. Das Volk such­te hän­de­rin­gend nach einer Pro­test­par­tei und die Pira­ten gaben sich alle nur erdenk­li­che Mühe, die — sicher­lich zu hohen — Erwar­tun­gen zu ent­täu­schen.

Obwohl man auf der einen Sei­te mit dem ein­fa­chen Volk nicht so rich­tig warm wur­de, konn­ten sich auf der ande­ren Sei­te alle mög­li­chen, selbst sich gegen­sei­tig aus­schlies­sen­den Strö­mun­gen in der Par­tei zu Hau­se füh­len. Die Par­tei posi­tio­nier­te sich für den Kern­kraft­aus­stieg? Sofort gab es eine AG, die als Nukle­a­ria bezeich­net, für das Gegen­teil ein­trat. Es gab die BGE- und die Anti-BGE-Frak­ti­on.4 Trat die Par­tei für den unbe­ding­ten Schutz der Pri­vat­sphä­re ein, erschie­nen sofort Pira­ten auf der Bild­flä­che, die als Post­pri­va­cy-Pro­pa­gan­dis­ten das alles für Unsinn hiel­ten. Die Umwelt­ak­ti­vis­ten fan­den ihre Geg­ner in Gen­tech­nik-Befür­wor­tern, die einen woll­ten gern digi­ta­le Basis­de­mo­kra­tie und wur­den sofort von Wahl­com­pu­ter-Kri­ti­kern und Sicher­heits­en­thu­si­as­ten ange­gan­gen. Femi­nis­tin­nen und Gen­der­main­strea­ming fan­den ihr Gegen­über in Män­ner­rechts-AGs. Man woll­te die Par­tei des Grund­ge­set­zes und der Ver­fas­sungs­treue sein und zähl­te hau­fen­wei­se Radi­ka­le in den eige­nen Rei­hen, die das Sys­tem bekämpf­ten. Die Par­tei ersoff regel­recht im gren­zen­lo­sen Indi­vi­dua­lis­mus ihrer Mit­glie­der. Jeder hielt sein eige­nes Süpp­chen am Kochen. Selbst wenn sich die Par­tei auf eine Hal­tung zu einem bestimm­ten The­ma fest­ge­legt hat­te, bedeu­te­te das gar nichts. Im basis­de­mo­kra­ti­schen Schwarm durf­te sich jeder zu Wort mel­den und alles wie­der neu in Fra­ge stel­len. Was die Bun­des­par­tei beschlos­sen hat­te, wur­de auf Lan­des­par­tei­ta­gen wie­der ganz anders gese­hen und anders­her­um. Nach außen auf einen gemein­sa­men, all­ge­mein­ver­ständ­li­chen und schlag­kräf­ti­gen Nen­ner zu kom­men, war so undenk­bar. Um jeden Halb­satz im Pro­gramm wur­de gestrit­ten. Die Vor­stän­de soll­ten nur ver­wal­ten und wenn sie sich anmaß­ten, auch mal das Heft in die Hand zu neh­men, wur­den sie bekämpft. Sie soll­ten zwar die unge­lieb­te Ver­wal­tungs­ar­beit machen, aber ja nicht das Maul auf­rei­ßen. Selbst wenn sich die Posi­tio­nen offen­sicht­lich wider­spra­chen, waren alle der Mei­nung, in der rich­ti­gen Par­tei zu sein. Die noch heu­te oft gestell­te Fra­ge "Wofür ste­hen die Pira­ten eigent­lich?" war damals schon schwer zu beant­wor­ten.

V

Womit wir bei den Lin­ken und damit bei den Sarg­nä­geln der Par­tei ange­langt sind. 2012 ent­brann­te plötz­lich eine Dis­kus­si­on, ob die Pira­ten­par­tei nicht still und heim­lich von Nazis unter­wan­dert wur­de. "Wie rechts darf ein Pirat sein?"  Die­se Fra­ge warf hohe Wel­len, auch in den Medi­en. Die Par­tei war den Mäch­ti­gen wohl zu gefähr­lich gewor­den. Jetzt muss­te man sie aus den Angeln heben. Das ging erstaun­li­cher Wei­se ganz leicht. Statt zu den eige­nen Maxi­men zu ste­hen, bekam die Par­tei Fracksau­sen. Man hat­te Angst sich die ange­häuf­ten Sym­pa­thi­en zu ver­scher­zen, in dem man sich nicht ein­deu­tig genug gegen Ras­sis­mus, Sexis­mus, Faschis­mus usw. aus­sprach. Wie aus dem Nichts her­aus (jeden­falls für mich als Basis­mit­glied) gab es plötz­lich inner­halb der Par­tei Grup­pen, die zu einer radi­ka­len ideo­lo­gi­schen Posi­tio­nie­rung auf­for­der­ten. Die Piran­ti­fa erschien auf der inner­par­tei­li­chen Büh­ne und woll­te nichts weni­ger als eine Unver­ein­bar­keits­er­klä­rung mit allem, was auch nur ansatz­wei­se jen­seits des lin­ken Spek­trums agiert. Links­ex­tre­mis­mus war aller­dings kein Pro­blem. Die Jun­gen Pira­ten folg­ten. Gemä­ßig­te­re Par­tei­funk­tio­nä­re, die mit sol­chen Abgren­zun­gen ein Pro­blem hat­ten, wur­den mas­siv gemobbt und mit Rück­tritts­for­de­run­gen kon­fron­tiert. Es pas­sier­ten häss­li­che Din­ge, die man bei den Pira­ten nie für mög­lich gehal­ten hät­te. Die viel gerühm­te Schwar­min­tel­li­genz ver­sag­te. Die­je­ni­gen, die am lau­tes­ten, pene­tran­tes­ten, ego­ma­nischs­ten und aggres­sivs­ten auf­tra­ten, erober­ten die Mei­nungs­ho­heit über die Par­tei. Die Zeit der Höfinghoffs, Schramms, Lau­er, Helms und ande­rer unsäg­li­cher Gestal­ten war gekom­men — eine Mischung aus Selbst­dar­stel­lern, Kar­rie­ris­ten, Radi­ka­len und Weit-Außen-Ideo­lo­gen, die die Pira­ten­par­tei als Surf­brett für ihre wie auch immer gear­te­ten Zie­le miss­brauch­ten. Die Durch­schnitt­s­pi­ra­ten waren dem nicht gewach­sen. Die Digi­tal Nati­ves fürch­te­ten die Stig­ma­ti­sie­rung und den Shit­s­torm im Netz. Statt für direk­te Demo­kra­tie und Bür­ger­rech­te zu strei­ten und den Alt­par­tei­en ein­zu­hei­zen, tra­fen sich nun „Pira­ten mit weib­li­chem Vor­na­men, trans­se­xu­el­le Eich­hörn­chen und selbst­er­nann­te Pira­tin­nen“ im "Kegel­klub" und dis­ku­tier­ten über "Weib­lich­keit". Mit den Pira­ten ging es berg­ab und jeder konn­te es sehen. Die Wäh­ler, die in die Pira­ten all ihre Hoff­nung auf ein über­fäl­li­ges Update der Demo­kra­tie gesetzt hat­ten, lie­fen in Scha­ren davon.

2014 schrieb ich einen Arti­kel "Pira­ten: Nicht links, nicht rechts", in dem ich zum ers­ten Mal klar und deut­lich mei­nen Wider­wil­len gegen die­se Ent­wick­lung zu Papier brach­te.5 Ich war bei­lei­be nicht der Ein­zi­ge, dem es so ging. Wie im Gro­ßen, so auch im Klei­nen. Selbst im Lan­des- und Kreis­ver­band setz­te eine klar erkenn­ba­re Spal­tung ein. Auf einem Lan­des­par­tei­tag wur­den plötz­lich Pos­ter mit Slo­gans ange­bracht, die angeb­li­chen Sexis­mus anpran­gern soll­ten. Der Gen­der­wahn griff rasant um sich. Man war links, Anti­fa, anti­ras­sis­tisch und anti­se­xis­tisch, anti­dis­kri­mi­nie­rend und über­haupt anti gegen das Übel der Welt. Woll­te man sich dem all­ge­mei­nen agi­ta­to­ri­schen Druck ent­zie­hen, gehör­te man zum ande­ren Lager, das bekämpft wur­de. Mich irri­tier­te das gewal­tig. Waren die Pira­ten nicht mal als libe­ra­le Kraft der digi­ta­len Revo­lu­ti­on ange­tre­ten? Ging es nicht ursprüng­lich um Frei­heit? Frei­heit im Netz? Mei­nungs­frei­heit? Frei­heit von ideo­lo­gi­schen Scheu­klap­pen? Woll­ten wir nicht "die mit den Fra­gen" sein, die offen für die Pro­ble­me und Sor­gen der ein­fa­chen Bür­ger waren und nach prag­ma­ti­schen Lösun­gen such­ten? Aus wel­chem Grund soll­te man wohl lin­ker als die Links­par­tei sein wol­len? Statt end­gül­tig die bun­des­deut­sche Poli­tik zu entern, wur­den die Pira­ten selbst geen­tert.

VI

2012 wur­de ich als Poli­ti­scher Geschäfts­füh­rer in den Vor­stand des Kreis­ver­bands gewählt. Mit Hoch­druck arbei­te­ten wir in der AG Kom­mu­nal­po­li­tik an der Vor­be­rei­tung der Kom­mu­nal­wahl 2014, bei der wir in Jena das ers­te Mal antra­ten. Wie­der war Durch­hal­te­ver­mö­gen, Fleiß und Ziel­ge­richt­etheit gefragt. Ein wenig Unbe­schei­den­heit muss sein um fest­stel­len zu dür­fen, dass es ohne mich das Kom­mu­nal­wahl­pro­gramm der Pira­ten Jena inhalt­lich und phy­sisch nicht gege­ben hät­te. Über­all in der Stadt waren Pira­ten poli­tisch am Wer­keln: im Umfeld des Stadt­rats, im Bür­ger­haus­halt, im Arbeits­kreis Nah­ver­kehr, in Bür­ger­initia­ti­ven wie "Mein Eich­platz", mit Bür­ger­an­fra­gen und Ein­woh­ner­an­trä­gen. Mir hat am Kreis­ver­band Jena immer gefal­len, dass es da die­sen har­ten Kern gab, der an den The­men dran blieb und ernst­haft poli­ti­schen Erfolg anstreb­te. Es war nicht die schlech­tes­te Zeit. Wir mach­ten uns Hoff­nung auf eine Frak­ti­on im Stadt­rat.

Wahl­pla­kat der Pira­ten Jena 2014

Gleich­zei­tig dis­so­zi­ier­te die Par­tei immer wei­ter aus­ein­an­der. Der lin­ke Flü­gel grün­de­te die pro­gres­si­ve Platt­form. Ein Rohr­kre­pie­rer. Mit bestimm­ten Leu­ten geriet man regel­mä­ßig anein­an­der. Mir waren das gan­ze ideo­lo­gi­sche Geschwätz und die Sinn­los-Dis­kus­sio­nen zuwi­der. Je mehr ich mich für die Pira­ten enga­gier­te, umso mehr wehr­te ich mich gegen die Abwärts­spi­ra­le. Es war zum Ver­zwei­feln. Die Zeit für eine neue Par­tei war güns­tig wie nie. Die FDP war aus dem Bun­des­tag geflo­gen. Die Lücke in der libe­ra­len Mit­te der Gesell­schaft war offen­sicht­lich. Mir ist heu­te rät­sel­haf­ter denn je, war­um die Par­tei lie­ber mit Voll­gas gegen die Wand fuhr, anstatt die­se Chan­cen zu nut­zen. Es gab kein Immun­sys­tem in der Par­tei, das sich hät­te weh­ren kön­nen. Spä­ter wür­de man mir vor­wer­fen, ich hät­te durch mei­nen pole­mi­schen Ton den hal­ben Kreis­ver­band ver­trie­ben. Wer an die­ser Stel­le von mir Reue und Bedau­ern erwar­tet hat, den muss ich ent­täu­schen. Der Vor­wurf stamm­te ein­fach aus der ideo­lo­gi­schen Ecke, die den uner­war­tet star­ken Gegen­wind von mir und min­des­tens zwei wei­te­ren alten wei­ßen Män­nern nicht ver­win­den konn­te.

Bei der Kom­mu­nal­wahl erreich­ten wir in Jena 4.6 % und zogen mit 2 Pira­ten in den Stadt­rat ein. Für mich als Num­mer Drei auf der Lis­te reich­te es nicht. Ange­sichts des heu­ti­gen Zustands der Pira­ten und ange­sichts des unglaub­li­chen Stress- und Arbeits­le­vels der bei­den Stadt­rä­te bin ich dar­über mitt­ler­wei­le ganz froh. Für die Aus­schüs­se brauch­te die neue Zähl­ge­mein­schaft FDP/Piraten auch soge­nann­te Sach­kun­di­ge Bür­ger, die im Gegen­satz zu den gewähl­ten Stadt­rä­ten nicht stimm­be­rech­tigt sind. In die­ser Funk­ti­on sit­ze ich immer noch im Stadt­ent­wick­lungs­aus­schuss.

VII

Wie zu Beginn, so ist es auch am Schluss mit einer Par­tei­mit­glied­schaft wie mit einer Lie­bes­be­zie­hung. Man spürt schon lan­ge vor­her, dass da nichts mehr ist, was zusam­men­passt. Man möch­te das Ende nicht wahr­ha­ben und zögert es hin­aus, bis es fast uner­träg­lich wird. Erst dann fin­det man die Kraft, um die Reiß­lei­ne zu zie­hen. In Jena ist die gesam­te Par­tei­ba­sis weg­ge­bro­chen, außer den bei­den Stadt­rä­ten gibt es fak­tisch kei­ne poli­tisch wahr­nehm­ba­ren Pira­ten mehr. KV und Vor­stand sind nicht mehr hand­lungs­fä­hig und wer­den ab Janu­ar sat­zungs­ge­mäß auch den recht­li­chen Boden unter den Füßen ver­lie­ren. Als letz­ter Stroh­halm wur­de vom Land die Grün­dung eines Regio­nal­ver­bands Wei­mar-Jena vor­ge­schla­gen. Aller­dings wäre das auch nur eine ver­wal­tungs­tech­ni­sche Not­lö­sung, die an der ins­ge­samt pre­kä­ren Situa­ti­on der Par­tei nichts ändern wür­de. Wenn eine Par­tei fort­ge­setzt und beharr­lich die Aus­ein­an­der­set­zung damit ver­wei­gert, war­um man qua­si die gesam­te eige­ne Wäh­ler­schaft ver­prellt hat und dar­aus kei­ne Kon­se­quen­zen zie­hen will, gibt es kei­ne poli­ti­sche Zukunft für die­se Par­tei. Die von mir so oft gestell­te Fra­ge, für wen wir eigent­lich Poli­tik machen wol­len, scheint nach wie vor nur weni­ge Kom­mu­nal­pi­ra­ten umzu­trei­ben, wäh­rend die Par­tei als sol­che wei­ter ideo­lo­gisch vor­de­fi­nier­ten Uto­pi­en und Par­al­lel­wel­ten hin­ter­her­rennt. Die Tat­sa­che, dass man sich dabei als äußerst wich­tig und unver­zicht­bar emp­fin­det, täuscht nicht dar­über hin­weg, dass man Licht­jah­re von der Rea­li­tät, dem Leben und den Nöten ganz nor­ma­ler Leu­te ent­fernt ist. Das hat auch die kürz­li­che Pres­se­mit­tei­lung der Bun­des­par­tei zur G20-Raz­zia, in der man sich völ­lig undif­fe­ren­ziert und pau­schal hin­ter links­ra­di­ka­le Gewalt­tä­ter stellt, wie­der ein­dring­lich gezeigt. Das Außen­bild, das man sich damit gibt, ent­spricht nicht mei­ner poli­ti­schen Über­zeu­gung und ich habe auch kei­ne Lust mehr, mich in mei­nem pri­va­ten und kol­le­gia­len Umfeld für so etwas zu recht­fer­ti­gen.

VIII

Nicht zuletzt, weil die bei­den Jena­er Pira­ten-Stadt­rä­te eine in mei­nen Augen aus­ge­zeich­ne­te Arbeit machen, habe ich lan­ge mit mir geha­dert, die Pira­ten zu ver­las­sen. Mir ist in den letz­ten Mona­ten immer mehr klar gewor­den, dass ich zu viel Kraft und Ener­gie ledig­lich in die Hoff­nung und Erwar­tungs­hal­tung ver­geu­det habe, dass sich noch­mal etwas bei den Pira­ten ändert und eine Rück­be­sin­nung auf die eige­nen Wer­te durch die Par­tei geht. Statt­des­sen wird ledig­lich der Unter­gang tap­fer ver­wal­tet. Die­ser Ver­lust an Ener­gie ohne Rück­kopp­lung hat sich nega­tiv auf mei­ne Gesund­heit und mein sons­ti­ges Leben aus­ge­wirkt.

Die zurück­lie­gen­den Jah­re waren für mich außer­or­dent­lich wert­voll. Ich habe viel über poli­ti­sche Arbeit gelernt, inter­es­san­te und wert­vol­le Men­schen ken­nen­ge­lernt und immer mit Idea­lis­mus und Enga­ge­ment für die Sache gestrit­ten. Dass die Pira­ten das ein­zig­ar­ti­ge his­to­ri­sche Fens­ter, das sich für sie geöff­net hat­te, nicht genutzt haben oder nicht nut­zen konn­ten, ist halt so wie es ist. Ein Ver­such war es wert. Und die Feh­ler, die gemacht wur­den und wei­ter­hin in der Par­tei gemacht wer­den, muss sich jeder Pirat auch selbst auf sei­ne Fah­ne schrei­ben. Das gilt natür­lich für mich genau­so. Ich kann mir vor­stel­len, dass ich für eini­ge ein unbe­que­mer oder gar anstren­gen­der Mit­strei­ter gewe­sen bin. Eine Par­tei ist kein Pony­hof und kei­ne Selbst­hil­fe­grup­pe.

IX

Nicht nur inner­halb der Par­tei, auch außer­halb der Par­tei hat sich viel ver­än­dert. Auch mein eige­nes poli­ti­sches Den­ken hat sich ver­än­dert, ist wer­te­ori­en­tier­ter und kon­ser­va­ti­ver gewor­den. Viel­leicht ist das auch ein Stück weit das Ergeb­nis mei­ner Erfah­run­gen in einer Par­tei, die mal ursprüng­lich etwas ganz Ande­res und Neu­es ver­su­chen woll­te und dann doch nur eine Bruch­lan­dung als digi­ta­le MLPD hin­ge­legt hat. Eine ande­re neue, die­ses Mal rech­te Par­tei, bün­delt nun den berech­tig­ten Pro­test, die Hoff­nun­gen, Sor­gen und Erwar­tun­gen der Bür­ger. Das ist eine logi­sche Ent­wick­lung und auch eine Fol­ge des Ver­sa­gens der Pira­ten. Ich könn­te mir vor­stel­len, dass wir ange­sichts der Pro­ble­me in die­sem Land mal an einen Punkt kom­men, wo man eine mode­ra­te, ver­nünf­ti­ge, libe­ra­le und bür­ger­na­he Pira­ten­par­tei hät­te gut gebrau­chen kön­nen. Lei­der wer­den dann ver­mut­lich ganz ande­re Kräf­te das Schick­sal die­ses Lan­des bestim­men. Man kann nicht ins Was­ser sprin­gen, um sich anschlies­send zu wun­dern, dass man nass gewor­den ist. Die Radi­ka­len mit ihren gro­ßen Ide­en und Pro­jek­tio­nen haben die Welt noch nie zum Bes­se­ren ver­än­dert. Eher trifft das Gegen­teil zu. Und Leu­te, hört end­lich auf, bun­te Bild­chen mit Hash­tags mit Poli­tik zu ver­wech­seln.

X

"Es gibt aber, nicht nur in der deut­schen Kul­tur, aber in ihr ganz beson­ders, die Ver­su­chung zum Kurz­schluß zwi­schen Roman­tik und Poli­tik. Ein Ver­ken­nen der Gren­zen der poli­ti­schen Sphä­re, in der prag­ma­ti­sche Ver­nunft, Sicher­heit, Über­ein­stim­mung, Frie­dens­stif­tung, Gerech­tig­keit maß­geb­lich sein soll­ten, nicht Aben­teu­er­lust, Wil­le zum Extrem, Inten­si­täts­hun­ger, Lie­be und Todes­lust. [...] Das Roman­ti­sche liebt die Extre­me, eine ver­nünf­ti­ge Poli­tik aber den Kom­pro­miß. Wir brau­chen bei­des: die Aben­teu­er der Roman­tik und die Nüch­tern­hei­ten einer abge­ma­ger­ten Poli­tik. Wenn wir die Ver­nunft der Poli­tik und die Lei­den­schaf­ten der Roman­tik nicht als zwei Sphä­ren begrei­fen und als sol­che zu tren­nen wis­sen, wenn wir statt des­sen die bruch­lo­se Ein­heit wün­schen und uns nicht dar­auf ver­ste­hen, in min­des­tens zwei Wel­ten zu leben, dann besteht die Gefahr, daß wir in der Poli­tik ein Aben­teu­er suchen, das wir bes­ser in der Kul­tur fin­den, oder daß wir, umge­kehrt, der Kul­tur die­sel­be sozia­le Nütz­lich­keit abfor­dern wie der Poli­tik. Wün­schens­wert aber ist weder eine aben­teu­er­li­che Poli­tik noch eine poli­tisch kor­rek­te Kul­tur."6

War­um muss ich bei die­sen klu­gen Sät­zen immer an die Pira­ten den­ken?

XI

"Laß die Welt ihren Gang tun, wenn er nicht auf­ge­hal­ten wer­den kann, wir gehn den unsern."
(Fried­rich Höl­der­lin)

 

Sie­he auch:

 

  1. In regel­mäs­si­gen Abstän­den unter­nah­men wir Ver­su­che, eine Hoch­schul­grup­pe zu eta­blie­ren. Selbst über Jah­re hin­weg und mit ver­schie­de­nen Wer­be­ak­tio­nen lock­ten wir damit kei­nen ein­zi­gen Stu­den­ten außer­halb des Pira­ten­um­felds hin­term Ofen her­vor. []
  2. GO = Geschäfts­ord­nung []
  3. Ja, rich­tig gele­sen. Es ging um die Fra­ge, dass das Wahl­recht für jeden gel­ten soll­te und damit auch für Säug­lin­ge. Der Antrag wur­de auf jedem LPT anders ver­packt wie­der neu gestellt. Und jedes Mal abge­lehnt. Zum Schluss einig­te man sich dar­auf, das Wahl­recht ab 14 zu for­dern. []
  4. BGE = Bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men []
  5. Noch heu­te sind die Kom­men­ta­re dar­un­ter lesens­wert. []
  6. Rüdi­ger Safran­ski; Roman­tik — Eine deut­sche Affä­re; Frankfurt/M. 2009, S. 346f. und 392f. []
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5 Kommentare zu “Adieu Piraten!

  1. Ich habe ganz ähn­li­che Erfah­run­gen gemacht und bin eben­falls vor der Bun­des­tags­wahl 2009 ein­ge­tre­ten, aller­dings seit mehr als 1,5 Jah­ren nicht mehr dabei.

    Ich kann dei­ne Aus­füh­run­gen um einen Punkt ergän­zen, und zwar dass zu vie­len Mit­glie­dern selbst die grund­le­gends­ten Regeln sozia­len Ver­hal­tens abgin­gen. Das zeig­te sich nicht nur bei (durch­aus auch klei­nen) Kon­flik­ten, für die die­se Leu­te über­haupt kei­ne Lösungs­an­sät­ze bis auf Mob­ben, Aus­gren­zen und Ver­ba­li­ni­uri­en hat­ten, son­dern auch im nor­ma­len Betrieb, wo auf mensch­li­che Situa­tio­nen nicht adäquat reagiert wer­den konn­te (z. B. Trau­er­fäl­le etc.). Ich kam mir stre­cken­wei­se vor wie in einem Camp für sozi­al Auf­fäl­li­ge, wobei es natü­rilch auch Aus­nah­men gab.

    Ich bin nur noch froh, dass ich aus dem Laden raus bin. Mit eini­gen Ex- und Noch-Pira­ten bin ich immer noch befreun­det, aber wenn es auf Twit­ter heißt "na, viel­leicht kommst du ja wie­der", dann kann ich nur ganz müde lächeln.

    1. Anne, du ver­klärst aber die Vor­gän­ge ganz schön. Ich möch­te das Ver­hal­ten von Ein­zel­nen auch gegen­über dir nicht beur­tei­len, da ist sicher vie­les falsch gelau­fen, aber was ich sicher weiß ist genau dein aso­zia­les Ver­hal­ten, selbst erlebt bei Sit­zun­gen wo du nichts ande­res kann­test als ande­re als unfä­hig und Honks zu bezei­chenn. Lies mal dei­ne Mails dazu und fra­ge dich mal selbst was du zu der Eska­la­ti­on bei­getra­gen hast. Du hast mona­te­lang ande­re belei­digt, gemobbt ... Trau­rig wie man sich die Sache schön­re­den kann. Genau an die­sem unnach­gie­bi­gen Ver­hal­ten sind die Pira­ten geschei­tert.

      Trotz­dem ein­ne guten Rutsch und alles Gute

  2. Ein ziem­lich guter Abriss wor­an und war­um die Pira­ten geschei­tert sind. In Rück­blick bin ich nur froh schon 2012 mich zurück­ge­zo­gen zu haben und mehr oder weni­ger den Nie­der­gang beob­ach­tend zuge­se­hen hat. Wenn man über­legt wie­viel Leu­te hier soviel Ener­gie im gegen­sei­ti­gen Nie­der­ma­chen auf­ge­wandt haben und rea­le Poli­tik "lie­gen blieb". Was hät­te man errei­chen kön­nen wenn nur ein Bruch­teil des gege­sei­ti­gen "Has­ses" in Unter­stüt­zung der Abge­or­den­ten oder Aktio­nen geflos­sen wäre. Auf der einen ist es scha­de wie es gelau­fen ist auf der ande­ren Sei­te bin ich nur froh dass gewis­se Gestal­ten nie in ein Par­la­ment gewählt wur­den. Lei­der haben viel­el immer noch nicht ver­stan­den war­um die Pira­ten fast kei­ner mehr wählt.

    Alles Gute hät­te es mehr Leu­te dei­nes Schla­ges gege­ben wären die Pira­ten jetzt im Bun­des­tag.

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