So geht grün

So geht grün

In Jena gibt es bestimm­te Din­ge, die seit Jah­ren nicht vor­an­kom­men. So gibt es immer noch kein Bür­ger­be­tei­li­gungs­por­tal im Inter­net, auch kei­nen Män­gel­mel­der für die Bür­ger, obwohl letz­te­rer vom Stadt­rat sogar beschlos­sen wur­de.1 Auch die AG Bür­ger­haus­halt hat­te sich jah­re­lang um eine eige­ne Inter­net­sei­te bemüht, lief damit aber nicht nur ins Lee­re, son­dern gänz­lich ins Aus — sie wur­de mitt­ler­wei­le auf­ge­löst. Was die Bür­ger­be­tei­li­gung nicht geschafft hat, schafft das Buzz-word Kli­ma locker. So hat die Stadt selbst­ver­ständ­lich der Jena­er Kli­ma-Anpas­sungs-Stra­te­gie (Jen­KAS) einen eige­nen Netz­auf­tritt spen­diert oder der Schritt-für-Schritt-Kam­pa­gne des (noch) grü­nen Stadt­ent­wick­lungs­de­zer­nats.2 Bei Jen­KAS kann man den denk­wür­di­gen Satz lesen:

"Im Zuge des Kli­ma­wan­dels wer­den sich die Tem­pe­ra­tu­ren an hei­ßen Som­mer­ta­gen deut­lich erhö­hen. Küh­len­de, begrün­te Erho­lungs­räu­me wer­den auch des­halb immer wich­ti­ger."

Wenn man sich dar­an erin­nert, wie bei­spiels­wei­se der Johan­nis­platz im Zuge sei­ner Auf­wer­tung gera­de ent­grünt wur­de, dann ent­puppt sich die­ser Satz als das was er ist: ein Witz. Die­ser Witz, gebo­ren in einem grü­nen Poli­tik­erhirn, ver­kommt noch mehr zum Hohn, wenn man an die tro­cke­ne Was­ser­rin­ne in der Johan­nis­stra­ße denkt, an wei­te­re tot­be­to­nier­te Plät­ze in der Stadt, an den Brun­nen­kampf für den neu­en Stadt-"Garten" auf dem Eich­platz oder an die end­lo­sen Bei­spie­le ver­hunz­ter, tot­ge­pfleg­ter oder gefäll­ter gro­ßer Stadt­bäu­me, deren Nut­zen für die Küh­lung und Begrü­nung ein­fach nie­man­dem auf­fal­len will.

Grü­ne Poli­tik fin­det in der Regel auf dem Papier statt. Und ist aus­ge­spro­chen ein­träg­lich und eigen­nüt­zig. Wäh­rend also die grü­nen Oasen in der Stadt — nicht zuletzt durch Bau­be­schlüs­se des grü­nen Dezer­nats — immer weni­ger wer­den, ver­gibt man neben­bei einen Stu­di­en­auf­trag an das zufäl­li­ger­wei­se par­tei­na­he Thü­rin­ger Insti­tut für Nach­hal­tig­keit und Kli­ma­schutz (ThINK), ansäs­sig in Jena. Man reicht ordent­lich Koh­le rüber und star­tet das Modell­vor­ha­ben

„Grüne Klimaoasen im urbanen Stadtraum Jenas“

Ich muss das hier so groß hin­schrei­ben, weil man es sonst nicht glau­ben kann. Das wird sicher schön wer­den, bun­te Fotos, Gra­fi­ken und Dia­gram­me auf viel Papier, dazu ein paar düs­te­re Kli­ma­pro­gno­sen, damit man auch in Zukunft fet­te Stu­di­en­auf­trä­ge ohne jeg­li­chen Nut­zen abfas­sen kann. Sicher wird man sich dann auch ganz dol­le wun­dern, dass der Johan­nis­platz auf ein­mal — qua­si wie von selbst — zu einem über­hitz­ten Stadt­raum gewor­den ist. Nun ja, dass Anfer­ti­gen wohl­fei­ler Stu­di­en bedeu­tet ja nicht auto­ma­tisch, dass man in der schnö­den Rea­li­tät irgend­et­was anders machen muss.

ThINK? Wer war das noch gleich? Ach­ja, zufäl­li­ger­wei­se auch die, die schon die Jen­KAS erar­bei­tet haben. Natür­lich reicht die Erar­bei­tung nicht, man muss auch regel­mäs­sig eva­lu­ie­ren und fort­schrei­ben und über­ar­bei­ten usw. — sonst fließt ja kein Geld mehr. ThINK fiel auch mit dem genia­len Schach­zug auf, sich ein noch nicht exis­tie­ren­des Stadt­baum­kon­zept (im Zuge des Kli­ma­wan­dels ver­steht sich!) von der Thü­rin­ger Umwelt­mi­nis­te­rin prä­mie­ren zu las­sen, die selbst­re­dend auch zur grü­nen Wir-ret­ten-das-Kli­ma-Par­tei gehört. So konn­te man sich auch wie­der ein paar Schei­ne zuschie­ben, ordent­lich grü­ne Par­tei­wer­bung machen und sich gegen­sei­tig auf die Schul­ter klop­fen. Die­se Eine-grü­ne-Hand-wäscht-die-ande­re-Seil­schaft funk­tio­niert so pri­ma, es ist echt beein­dru­ckend, wenn man mal genau­er hin­schaut. Denn da gibt es noch das Leit­bild Ener­gie und Kli­ma­schutz, 2007 beschlos­sen, 2014 fort­ge­schrie­ben, mit einem zwei­jäh­ri­gen Moni­to­ring und Kurz­be­rich­ten und Aus­wer­tun­gen und die­se gan­zen CO2-Daten, die man da erhe­ben muss. Wer macht das alles? Na ThINK natür­lich, kei­ne Fra­ge. Nicht zu ver­ges­sen das Kli­ma­schutz­kon­zept der Stadt Jena — bit­te nicht ver­wech­seln mit der Jen­KAS! — aber genau­so erar­bei­tet und betreut von ihrem grü­nen Par­tei­in­sti­tut des Ver­trau­ens. Selbst­re­dend ist mir das jetzt ein­fach so aus der Feder gerutscht, denn in Wirk­lich­keit han­delt es sich bei ThINK ja um ein rein pri­vat­wirt­schaft­li­ches Unter­neh­men und kein Anhäng­sel der grü­nen Par­tei. Über­flüs­sig zu erwäh­nen, dass trotz Leit­bild und der vie­len ver­schie­de­nen supi­du­pi bun­ten Kon­zep­te die Kli­ma­zie­le fast alle ver­fehlt wur­den. Das ist gut so und stört auch nie­man­den. Denn dann braucht man vie­le wei­te­re Pro­jek­te und Stu­di­en und Gut­ach­ten.

Schat­ten­spen­den­der Baum vor einer Schu­le in Win­zer­la

Wie sieht es mit Ihrem Blut­druck aus, lie­ber Leser? Denn ich kann nicht umhin, noch eins drauf­zu­set­zen. ThINK hat näm­lich erst kürz­lich aus Mit­teln des Stadt­haus­halts 25000 Euro erhal­ten für eine gaaaaa­anz wich­ti­ge Unter­su­chung. Das neue Pro­jekt nennt sich Kli­ma­an­pas­sung in Kitas und Schu­len. Bei der Prä­sen­ta­ti­on der Ergeb­nis­se im Stadt­ent­wick­lungs­aus­schuss brach­te man es tat­säch­lich fer­tig, dass Wort Tod an die Wand zu pro­ji­zie­ren, um die zukünf­ti­gen Hit­ze­op­fer im Kin­des­al­ter als Droh­ku­lis­se auf­zu­bau­en. Auf­fäl­lig auch, dass die prä­sen­tier­ten Kur­ven der bis­he­ri­gen Tem­pe­ra­tur­ver­än­de­run­gen sich nicht beson­ders stark erhe­ben wol­len. Das ändert sich schlag­ar­tig, wenn ThINK die Pro­gno­se bis 2050 stellt. Dann schnellt das Sze­na­rio in einer Wei­se in die Höhe, dass Jena eigent­lich nur noch als glü­hen­de Savan­ne vor­stell­bar ist (auf einer Kar­te in über­zeu­gend oran­ge-roten Far­ben dar­ge­stellt). Wäh­rend kein Mete­reo­lo­ge es schafft, mal das Wet­ter für die nächs­ten 7 Tage vor­aus­zu­sa­gen, guckt ThINK in die Glas­ku­gel und weiß, was in 50 Jah­ren hier so droht. Respekt! Was, in Got­tes Namen, möch­te man hän­de­rin­gend fra­gen, kann man gegen den dro­hen­den Hit­ze­tod unse­rer Kin­der in den Kitas und Schu­len tun? Ich mei­ne, außer ThINK für vie­le wei­te­re Unter­su­chun­gen zu beauf­tra­gen? Der Ver­tre­ter des Insti­tuts hat für uns atem­be­rau­ben­de Erkennt­nis­se parat: Bäu­me auf Schul­hö­fen wir­ken ver­schat­tend und soll­ten hin und wie­der bewäs­sert wer­den, Son­nen­se­gel wir­ken auch ver­schat­tend, begrün­te Dächer küh­len die dar­un­ter befind­li­che Eta­ge ab, hel­le Fas­sa­den sind bes­ser als dunk­le, "blaue Ele­men­te" wären gut. Man muss an hei­ßen Tagen auch nicht im Klas­sen­zim­mer blei­ben, son­dern könn­te in den Flur oder den Gar­ten aus­wei­chen, so einer vor­han­den ist. Da wäre ja nun nie­mand von allein drauf gekom­men! Da braucht man Exper­ten dafür, vor allem gut­be­zahl­te. Bei Kita-Lei­te­rin­nen und Schul­di­rek­to­ren nach­zu­fra­gen, wäre nicht annä­hernd so erfolg­ver­spre­chend gewe­sen. Gut, dass es Kli­ma­schüt­zer gibt, die den Leu­ten vor Ort erklä­ren, war­um es bei ihnen in der Ein­rich­tung zu heiß ist.

Schaf­fung von Kli­ma­oa­sen an der Leip­zi­ger Stra­ße

Die­ser Tage sind übri­gens wie­der Bäu­me gefal­len, an der Leip­zi­ger Stra­ße. Erstaun­lich, dass die gan­zen teu­ren und exklu­si­ven Erkennt­nis­se des grü­nen Kli­ma­in­sti­tuts den Motor­sä­gen-Leu­ten von KSJ pie­pe­gal sind. Die lesen da auch nicht vor­her nach, wenn sie mal wie­der Bäu­me so "pfle­gen", dass hin­ter­her nur noch der Stamm übrig bleibt. Wahr­schein­lich ken­nen die ThINK nicht mal und die wie­der­um auch nicht die Motor­sä­gen-Leu­te. Das macht aber nichts. Hat ja kei­ner gesagt, dass ein grü­nes Stadt­ent­wick­lungs­de­zer­nat gut für Grün­zeug in der Stadt sein muss. Eher hilf­reich für Bezie­hun­gen und ... hust ... gegen­sei­ti­ge Hil­fe und Unter­stüt­zung. Bin schon ganz gespannt, was so als nächs­tes beauf­tragt wird. Viel­leicht die Kli­ma­an­pas­sungs­stra­te­gie für grü­ne Par­tei­kon­ten, wer weiß.

Nicht dass ich es ver­ges­se: Jena ist übri­gens auch Kli­ma­ak­ti­ve Kom­mu­ne.3 Das ist nach­voll­zieh­bar, aktiv sind hier so man­che. Und wenn das Par­tei­buch stimmt, klin­gelt die Kas­se. Das ist doch schön. So geht Kom­mu­nal­po­li­tik. So geht grün. Es wäre doch rich­tig scha­de, wenn man fest­stel­len wür­de, dass die Tem­pe­ra­tu­ren gar nicht mehr so rich­tig stei­gen wol­len, oder?4 /5 /6 /7

 

Fotos: Baum­fäl­lung an der Leip­zi­ger Stra­ße — Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von Domi­nik Schie­fer

 


  1. Was gar nichts zu sagen hat. Schliess­lich hat der SPD-Ober­bür­ger­meis­ter z.B. per Dienst­an­wei­sung ein­fach den Trans­pa­renz­be­schluss für Stu­di­en und Gut­ach­ten der Stadt ein­fach aus­ge­he­belt. Und die Stadt­rä­te waren brav und haben gekuscht. []
  2. Deren Zugriffs­zah­len lie­gen zwar monat­lich nur im  3-stel­li­gen Bereich, bil­den aber nichts­des­to­trotz sogar eine eige­ne Kenn­zahl im Quar­tals­be­richt des Stadt­ent­wick­lungs­de­zer­nats. Fun­fact: Im erwähn­ten Quar­tals­be­richt wird für das Kon­to "5116 — Ver­kehrs­pla­nung" als ein­zi­ge (!) Kenn­zahl der Anteil an E-Autos an den zuge­las­se­nen PKW auf­ge­führt. Damit wird auch das andau­ern­de Ver­kehrs­de­sas­ter in der Stadt etwas nach­voll­zieh­ba­rer. []
  3. Man woll­te auch gern einen Kli­ma­schutz­ma­na­ger. Des­sen Stel­le soll­te aus För­der­mit­teln, sprich Steu­er­gel­dern bezahlt wer­den. Die För­de­rung wur­de aber abge­lehnt. Es wäre span­nend gewe­sen zu sehen, wen man da voll­ver­sor­gen woll­te. []
  4. https://www.eike-klima-energie.eu/2014/02/10/klimawandel-in-deutschland-real-sinken-seit-25-jahren-die-temperaturen/ []
  5. https://wobleibtdieglobaleerwaermung.wordpress.com/ []
  6. https://de.sott.net/article/13994-Klimawandel-in-Deutschland-Real-sinken-seit-25-Jahren-die-Temperaturen-Teil-1 []
  7. https://de.sott.net/article/14049-Klimawandel-in-Deutschland-Real-sinken-seit-25-Jahren-die-Temperaturen-Teil-2 []
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